18.08.2005 · Weltjugendtag ist, wenn der Gesamtverband der Aluminiumindustrie und die Pfadfinderschaft Sankt Georg gemeinsame Sache machen. Wie sich Jugend- und Wirtschaftsverband in einer eigenwilligen Symbiose versuchen.
Von Henrike Roßbach, DüsseldorfDie Fahne der Aluminiumindustrie weht an einem Mast aus unbehauenen Baumstämmen. Daneben steht ein schwarzes Jurtenzelt. Im Innern hängen, wie aus einer anderen Welt, Informationstafeln. Aluminium und die Umwelt. Aluminium und der Ressourcenschutz. Irgendwo trommelt jemand.
Aus dem Katechesezelt klingen französische Lieder, und draußen, vor der Jurte des Gesamtverbandes der Aluminiumindustrie (GDA), ziehen die Pfadfinder vorbei. Sie schwenken ihre Fahnen, singen, lachen und klatschen im Rhythmus der Sprechchöre. Viele tragen Kluft und Abzeichen. Die Farben der dreieckigen Halstücher verraten, wer wo zu Hause ist.
Begegnung zweier Welten
Stefan Glimm, Geschäftsführer der GDA, tritt aus dem Zelt und blinzelt durch seine randlose Brille in die Sonne. Über einem kurzärmeligen weißen Hemd trägt er sein Aktions-T-Shirt. „Verantwortung leben“ steht darauf. Später wird er sagen, wäre er hier, im Weltjugendtagslager der Pfadfinder, mit dunklem Anzug aufgetreten, und hätte er einen schicken Messestand bauen lassen - die Lebenswelten hätten nicht zusammengepaßt.
Aber in dem Zeltlager auf den Düsseldorfer Rheinwiesen, das die Pfadfinder in einer Woche aufgebaut haben, sind sich auch ohne Herrn Glimms Anzug zwei Welten begegnet. Die Aluminiumindustrie und die Deutsche Pfadfinderschaft Sankt Georg (DPSG) sind eine Partnerschaft eingegangen, die über das Ausstellen von Spendenschecks hinausgeht, die aber zunächst ein wenig seltsam anmutet. Keine Millionen, sondern Anpacken und Gestalten, so nennt Glimm das, eine „Langzeitinvestition in unser Ansehen“. Schon 2003, auf dem Ökumenischen Kirchentag in Berlin, hatte es einen gemeinsamen Stand gegeben. Und plötzlich traten Verbundenheiten zutage, die niemand ahnen konnte.
„Zukünftige Mitarbeiter, Anwender und Verbraucher“
„Zukunft“, sagt Stefan Glimm, „ist ein wichtiges Wort für uns.“ Auch die Pfadfinder seien Zukunftsträger, „zukünftige Mitarbeiter und Auszubildende, Anwender und Verbraucher“. Er sitzt an einem Biergartentisch im Schatten des Bannermasts, an dem die Fahnen der Weltpfadfinderbewegung hängen, auch die Nationenflaggen der Campbewohner. Während er spricht, zeigt er auf die schwarze GDA-Jurte.
Unter den Stoffbahnen führen Auszubildende ein pneumatisches System vor, feilen Metall. Julia Lauda, 18 Jahre alt, und Barbara Zajac, 21, sind seit Anfang der Woche hier, haben im Regen aufgebaut und geben jetzt freudig Auskunft. Auf die Podiumsdiskussion am Freitag freuen sie sich, da wird es um Mädchen in Männerberufen gehen. Glimm sagt, die Unternehmen seines Verbandes würden Werte mit den Pfadfindern teilen. Pfadfinder wollten - jeden Tag eine gute Tat - die Welt verbessern. „Wir müssen jeden Tag unsere Prozesse und Produkte verbessern.“
Eine Alulaterne für den Papst
Die Aluminiumindustrie hat geholfen, den Pfadfindern für gut eineinhalb Jahre einen Projektreferenten für den Weltjugendtag zu finanzieren. An zwölf Unternehmensstandorten haben Ausbilder, Auszubildende und Pfadfinderstämme in 24-Stunden-Aktionen Kindergärten renoviert, Grillplätze ausgerüstet, Parks verschönert, Jugendfreizeiten ausgerichtet. Glimm glaubt, daß auch die Unternehmen profitieren könnten, zum Beispiel durch besser motivierte Mitarbeiter. Auszubildende haben die Aluminiumlaterne für das Friedenslicht gebaut, das die Pfadfinder Papst Benedikt XVI. am Sonntag übergeben wollen.
Das am besten sichtbare Zeichen der Jurten-Connection aber ist wohl das zehn Meter hohe Aluminiumkreuz, das in der Mitte des Camps auf einer Wiese steht. Aus schmalen Streben erbaut, glänzt es silbrig-matt im Sommerlicht. Abends, wenn auf der anderen Seite des Rheins die Düsseldorfer Altstadt der Zeltlandschaft mit vielen Lichtern zuzwinkert, dann leuchtet auch das Kreuz. Vier Mitarbeiter des Essener Unternehmens Trimet Aluminium haben es in vier Wochen gebaut. Wenn die Zelte längst abgebaut sein werden, wenn die Glocke im schwarzen Jurtendom am Eingang des Camps nicht länger läuten wird, dann geht das Kreuz auf Reisen. Im Schwarzwald, am Hauptsitz der DPSG, werden die Pfadfinder es ein zweites Mal errichten.
