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Kommentar : Weniger Angst vor der digitalen Schulwelt

Medienpädagogen sehen in der Nutzung digitaler Medien im Unterricht mehr Chancen als Risiken. Bild: dpa

Wer dem Digitalen eine Nebenrolle zuweist, geht eine riskante Wette auf die Zukunft ein. Denn digitale Bildung wird aus der Schule von morgen nicht mehr wegzudenken sein – und sollte es auch nicht.

          Es ist erst etwa drei Jahre her, da überlegten Eltern, ob Tochter oder Sohn schon mit dreizehn Jahren ein Smartphone besitzen dürfe. Inzwischen haben die meisten Viertklässler ein internetfähiges Handy – die Verbreitung der handlichen Computer mit (selten genutzter) Telefonfunktion verläuft rasant. Die Prognose ist nicht sonderlich gewagt, dass in nicht zu ferner Zukunft schon Kindergartenkinder regelmäßig das Smartphone nutzen werden.

          Kinder und Jugendliche leben immer stärker in der digitalen Welt. Das ist so, ob es den Erwachsenen gefällt oder nicht, und wird sich aller Voraussicht nach auch nicht mehr zurückdrehen lassen. Die Älteren nutzen die digitalen Medien zwar auch zunehmend, doch ist ihnen suspekt, wenn die junge Generation ständig online ist, wenn ihre analogen und digitalen Welten immer stärker verschmelzen.

          Wer über dreißig ist, betont in der Regel die Nachteile dieses Verhaltens: von der Suchtgefahr über einen ungenügenden Datenschutz bis hin zur Förderung von Narzissmus und Optimierungswahn. Das Analoge gilt grundsätzlich als hochwertiger – das Lesen eines Buches, selbst wenn es ein anspruchsloser Schmöker ist, ist in Ordnung („Hauptsache, das Kind liest“), das Lernen anhand von Videos im Internet wird kritisch beäugt.

          Mehr Chancen als Risiken

          Die Erwachsenen haben das Bedürfnis, die Kinder vor der digitalen Welt ein Stück weit zu beschützen. Und wo ließe sich das besser verwirklichen als an einem Ort, an dem sie die Regeln setzen und wo die Kinder viel Zeit verbringen: in der Schule. Ein wenig digital findet man auch dort in Ordnung wie Referate mit Power-Point-Präsentationen und die gelegentliche Recherche im Internet. Aber ein konsequentes Lernen in der digitalen Welt erscheint vielen gefährlich. Das schade der Konzentrations-, Merk-, Lese- und Schreibfähigkeit, befürchten sie.

          Diese Bedenken stehen in einem gewissen Kontrast zu den Aussagen von Medienpädagogen, die in der Nutzung digitaler Medien im Unterricht deutlich mehr Chancen als Risiken sehen – vorausgesetzt, es gibt ein ausgefeiltes pädagogisches Konzept. Mit ihrer Hilfe könne besser auf den einzelnen Schüler eingegangen und die Lernmotivation erhöht werden, betonen sie zum Beispiel. Auch gehe es nicht um die Abschaffung zwischenmenschlicher Interaktion, denn ohne Kommunikation funktioniere Bildung nicht. Auf eine größere Zustimmung stoßen die Fachleute, wenn sie fordern, den Schülern müsste mehr Medienkompetenz vermittelt werden. Das wünschen sich auch viele Eltern – sie selbst können sie ihren Kindern nicht beibringen.

          In Deutschland hat die staatliche Bildungsbürokratie einen großen Einfluss auf die Schulen. Rund 90 Prozent der Schulen sind staatlich, auch ein Großteil der privaten Schulen muss staatliche Vorgaben beachten. Veränderungen im großen Stil gehen in einem solchen System oft nur langsam voran. Oder sie werden überhastet ins Werk gesetzt und können bei Misslingen kaum zurückgedreht werden, wie die Erfahrungen mit der Umstellung der Gymnasien auf acht Jahre Schulzeit (G8) zeigen.

          Lehrer fühlen sich unsicher

          Nun drängen aber die digitalen Medien nicht nur mit großer Macht in die Welt der Kinder und Jugendlichen, sondern auch in viele andere Bereiche; sie verändern, wie wir leben, arbeiten, wirtschaften, und das gewaltig. Nicht wenige Fachleute sehen hier erst den Anfang einer umwälzenden Entwicklung. Schon ein kurzer Blick auf die Pläne der Internetunternehmen im amerikanischen Silicon Valley genügt, um dies für gut möglich zu halten. Vor diesem Hintergrund geht ein Schulsystem, das in der Breite dem Digitalen eine Nebenrolle zuweist, eine riskante Wette auf die Zukunft der jungen Generation ein; denn Schule soll auf das Erwachsenenleben vorbereiten.

          Freilich wird auch hierzulande schon länger über mehr digitale Bildung in der Schule diskutiert, durchaus mit dem Gefühl, es müsse mehr getan werden. Das sagen auch Lehrer in Umfragen. Gleichzeitig offenbaren sie, sich in diesem Bereich sehr unsicher zu fühlen, und fordern mehr Weiterbildungsangebote. Fachleute weisen zudem darauf hin, das Thema sei in der Lehrerausbildung an den Hochschulen noch nicht wirklich angekommen. Doch kann sich ein Land, das stark im internationalen Wettbewerb steht und dessen wichtigste wirtschaftliche Ressource das Wissen und die Kompetenzen seiner Bewohner sind, weiterhin eine von Ängsten geprägte, schleppende digitale Entwicklung des Schulsystems leisten?

          Veränderungen gehen schneller voran, wenn ihr Nutzen erkennbar wird. Doch dazu müssten mehr Schulen umfassende Erfahrungen mit digitalen Medien machen dürfen. Wünschenswert wäre deshalb weniger staatliches Von-oben-Herab, sondern eine stärkere Ermutigung und Unterstützung, wenn Schulen den digitalen Weg probieren wollen. Der Staat sollte den Schulen mehr Freiheit einräumen – und so einen Wettbewerb der Ideen ermöglichen. Und er muss dringend dafür sorgen, dass die digitale Bildung zum verpflichtenden Bestandteil der Lehreraus- und -fortbildung wird, denn wie immer kommt es auch hier auf den Lehrer an.

          Lisa     Becker

          Redakteurin in der Wirtschaft

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          Quelle: F.A.Z.

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