Wenigstens aus Fernost kommt ein Lichtblick für die Weltwirtschaft. Während sich die Lage in der EU immer mehr verdüstert, meldet China überraschend gute Außenhandelszahlen. Das ist bedeutsam für internationale Unternehmen und Anleger, denn das Land ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der Erde, der wichtigste Exporteur, der reichste Devisenbesitzer und Amerikas größter Gläubiger. Die EU ist Chinas größter Markt, zudem sollen rund ein Viertel des weltgrößten Fremdwährungsschatzes von 3300 Milliarden Dollar in Euro angelegt sein.
Hohe Nachfrage aus den Vereinigten Staaten
Wie die Zollverwaltung in Peking am Sonntag bekanntgab, kletterte der Export im Mai im Vorjahresvergleich um 15,3 Prozent, der Import nahm um 12,7 Prozent zu. Das überstieg sowohl die Erwartungen der Analysten als auch die April-Werte. Der Warenaustausch mit der EU wuchs nur moderat, für den Aufwind sorgte hingegen die überraschend hohe Nachfrage aus den Vereinigten Staaten, Chinas zweitwichtigstem Handelspartner. Der Anstieg betrug hier 23 Prozent.
Chinas Handelsüberschuss ist in den ersten fünf Monaten um 65 Prozent auf fast 38 Milliarden Dollar gestiegen. Das dürfte den Druck auf die Zentralbank erhöhen, den Renminbi (Yuan) aufzuwerten, den Amerika, der Weltwährungsfonds IWF und andere für unterbewertet halten. Nachdem die Währung 2011 gegenüber dem Dollar fast 5 Prozent zugelegt hatte, ist sie 2012 um bisher 1,2 Prozent gefallen.
Die Inflation im Mai war mit 3,0 Prozent geringer als im April und als vorhergesagt. Weil die Teuerung weitgehend unter Kontrolle scheint, konnte die Zentralbank vor vier Tagen die Zinsen senken, um die Wirtschaft anzukurbeln. Die Banken sagen eine weitere Lockerung der Geldpolitik voraus, da es im Mai auch sehr enttäuschende Daten gab: Nach Zahlen des Statistikamts wuchs die Industrieproduktion zum zweiten Mal hintereinander um weniger als 10 Prozent; das hatte es drei Jahre lang nicht gegeben.
Am Scheideweg
Die Einzelhandelsumsätze stiegen so langsam wie seit fast sechs Jahren nicht. Die Investitionen sind in den ersten fünf Monaten schwächer gewachsen als im Vergleichzeitraum der letzten elf Jahre.
Die Veröffentlichung dieser sowohl unerwartet positiven wie negativen Konjunkturdaten deutet nach Meinung von Fachleuten darauf hin, dass China am Scheideweg steht. In den kommenden Monaten werde sich zeigen, wie sehr die Euro-Schuldenkrise die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft der Welt belastet.
Banken und internationale Institutionen haben ihre Wachstumserwartungen für China bereits verringert. So erwartet JP Morgan in diesem Jahr nur noch eine Zunahme des Bruttoinlandsprodukts um 7,7 Prozent. Das ist für westliche Maßstäbe viel, wäre aber der schwächste Wert seit 1999. Im vergangenen Jahr hatte das Wachstum noch 9,2 Prozent betragen.