„Die Leute glauben immer, wir würden uns nicht amüsieren“
Noch aber steht es im Camp, wo 5100 Jugendliche aus mehr als 50 Nationen Unterschlupf gefunden haben. Unweit des Kreuzes sitzen Pfadfinder vom DPSG-Stamm Detmold auf Holzstühlen im Schatten. Stefanie Melchior, 17 Jahre alt und seit ihrem achten Lebensjahr Pfadfinderin, kennt die Vorurteile. „Die Leute glauben immer, wir würden uns nicht amüsieren“, sagt sie und zwirbelt das hellblonde Zöpfchen, das sie sich geflochten hat. Das und auch, daß sie dauernd im Wald unterwegs seien, würde gar nicht mehr stimmen. „Das ist alles viel moderner geworden.“
Die Sonne hat die aufgeweichten Wiesen trocknen lassen. In der Luft mischt sich der säuerliche Geruch von trockenem Gras mit den Gemüse-Reis-Schwaden aus den Versorgungsständen. Zu zwölft sind die Detmolder nach Düsseldorf gekommen, und die Stimmung sei „Hammer“. In Köln waren sie schon, am Abend wollen sie zum „Scout Mission Festival“.
Vorher aber werden sie noch zu einem Workshop mit Chantal Petitclerc gehen, der fünffachen Goldmedaillengewinnerin bei den Paralympics in Athen. Vier Weltrekorde hält sie zur Zeit. Zum Beispiel: 100 Meter - 16,33 Sekunden. Auch sie, die seit mehr als 20 Jahren im Rollstuhl sitzt, ist durch die Kooperation der Pfadfinder mit der GDA hier. Ihr Sponsor, das Aluminiumunternehmen Alcan, hat die Kanadierin nach Düsseldorf eingeladen. „Motivation zum Leben“ heißt das Thema, über das sie auf der Bühne sprechen wird, ihren Alu-Rennstuhl immer in der Nähe.
Futuristische Grillmethoden
Einer, der gleichzeitig überall zu sein scheint, ist Stephan Jentgens, Bundesvorsitzender der DPSG. Gerade steht er in seiner sandfarbenen Kluft, das rot-gelbe Halstuch von einem Lederknoten gehalten, in der Nähe des GDA-Zeltes. Dort hat die Industrie einen Solarkocher aufgebaut. Seit Stunden stehen zwei Männer an der glänzenden Satellitenschüssel-Konstruktion, erhitzen mit gleichbleibender Begeisterung Miniwürstchen und verteilen sie auf Zahnstocher gespießt an neugierige Passanten. „Vorsicht, heiß!“ warnen sie und sehen dabei ziemlich stolz aus. Sind die dampfenden Würstchen doch der leibhaftige Beweis, daß der Kocher funktioniert. Vielleicht werden die Pfadfinder ihr Netzwerk nutzen, um diese Kocher in entfernte Winkel der Welt zu bringen, wo die Aluminiumindustrie nicht präsent ist.
„Wir leben auf einer Erde“, sagt Jentgens, und es klingt kein bißchen pathetisch. „Unternehmen brauchen eine stabile Gesellschaft, und die Menschen brauchen starke Unternehmen.“ So einfach ist das, und so einfach erklärt sich für ihn die Zusammenarbeit mit der GDA. Mittlerweile gebe es viele lokale Kontakte zwischen Stämmen und Unternehmen. Dezentral würden die Kontakte weiterbestehen, auch auf nationaler und internationaler Ebene - zum Beispiel bei Projekten gegen Aids. Jentgens sagt: „Das ist nach dem Weltjugendtag nicht vorbei, das hat eher noch mehr Schwung bekommen.“
Vorhin, am Biergartentisch, hatte GDA-Chef Glimm gesagt, die Aluminiumindustrie nehme ihre soziale Verantwortung ernst. Sie wollten sich den Pfadfindern stellen, Fragen beantworten - etwa die, was Unternehmen gegen Aids täten. Am Nachmittag stehen Glimm und Oberpfadfinder Jentgens mit Pfadfinder-, Kirchen- und Unternehmensvertretern auf der Bühne. Es geht um Aids in der Dritten Welt und um Werte, darum, was wirklich zählt im Leben. Spätestens jetzt, wo Unternehmenssprecher bekennen, ihr wichtigster Wert sei die Liebe, wo der Senior-Chef eines Unternehmens sagt, daß vor kurzem seine Frau gestorben sei und er damit den wichtigsten Wert in seinem Leben verloren habe - spätestens jetzt wird klar, was Glimm gemeint hat, als er sagte: „Wir haben durch die Pfadfinder gelernt, eine andere Sprache zu verstehen.“
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.738,47 | +0,68% |
| FAZ-INDEX | 1.504,02 | +0,59% |
| TecDAX | 775,33 | +0,71% |
| MDAX | 10.290,00 | +0,40% |
| SDAX | 5.011,74 | +0,53% |
| REX | 421,76 | +0,17% |
| Eurostoxx 50 | 2.491,54 | +0,43% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,48 | +0,59% |
| Dow Jones | 12.874,00 | +0,57% |
| Nasdaq 100 | 2.569,49 | +0,87% |
| S&P500 | 1.351,77 | +0,68% |
| Nikkei225 | 8.999,18 | +0,58% |
| EUR/USD | 1,3164 | −0,06% |
| Rohöl Brent Crude | 117,79 $ | −0,09% |
| Gold | 1.727,00 $ | +0,91% |
| Bund Future | 138,32 € | −0,22% |