25.01.2012 · Das Weltwirtschaftsforum diskutiert lebhaft über den Reformbedarf im kapitalistischen System. Aber welches System ist besser? China jedenfalls tauge als Vorbild nicht.
Von Carsten KnopAuf dem Weltwirtschaftsforum in Davos steht der westliche Kapitalismus unter erheblicher Kritik. Klaus Schwab, der Gründer des Forums, hatte schon vor Beginn der Veranstaltung das Thema gesetzt: Das System passe in seiner heutigen Form nicht mehr in die Welt. Verstärkt wurde diese Botschaft von verschiedenen zum Forum veröffentlichten Umfrageergebnissen, die zeigen, wie sehr das Vertrauen der Menschen in Politiker, Unternehmer und vor allem Banker nachgelassen hat. Wie zum Beweis finden sich in diesem Jahr auch ein paar Aktivisten der Occupy-Bewegung ganz in der Nähe des eingeschneiten Konferenzzentrums. Sie haben dort - mehr für die Kameras als für die Teilnehmer sichtbar - ihre Iglus aufgebaut.
Manchen der anwesenden Wirtschaftsführer hat die Wucht der Diskussion zum Auftakt des Forums gleichwohl überrascht. Sie suchen nach Worten - und vermögen das Publikum nicht zu überzeugen. Die Zyklen des Auf und Ab gehörten eben zum Kapitalismus dazu, versuchte Brian Moynihan, der Vorstandsvorsitzende der Bank of America, die Banken und das Wirtschaftssystem zu verteidigen. Die Banken hätten aus der Krise schon viel gelernt, sie seien in ihrem Handeln aber ohnehin nur das Spiegelbild der Gesellschaft. „Wir sind groß, weil unsere Kunden groß sind“, sagte Moynihan. Eine Bank mache eben die Geschäfte, die die Kunden wollten. Deshalb genössen die Banken auch keine „unfairen“ Vorteile, zum Beispiel wenn sie vom Steuerzahler allein schon wegen ihrer Größe gerettet werden müssen.
Das brachte Moynihan heftige Kritik von Sharan Burrow ein, der Chefin des Internationalen Gewerkschaftsbundes ITUC, der Moynihans Äußerungen nicht selbstkritisch genug waren: „Wir haben unseren moralischen Kompass verloren“, sagte Burrow. Wenn sich dass nicht ändere und sich die Unternehmen und die Regierungen nicht dafür einsetzten, die Arbeitnehmer vor den Auswüchsen des Kapitalismus zu schützen, werde niemand die sozialen Unruhen mögen, die daraus folgten. In dieser Hinsicht sei Deutschland mit seinen Kurzarbeiterreglungen vorbildlich. Das ganze Wirtschaftsmodell müsse neu gestaltet werden, forderte Burrow. Und auch eine Umfrage im Publikum hatte zuvor ergeben, dass die breite Mehrheit der Anwesenden den Kapitalismus in seiner heutigen Form für reformbedürftig hält.
Als erster fand David Rubenstein, der Mitbegründer und Managing Director des Finanzinvestors Carlyle Group, zu seiner Fassung zurück: „Der Kapitalismus ist vielleicht das schlimmste System, mit Ausnahme aller anderen Systeme“, sagte Rubenstein. Kein anderes System habe in den vergangenen Jahrzehnten so viele Arbeitsplätze und so viel Wohlstand geschaffen wie der Kapitalismus. Das einzige große Problem sei tatsächlich, dass der Kapitalismus nicht dazu in der Lage sei, die großen Ausschläge nach oben und nach unten ausreichend abzuschwächen. Es gehe deshalb auch gar nicht darum, die Märkte stärker zur regulieren. Es müsse viel mehr gelingen, mit den Eingriffen von Regulierern schneller auf aktuelle Schwierigkeiten zu reagieren - und die Ziele klarer zu kommunizieren.
Rubenstein räumte ein, dass derzeit viele Menschen unter den Exzessen des Kapitalismus leiden. Es sei aber auch nicht so, dass es die Geschäftsleute darauf angelegt hätten, das System zu zerstören. „Im Gegenteil, wir wollen doch, dass unser Wirtschaftssystem funktioniert.“ Nach Ansicht der Unternehmer gehört zur Reform des Wirtschaftssystems vor allem mehr Klarheit und Reaktionsgeschwindigkeit in der Politik: „Es geht in dieser Debatte nicht einfach nur um Konzerne und Gier. Es geht um Entscheidungen“, sagte Ben Verwaayen, der Vorstandsvorsitzende des Telekommunikationsausrüsters Alcatel-Lucent: „Warum dauert es in Europa zwei Jahre, um einen ordentlichen Plan zu entwerfen, mit dem man der Krise Herr werden kann?“
Die Antwort auf die derzeitige Krise seien bessere Gesetze, eine bessere Ausbildung und bessere Rahmenbedingungen für Innovationen und Kreativität, waren sich Rubenstein und Verwaayen einig. In einer anderen Diskussionsrunde fragte Duncan Niederauer, der Vorstandsvorsitzende der New York Stock Exchange (Nyse): „Alle wollen mehr Arbeitsplätze, aber warum mag plötzlich keiner mehr diejenigen, die die Stellen schaffen?“ Es bestehe gar kein Anlass für zu viel Depression. Das System funktioniere; die Bilanzen der Unternehmen seien so solide wie seit langer Zeit nicht mehr.
Allerdings werde die Wirtschaft noch für eine längere Zeit vom Bestreben der Banken bestimmt sein, weniger Kredite zu vergeben, dem „Deleveraging“. Kapital sei zwar überall auf der Welt vorhanden, es werde künftig aber anders und von anderen verteilt. Deshalb sei es für die Börsen wichtig, sich auf ihre Ursprünge zu besinnen: „Wir können Kapital zur Verfügung stellen, auch für kleinere und mittlere Unternehmen“, warb Niederauer inmitten der Kapitalismusdebatte für die urkapitalistische Dienstleistung eines Börsenplatzes. Und die Unternehmer könnten sich in Davos oder anderswo nicht einfach hinsetzen und auf mehr politische Klarheit warten.
Das chinesische Modell eines staatlich gelenkten Kapitalismus sei dem westlichen jedenfalls nicht überlegen, findet Rubenstein. Gerade wenn es darum gehe, große Unternehmen dauerhaft über Innovationen abzusichern, offenbarten sich die Nachteile: „Und wir im Westen haben schon eine große Zahl innovativer Unternehmen.“ China allein werde es ohnehin nicht schaffen, die westliche Welt aus ihrer Wachstumsschwäche zu befreien. Dafür seien auch hier eigene Ideen gefragt.
Wie erfolgreich der Kapitalismus sein kann, wenn genau das gelingt, bekräftigte John Chambers, der Vorstandsvorsitzende des amerikanischen Technologiekonzerns Cisco Systems: „Wir haben seit der Gründung von Cisco aus 10.000 Mitarbeitern Millionäre gemacht.“ Was im Kapitalismus aber passiere, wenn es nicht gelinge, innovativ zu sein, weiß Chambers auch: „1990 hatten wir 100 ernstzunehmende Wettbewerber, jetzt sind es noch zwei.“
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Carsten Knop Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für die Unternehmensberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.
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