08.12.2010 · Viele Unternehmen schützen das Klima - freiwillig. Denn eine gute Öko-Bilanz ist gut für den Ruf. Sie kommt nicht nur bei den Kunden an. Die Unternehmen haben auch potentielle Investoren im Blick.
Von Andreas Mihm, CancúnDas mit den wassersparenden Brauseduschköpfen hat dann doch noch nicht funktioniert. Die haben die Tchibo-Kunden nicht sehr interessiert. Jedenfalls nicht so, wie es sich Stefan Dierks anlässlich der „grünen Woche“ bei Tchibo erhofft hatte. „Solche Produkte sind nicht gelernt“, sagt er. Dabei schwingt mehr Hoffnung als Resignation mit. Dierks ist bei Tchibo für den Klimawandel zuständig. Genauer gesagt, dafür, wie das Unternehmen sich auf dessen Folgen einstellt. Denn dass es diese Folgen gibt, davon ist der Senior Manager Corporate Responsibility überzeugt: „Wir merken schon jetzt, dass sich der Klimawandel negativ auf die Qualität von Kaffee und Baumwolle auswirkt.“
Tchibo ist nicht nur einer der größten deutschen Kaffeeröster, sondern auch Textilhändler und Anbietern von Holzprodukten aller Art: Liegestühle, Tische, Terrassenmöbel. Die, allesamt mit dem Siegel für nachhaltige Forstwirtschaft beklebt, gingen weg „wie geschnitten Brot“, berichtete Dierks unlängst auf einer Tagung in Berlin.
Klimaschutz und Konsum
Tchibo gehört neben Rewe, Frosta, dm, Tengelmann, Henkel, der Deutschen Telekom, der Brauerei Krombacher und dem Getränkepackunghersteller Tetra Pak zu einer Gruppe von Unternehmen, die herausfinden wollen, was sie für einen „umweltverträglichen Konsum“ beitragen können. Vor zwei Jahren haben sie mit dem Öko-Institut begonnen, „Konsum als Stellgröße für den Klimaschutz“ zu erkunden. Denn von den 10,2 Tonnen Kohlendioxid, die der Durchschnittsdeutsche im Jahr verursacht, entfallen 4,5 Tonnen auf Ernährung und Konsum. So machten sie sich auf den Weg, den „CO2-Fußabdruck“ für ihre Produkte zu erkunden, mit dem Ziel, ihre gesamte Wertschöpfungskette klimaverträglicher zu gestalten.
Für den Tiefkühlspezialisten Frosta bedeutet das nicht nur, dass der umweltbewusste Chef mit dem Fahrrad ins Büro fährt. Mehr als die Hälfte der Emissionen stammte aus eingekaufter Rohware, sagt Forschungschef Arne Döscher. Also hat er mit den Lieferanten gesprochen. „Man soll es kaum glauben: Es interessiert die.“ Ein Ergebnis ist, dass bei Frosta nur noch frische Sahne verarbeitet wird, kein Milchpulver mehr. Das schmeckt nicht nur besser, sondern hat auch eine bessere Klimabilanz.
Kein Altruismus
Die Telekom hat eine neue Box für den Internetzugang entwickelt. Die kann zwar erheblich mehr als die alte, frisst aber nicht mehr Strom. Henkel will die Verbraucher animieren, dank neuer Waschmittel die Wäsche nur noch bei 30 Grad, das Geschirr mit 20 Grad warmem Wasser zu säubern und so Strom zu sparen. Rewe organisiert die Logistik neu, baut energiesparende Filialen und bezieht - wie viel andere - nur noch zertifizierten Grünstrom. Bei Tetra Pak werden immer mehr Kartons aus Holzfasern mit Herkunftszeugnis gefertigt; auch die Schraubdeckel könnten bald kompostierbar sein. Während die Produktion um ein Drittel gesteigert worden sei, habe man den Kohlendioxidausstoß um fast 10 Prozent reduziert, sagt Kommunikationschefin Heike Schiffler.
Es ist kein klimapolitischer Altruismus, der die Unternehmen zu teils hohen Investitionen treibt. Greenpeace, WWF & Co. sind wachsam, die Verbraucher umweltpolitisch immer interessierter. Vier von zehn Befragten gaben in einer im Oktober veröffentlichten Befragung für das Umweltministerium an „die Marke von Kosmetika oder Drogerie-Artikeln zu wechseln, wenn sie erfahren, dass deren Herstellung die biologische Vielfalt gefährdet“. Kosmetikhersteller beeilen sich schon nachzuweisen, dass das von ihnen eingesetzte Palmöl nicht auf Plantagen erzeugt wird, auf deren brandgerodetem Grund früher indonesischer Urwald grünte. Deswegen war zum Jahreswechsel der Schweizer Lebensmittelgigant Nestlé in die Kritik geraten.
