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Weltwirtschaft Hier Phönix, dort Asche

 ·  Für die Deutschen war 2010 ein Jahr des unverhofften Booms. Niemand hatte erwartet, dass der Aufstieg aus der tiefsten Rezession seit dem Krieg so schnell gelingen könnte. Schlecht entwickelt aber hat sich die europäische Währungsunion. Auch Amerikas Wirtschaftspolitik kann ein mulmiges Gefühl auslösen.

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Licht und Schatten liegen nah beisammen, blickt man auf das wundersame Jahr 2010 zurück. Für die Deutschen war es ein Jahr des unverhofften Booms. Niemand hatte erwartet, dass der Aufstieg aus der tiefsten Rezession seit dem Krieg so schnell gelingen könnte. Wie Phönix aus der Asche hat sich die deutsche Wirtschaft erhoben und erobert mit ihren technisch und qualitativ überzeugenden Produkten die asiatischen Märkte. Nach einem Wachstum von fast vier Prozent ist das frühere Rekordniveau in Sicht. Zunächst hat der Export die Erholung angeführt, dann griff sie auf die Binnenwirtschaft über. Mehr Investitionen und langsam auch mehr Konsum geben dem Aufschwung Breite. Die Arbeitslosenzahl wird 2011 im Durchschnitt unter drei Millionen sinken, selbst der Traum von Vollbeschäftigung ist in ein paar Jahren denkbar. Voll Bewunderung schreibt die internationale Presse über dieses deutsche "Wirtschaftswunder".

Man muss nur eine Flugstunde weit reisen, um Volkswirtschaften zu sehen, die in der Asche liegen. Trümmer des Aufschwungs am Häusermarkt stehen in Irland und Spanien gespenstisch in der Landschaft. Statt Aufbruchstimmung herrscht Angst vor der Zukunft. Zum Teil extrem hohe Arbeitslosigkeit - in Spanien mehr als 20 Prozent - belastet vor allem die junge Generation. Die Alten erleben, wie ihre Renten gekürzt werden. An der Euro-Peripherie, wo in den Jahren der niedrigen Zinsen viel zu viel Kredit aufgenommen wurde, stöhnen die Staaten unter Schuldenbergen. Griechenland, das mit einer Gewaltkur seine Defizite zu senken versucht, steckt noch immer in der Rezession. Angesichts einer Schuldenquote, die nach EU-Projektion in zwei Jahren über 150 Prozent der Wirtschaftsleistung steigt, ist zweifelhaft, ob dieses Land all seinen Zahlungsverpflichtungen nachkommen kann.

Eine Euro-Anleihe wäre ein fatales Signal

Die Euro-Krise ist keineswegs ausgestanden. Nachdem schon Irland den großen Rettungsschirm beansprucht hat, dürfte Portugal diesen Schritt nicht mehr lange hinauszögern. Dann könnte das Misstrauen auch auf Spanien übergreifen. Dessen Schuldenstand ist bislang zwar noch recht niedrig, in einigen Banken lauern jedoch viele faule Kredite. In diesem Fall wären die Rettungskapazitäten weitgehend ausgeschöpft.

Die Entwicklung der Währungsunion ist insgesamt ein Trauerspiel. Regeln wurden gebrochen, Prinzipien verbogen. Trotz der vertraglichen Sicherung gegen eine Haftung für fremde Schulden (No bail out) sitzen nun alle Staaten mehr oder weniger in einem Schuldenboot.

Im neuen Jahr wird auch die Diskussion über eine Euro-Anleihe wieder aufflammen. Gemeinsame Anleihen wären aber ein fatales Signal, weil sie Bonitätsunterschiede nivellieren. Relativ gute Schuldner wie Deutschland würden durch höhere Zinsen bestraft, unverantwortliche Haushaltspolitik würde belohnt. Um solche Effekte auszuschließen, wird in Brüssel eine schärfere zentrale Kontrolle der nationalen Haushaltspolitiken vorbereitet. Das mag kurzfristig klug erscheinen, langfristig verstärkt es den Zentralismus der Union. Die Krise wird dafür genutzt, noch mehr Kompetenzen auf die supranationale Ebene zu verlagern, obwohl dies eine Verwässerung nationaler Verantwortung und demokratischer Kontrolle bedeutet. Die Bürger verfolgen mit mulmigem Gefühl diesen "Turmbau zu Brüssel".

Bemerkenswerte Staatsgläubigkeit

Auch der Streit über die Handelsungleichgewichte wird im neuen Jahr abermals aufflammen. Nach französischen Vorstellungen soll es künftig nicht bloß eine allgemeine Abstimmung über die Wirtschafts- und Finanzpolitik geben, um Fehlentwicklungen wie in Griechenland frühzeitig aufzuhalten. Die französischen Vorschläge gegen "Exportungleichgewichte", wie sie Finanzministerin Christine Lagarde vorträgt, sind unverhohlen dirigistisch, ja fast planwirtschaftlich, und sie zeugen von bemerkenswerter Staatsgläubigkeit. Zentralistische Integration ist aber kein Ausweg, sondern eine Sackgasse. Sie bedeutete das Ende für ein Europa, das sich über den Wettbewerb koordiniert und fortentwickelt.

Auch Amerika ist auf der Suche nach einem neuen Selbstbild. Die bislang größte und mächtigste Volkswirtschaft der Welt spürt China im Nacken und kämpft mit den Spätfolgen der Krise. Amerika versucht, genau auf demselben Weg, der in die Krise geführt hat, aus ihr herauszufinden, nämlich mit viel billigem Geld und Kredit. Ob das gutgeht, ist fraglich. Schon stellt Washington verunsichert fest, dass sich Wachstum auch mit noch so großen Konjunkturspritzen und einer extrem expansiven Geldpolitik nicht erzwingen lässt. Die Folgen der Dollar-Flut können indes neue Preisblasen und Währungsturbulenzen auslösen. Bei einem plötzlichen Vertrauensverlust in den Dollar, der auf andere Weise als der Euro mit strukturellen Schwierigkeiten kämpft, wären Erschütterungen programmiert. Und die Schwellenländer, die der Weltwirtschaft im vergangenen Jahr den Schwung verliehen haben, können nicht alles herausreißen. Sie sehen sich schon gezwungen, den Kapitalzufluss zu bremsen, um einer konjunkturellen Überhitzung und inflationärem Druck vorzubeugen.

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Jahrgang 1979, Redakteur in der Wirtschaft.

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