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Weltwirtschaftsforum in Davos : Wer soll diese Welt noch verstehen?

Wo geht es eigentlich lang? In Davos herrscht eine gewisse Orientierungslosigkeit Bild: AP

Die Welt wird immer komplexer, zeigt sich auf dem Davoser Weltwirtschaftsforum. Einfache Erklärungen gibt es nicht. Nur eine alte Gewissheit bleibt bestehen.

          Deutsche Ordoliberale hätten auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos ihre Freude gehabt: So häufig wie in den vergangenen Tagen im Graubündener Landwassertal wurden selten Strukturreformen gefordert - nicht nur für Teile des Euroraums, sondern auch für andere Industrienationen, Schwellen- und Entwicklungsländer. Ob IWF-Generaldirektorin Christine Lagarde, ob Manager aus Banken oder Industrieunternehmen, ob Ökonomen bis hin zu dem Keynesianer Larry Summers - das Wort Strukturreform, das im Englischen nicht anheimelnder klingt als im Deutschen, wurde immer wieder als Auftrag an die Politik formuliert.

          Gerald Braunberger

          Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

          Das Plädoyer für Strukturreformen ist ein Plädoyer für eine Anpassung an eine sich wandelnde Welt, in der Wirtschaftswachstum weiterhin als eine wichtige Voraussetzung für ökonomische, soziale und politische Stabilität betrachtet wird. Aber vieles in dieser Welt erscheint vage, wirkt unbestimmt. Der Eindruck war in vielen Gesprächen und Vorträgen spürbar: Die Welt ändert sich, aber viele sich andeutende Änderungen, die sich häufig eher erahnen als konkret beschreiben lassen, bereiten auch vielen Menschen Sorge, die als Mitglied einer globalen, gut ausgebildeten Elite verstanden werden.

          Was die Elite in ihrem Kurzzeitdomizil in den Schweizer Bergen ebenso empfindet wie viele andere Menschen, die immer häufiger traditionelle Institutionen wie Staaten, Wirtschaft oder Medien in Frage stellen, ist somit eine zumindest subjektiv immer komplexer werdende Welt. Die Davoser Antwort auf die Komplexität ist allerdings eine andere als die vieler populistischer Parteien oder der Pegida-Bewegung: Es gibt keine einfachen Welterklärungen. Und es lohnt und es ist notwendig, nach den komplizierteren zu suchen.

          Blick in die Zukunft: Auch Experten sind überfragt

          Das ist nicht einfach. Beispiel Wirtschaft: Nahezu acht Jahre nach Ausbruch einer Finanzkrise von historischer Dimension erkennen viele Manager und Ökonomen Anzeichen für eine Überwindung dieser Krise vor allem in den Vereinigten Staaten. Aber Europa bleibt noch zurück, und das ist der Grund, warum viele Fachleute in Davos das Anleihekaufprogramm der Europäischen Zentralbank gutheißen, auch wenn sie generell keine großen Erwartungen mehr in die Geldpolitik setzen und sich eigentlich auch von der Zentralbank nicht mehr viel erhoffen.

          Wahrgenommen wird von dem stark amerikanisch geprägten Geist von Davos sehr wohl, dass die Europäische Zentralbank mit ihrer jüngsten Entscheidung eine seit längerem in Gang befindliche Neuausrichtung vollzogen hat. Sie orientiert sich in ihrem Verständnis nicht länger an der Deutschen Bundesbank, sondern an der amerikanischen Federal Reserve.

          Was bedeutet eine zunehmend divergierende Wirtschaftsentwicklung in der Welt? Manche Teilnehmer wie der amerikanische Bankmanager Gary Cohn nehmen in den Kursbewegungen am Devisenmarkt den Ausdruck eines Währungskriegs wahr, in dem Länder oder Währungsblöcke versuchen, durch Abwertungen ihrer Währungen Wettbewerbsvorteile zu erzielen. Lagarde sieht, vielleicht mit Ausnahme Japans, hingegen keinen Hinweis für Währungskriege. Aus ihrer Sicht handelt es sich bei den Wechselkursbewegungen um sinnvolle Marktanpassungen an eine sich ändernde Welt. Und welchen Reim soll man sich aus dem tiefen Fall des Ölpreises machen, dessen weltwirtschaftliche Folgen schwer begreifbar sind? Sogar Vorstandsvorsitzende großer Ölkonzerne wirkten überrascht.

          Der erfolgreiche Hedgefondsmanager David Rubenstein, ein Mann, der schon viel erlebt hat, wurde nach seiner Einschätzung der Wirtschaftsentwicklung gefragt. Rubenstein antwortete, nur leicht kokett, seine Antwort solle nicht ernst genommen nehmen. Vor einem Jahr habe man ihn schon einmal gefragt, und damals hätte er sich weder die seitherige Aufwertung des Dollar noch den Fall des Ölpreises oder gar eine Deflationsgefahr im Euroraum vorstellen können.

          Überleben mit zwei Dollar am Tag? Für die Teilnehmer kaum vorstellbar
          Überleben mit zwei Dollar am Tag? Für die Teilnehmer kaum vorstellbar : Bild: dpa

          Summers erinnerte daran, dass Rezessionen üblicherweise nicht vorausgesehen würden. Dass trotz expansiver Geldpolitik in vielen Ländern die Inflationsraten außergewöhnlich niedrig bleiben, betrachtet der erfahrene Hedgefondsmanager Ray Dalio als ein Ausdruck grundlegender wirtschaftlicher Veränderungen, deren Folgen schwer fassbar seien.

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