Raum für Gewinnspannen
Der Soziologe Fritz Reusswig vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung weiß zwar, „dass wir manchmal grüner reden als wir handeln“. Aber er weiß auch, dass die Bereitschaft der Konsumenten gewachsen ist, zum Klimaschutz beizutragen. „Gefragt ist nicht der erhobene Zeigefinger, sondern Qualität, Genuss und das Lifestylige“, sagte Melanie Weber-Moritz von der Verbraucher Initiative. Bio- und „fair“ gehandelte Produkte seien weiter im Kommen, vielen Menschen gehe es um „Werthaltigkeit statt Billigkeit“. Solche Konsumenten, die einen gesunden und nachhaltigen Lebensstil pflegen, heißen in der Handelsbranche Lohas (Lifestyle of Health and Sustainability).
An denen sind auch die Handelsunternehmen interessiert. Lässt das doch Raum für Gewinnspannen. Doch so weit wie in Großbritannien oder Schweden, wo der Kohlendioxidanteil des Produktes neben dem Haltbarkeitsdatum in Gramm ausgewiesen auf der Verpackung steht, wollen die Deutschen nicht gehen.
Potentielle Investoren im Blick
Immer mehr Transparenz zeigen indes deutsche Konzerne bei der Ermittlung und Veröffentlichung ihrer Umwelt- und Klimabilanzen. Es hilft nicht nur beim Kunden, wenn das Verschicken des Briefs oder das Bankkonto „klimaneutral“ sind, das kommt auch bei potentiellen Investoren gut an. Nicht nur die Deutsche Bank, die anders als Eon, RWE, Thyssen & Co nicht mit budgetierten Emissionsrechten auskommen muss, will ihre Emissionen über klimafreundliche Projekte in anderen Ländern ausgleichen.
Vor einigen Jahren haben institutionelle Investoren das „Carbon Disclosure Projekt“ (CDP) aufgelegt. Inzwischen stehen dahinter nach Angaben des CDP 534 Geldsammelstellen in aller Welt mit einem Anlagevermögen von mehreren Dutzend Billionen Euro. Wohl nicht ganz uneigennützig sagt CDP-Europachef Caspar von Blomberg: „Um den Zugang zum Kapitalmarkt zu erhalten, muss ein Unternehmen heute Rechenschaft über seine Klimaaktivitäten ablegen.“ 29 der 30 im Dax gelisteten Konzerne haben der jüngsten Veröffentlichung im Oktober zufolge zumindest auf Fragen nach ihren klimaschützerischen Aktivitäten geantwortet, viele aus den kleineren Dax-Indizes. Fast alle machen ihre Daten öffentlich und fast alle messen ihre Treibhausgasemissionen. In sechs von zehn Unternehmen ist ein Vorstand für das Klimathema verantwortlich und drei Viertel geben an, Klimaschutz sei Bestandteil ihrer Unternehmensstrategien.
Der stark in Windenergie engagierte Münchener Technologiekonzern Siemens schaffte es auch in die Endrunde der Preisverleihung des martialisch klingenden „Carbon War Room“, in dem der britische Klimaaktivist, Multigründer und Milliardär Richard Branson den menschengemachten Kohlendioxidemissionen den Krieg erklärt hat. Doch bei der Preisverleihung am Wochenende in Cancún wurden die Münchener glatt abgehängt. Der Gewinner hieß: Nike.
Unternehmen werden auf Kurs gebracht
Horst Trummler (Vandale6906)
- 08.12.2010, 11:49 Uhr
"Greenpeace, WWF & Co. sind wachsam"
Klaus Ermecke (kermecke)
- 08.12.2010, 12:01 Uhr
The winner is: Nike. Ich lach mich tot
Marvin Parsons (mapar)
- 08.12.2010, 13:13 Uhr
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.319,85 | −3,26% |
| Dow Jones | 12.118,60 | −2,22% |
| EUR/USD | 1,2433 | +0,58% |
| Rohöl Brent Crude | 98,82 $ | −2,76% |
| Gold | 1.606,00 $ | +3,08% |
Anonym bewerben? Ist das gut?