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Weltwirtschaftsforum : Die Ungleichgewichte von Davos

Davos Bild: AFP

In Davos werden sich auf dem Weltwirtschaftsforum wieder Großverdiener über die Ungleichgewichte in der Welt unterhalten. Um Weltverbesserung geht es ihnen dabei weniger, eher um Kontaktpflege. Doch allen Unkenrufen zum Trotz: Es ist gut, dass es das Treffen gibt.

          In den vergangenen Jahren war es unter den Teilnehmern nicht mehr zu überhören: Das Weltwirtschaftsforum in Davos entwickelt sich zu einem immer intensiveren Aufeinandertreffen von Optimisten und Pessimisten. Der Veranstalter setzt zwar auf Optimismus, aber dem Forums-Gründer Klaus Schwab gelingt es dennoch, Themen zu setzen, die zum Nachdenken zwingen. Das war im vergangenen Jahr die von ihm angestoßene Debatte über die Zukunft des Kapitalismus, die die nach Davos gereisten Manager überrascht und sprachlos gemacht hat. Dieses Mal kritisiert er die zu hohe Entlohnung vieler Vorstände: Kein Chef solle mehr als 20mal so viel verdienen wie sein am schlechtesten bezahlter Angestellter, fordert Schwab. Ein Verhältnis von 1 zu 100 und darüber hinaus sei nicht mehr sozialverträglich. Da hat Schwab recht - und doch sind genau diese Bestverdiener unter denen, die sich in Davos auf seine Einladung zum Stelldichein treffen.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

          Dem Forum würde aber seine Grundlage entzogen, würde man nicht mehr daran glauben, dass es im Ergebnis der Diskussionen und dadurch angestoßener Veränderungsprozesse gelingt, den einen oder anderen Manager oder Politiker zur Einsicht zu bringen und den „Zustand der Welt“ zu verbessern - wie es der Untertitel einer jeden Veranstaltung verkündet. Viele derjenigen, die nach Davos reisen, teilen denn auch die grundsätzliche Überzeugung, dass sich die Welt mitsamt einer sich reformierenden kapitalistischen Wirtschaftsordnung zum Besseren entwickeln kann.

          Die Pessimisten sind sich da nicht so sicher. Sie verweisen auf die immer größeren sozialen Ungleichgewichte - nicht nur mit Blick auf die Vorstandsgehälter. Hinzu kommen Umweltzerstörung, Luftverschmutzung wie gerade erst wieder in China zu sehen, Wassermangel. Weitere Sorgen kommen hinzu: die Unfähigkeit Europas und Amerikas, die Schuldenprobleme nachhaltig in den Griff zu bekommen, die Bemühungen Chinas, die freie Meinungsäußerung auch im Internet stark zu behindern, die Unregierbarkeit der Megastädte. Diese Liste ließe sich leicht um weitere Punkte verlängern, die mit den Stichworten Währungskrieg, Protektionismus und Jugendarbeitslosigkeit nicht enden.

          Einmal abgesehen davon, dass es in Davos den meisten Besuchern gewiss weniger um die Weltverbesserung und mehr um die Kontaktpflege zu Geschäftsfreunden geht, finden unter dieser Oberfläche und jenseits der schlagzeilenträchtigen Aufritte der Politiker tatsächlich einige Diskussionen statt, die das Ringen zwischen Optimisten und Pessimisten zu einem fruchtbaren Gedankenaustausch werden lassen. Man muss diese allerdings im Programm suchen; manchmal findet man sie sogar „nur“ im Stapel persönlicher Einladungen zu den Veranstaltungen jenseits des offiziellen Programms.

          Unter dem Oberthema dieses Jahres, „Resilient Dynamism“, übersetzt also „Widerstandsfähige Dynamik“, lässt sich ohnehin wieder jedes globale Großthema subsumieren, das man sich vorstellen kann. Tatsächlich wird es angesichts der vielen aus dem Land anwesenden Politiker stark um Russland und seinen Vorsitz der G 20 gehen, auch um den Zustand der Finanzmärkte im Angesicht der Schuldenkrise und um die Zukunft Chinas. Und über allem schwebt die Klammer einer zunehmend digital vernetzten Welt. An diesem Punkt gilt es innezuhalten. Denn in der Informationstechnologie lässt sich das Ringen zwischen Optimisten und Pessimisten exemplarisch beleuchten: Die einen glauben, dass die vernetzte Welt den Austausch von Wissen und die Kritik an politischen und gesellschaftlichen Fehlentwicklungen so vereinfacht, dass die politischen und gesellschaftlichen Systeme dadurch voneinander lernen. Sie hoffen, dass autoritär geführte Länder demokratischer werden und Demokratien in wichtigen Punkten schneller zu einem gesellschaftlichen Konsens kommen, als dies in Europa oder den Vereinigten Staaten der Fall ist. In diesem Szenario sind Harmonie und Kooperation die Zukunft; Ungleichgewichte schwächen sich ab. Der Karstadt-Eigner und Investor Nicolas Berggruen wird in Davos ein provozierendes Buch zu diesem Thema vorlegen.

          Andere argumentieren skeptischer: dass die neuen digitalen Phänomene allenfalls die Äußerungen eines sich online artikulierenden Mobs bedeutender machen, dass sie eine Ursache immer neuer Finanz- und Bankenkrisen sind und dass sich Diktaturen weniger um Facebook & Co. scheren, als es deren Chefs aus dem Silicon Valley die Welt glauben machen wollen. Nicht zuletzt seien es gerade diese Unternehmen, die vor Zensur nicht zurückschrecken, die Daten ihrer Nutzer aus geschäftlichen Interessen sammeln. Dies täten sie gewiss nicht, um den Zustand der Welt zu verbessern.

          Vermutlich steckt mehr Wahrheit im Szenario der Pessimisten. Aber die einzige Antwort darauf ist, dass man eben nicht virtuell, sondern persönlich im Gespräch bleiben muss, um einander zu verstehen. Nur dann - und mit weniger Ungleichgewichten - würde die Entwicklung der Welt wirklich widerstandsfähig bleiben. Deshalb ist es gut, dass es das Treffen gibt. Zu sagen, man könne auch alles lassen, wäre ein Sieg für die Pessimisten. Und das kann niemand wollen.

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