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Veröffentlicht: 19.01.2017, 16:06 Uhr

SAP-Vorstandsmitglied Leukert „Alles wird zu 100 Prozent recyclingfähig sein“

Bernd Leukert ist im SAP-Vorstand für Innovationen zuständig. Er will, dass Kunden ihre Produkte bald selbst herstellen und setzt große Hoffnungen in die künstliche Intelligenz.

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© Picture-Alliance Bernd Leuckert: der Mann für Innovationen im SAP-Vorstand

Bernd Leukert ist als Mitglied des Vorstands des deutschen Softwarekonzerns SAP immer wieder einmal für eine Überraschung gut. Im vergangenen Jahr hatte er auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos mit seinem Plädoyer für ein bedingungsloses Grundeinkommen für Aufsehen gesorgt. In diesem Jahr prognostiziert Leukert mit Blick auf die nächsten Jahrzehnte nichts weniger als ein Wirtschaftssystem, das eines Tages ohne die Produktion von Abfällen auskommt. Der SAP-Manager meint das ernst: „Die Auslieferung durch Drohnen ist nur eine Übergangstechnologie. Wenn Produkte individuell hergestellt und in der eigenen Wohnung produziert werden, braucht man so etwas nicht mehr.“

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In der Folge würden sich dann Geschäftsmodelle radikal verändern: „Alles wird zu 100 Prozent recyclingfähig sein.“ Die Menschheit habe auch gar keine andere Wahl – schließlich seien die Ressourcen, die der wachsenden Weltbevölkerung zur Verfügung stehen, begrenzt. „Und stellen Sie sich die Vorteile vor, die die Individualisierung bietet: Die Produkte werden dadurch auch besser. Ein Brillengestell ließe sich exakt nach Ihren Wünschen anfertigen – oder man wäre endlich diese Skischuhe los, die sowieso nie richtig passen.“

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Diese Beispiele, die Leukert anführt, ließen sich auf Teile eines Autos ebenso übertragen wie Dübel oder beinahe jedes andere vorstellbare Produkt: „Die Individualisierung setzt natürlich voraus, dass die Unternehmen den Kunden zuhören und auch wirklich ihre Wünsche befriedigen.“ Was damit gemeint ist, macht der SAP-Manager an der typischen Fragestellung eines Dübelherstellers deutlich, die ihm spontan in den Sinn kommt:

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„Den meisten Menschen macht es doch keinen Spaß, zu Hause irgendeinen Gegenstand gerade an die Wand zu dübeln. Der Vorgang ist kompliziert und fehlerbehaftet. Man könnte aber doch zum Beispiel in Zusammenarbeit mit einem Hersteller wie Bosch eine Bohrmaschine entwickeln, die in der Lage ist, bei mehreren Bohrlöchern exakt den gewünschten parallelen Abstand zum anderen Bohrloch vorzugeben – und dafür die passenden Dübel entwickeln.“

Keine Zukunftsideen aus dem Wolkenkucksheim

Solche Lösungsansätze entstehen häufig, wenn man denn mit Kunden über deren Bedarf spreche – und die Digitalisierung mache es möglich, völlig neue Produkte auf der Basis dieser Wünsche zu entwickeln. Für so etwas ist in den Augen von Leukert nicht zuletzt die kreative „Design Thinking“-Methode zur Entwicklung von neuen Produkten das ideale Werkzeug. Selbstverständlich sei es, alles zu tun, die eigenen Mitarbeiter im Rahmen von Weiterbildung dazu zu befähigen, mit dem technischen Wandel mitzuhalten. Dazu unternehme SAP erhebliche Anstrengungen, etwa im Rahmen von Online-Weiterbildungsangeboten.

Leukert formuliert solche Gedanken mit einem großen Fundament an betrieblicher Erfahrung. Denn bei SAP leitet er strategische Innovationsinitiativen und soll neue Wachstumsmöglichkeiten für den Konzern erschließen, unter anderen in den Bereichen Internet der Dinge und Industrie 4.0. Auf seinen Rat hören viele: Bald übernimmt er die Leitung der Plattform Industrie 4.0 für die Digitalisierung der Wirtschaft in Deutschland und löst damit den scheidenden Siemens-Vorstand Siegfried Russwurm als Leiter des Lenkungskreises ab.

Für den Software-Hersteller arbeitet der 1967 geborene Leukert schon seit 1994. Damals begann er – nach seinem Abschluss als Wirtschaftsingenieur an der Universität Karlsruhe – als Softwareentwickler für SAP R/3. Insofern ist der Manager weit davon entfernt, seine Zukunftsideen im Wolkenkucksheim zu entwickeln, denn die Frage, wie auch SAP von den neuen Entwicklungen profitieren kann, hat er berufsbedingt stets im Auge:

44286674 © dpa Vergrößern Ein Mannschaftsbild der SAP-Vorstandsmitglieder: Gerhard Oswald (v.l.n.r.) und Michael Kleinemeier, Vorstandssprecher Bill McDermott, der Aufsichtsratsvorsitzende Hasso Plattner, Finanzvorstand Luka Mucic, sowie die Vorstandsmitglieder Bernd Leukert, Stefan Ries, Robert Enslin und Steve Singh

„Es geht nicht darum, unsere Software in die Cloud zu bringen und zu glauben, damit seien die Dinge erledigt“, sagt Leukert. Vielmehr müssten die jüngsten Entwicklungen, etwa auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz oder Datenanalyse, so in die Programme eingebaut werden, dass Kunden einen erkennbaren Nutzen damit verbinden.

Stellenverluste durch Innovationen? Hat es immer gegeben

Künstliche Intelligenz sei konkret dazu in der Lage, Stillstandszeiten von Produkten zu verhindern – und dadurch eben auch, einen unnötigen Austausch zu vermeiden. „Zugleich gehe ich davon aus, das zum Beispiel mein Kühlschrank durch Software-Updates effizient bleibt“, sagt er. Und schon kommt Leukert seiner ressourcenschonenden neuen Wirtschaftswelt wieder einen Schritt näher.

Mit Blick auf die Frage, wer in einer Welt, in der künstliche Intelligenz immer wichtiger wird, die Standards setzen kann und ob es dafür einer grenzüberschreitenden Kooperation möglichst vieler Staaten bedarf, ist Leukert gelassen: „In der Welt der Mobiltelefone hat, als das iPhone vor zehn Jahren auf den Markt kam, auch niemand einen Standard gesetzt“, sagt er, „das hat der Markt entschieden, und so wird es auch auf diesem neuen Gebiet der Digitalisierung sein.“

Der SAP-Manager geht jedoch davon aus, dass sich die Unternehmen, die mit der Hilfe ihrer Kunden eine Art Standard gesetzt haben, diesen später von den entsprechenden Gremien werden schützen lassen wollen. So oder so: Der neuen Welt, die durch die Digitalisierung entsteht, blickt Leukert mit Vorfreude entgegen. Stellenverluste im Zuge des technischen Fortschritts habe es immer gegeben, aber stets wachse auch Neues, ist er überzeugt. Allerdings ist dieses Neue ja auch genau das, wofür er bei SAP zuständig ist.

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