Im Dunst der volkstümelnden deutschen Einwanderungsdebatte lohnt ein erhellender Blick nach Übersee: nicht nach Kanada, sondern in die mahagonivertäfelten Bibliotheken der Eliteuniversitäten an der Ostküste der Vereinigten Staaten. Dort sitzen neben schlauen Amerikanern die klügsten und kreativsten Studenten aus aller Welt. In Harvard und Yale lernt und forscht die Weltelite jahrelang unter besten Bedingungen, entwickelt revolutionäre Ideen, macht hervorragende Abschlüsse – und wird nach Semesterende über die Landesgrenze wieder nach Hause geschickt.
Dann fließen Tränen, denn wer einmal in Amerika studiert hat, will meist dort bleiben. Doch Arbeitsvisa sind selbst bei ausgezeichneter Qualifikation für Boombranchen wie die in Amerika wieder florierende Finanzindustrie eher die Ausnahme als die Regel. Visa sind teuer, der Aufwand für den Arbeitgeber ist gewaltig. Zudem ist ihre Anzahl gedeckelt, bereits im Januar war das Limit von 65 000 für das laufende Jahr erreicht.
Neue isolationistische Migrationspolitik
So werden im Sommer wieder viele frisch graduierte Anlageexperten, noch mehr findige Ingenieure und die meisten der nichtamerikanischen Sozialwissenschaftler mit ihrem Talent und Aufstiegswillen im Gepäck zurück in die heimischen Volkswirtschaften fliegen. Dort treiben sie dann das Wirtschaftswachstum in die Höhe und tragen somit ihren Teil dazu bei, die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Ausbildungsstätte Amerika gegenüber Industriestaaten wie China weiter zu verschlechtern.
Das Argument, mit dem die Vereinigten Staaten diese neue isolationistische Migrationspolitik betreiben und damit Gefahr laufen, ihren Ruf als Einwanderungsland zu verspielen, könnte unter deutschen Vorzeichen auch aus den Reihen von CSU, SPD und Linkspartei stammen: Amerikas Jobs den Amerikanern, deutsche Arbeitsplätze zuerst für Deutsche!
„Erst mal das eigene Arbeitskräftepotential nutzen“, lautet der Schlachtruf der Heimatpolitiker. Stets untermalt von der Schreckensmelodie einer ungezügelten Einwanderung in die heimischen Sozialsysteme.
Das ist natürlich dies- wie jenseits des Atlantiks populistischer Schwachsinn. In vergreisenden Gesellschaften braucht es ja gerade für den Erhalt der Sozialsysteme den Zuzug von Ausländern. Zuwanderer, besonders hochqualifizierte, sind für den Staat ein gutes Geschäft. Ihre Arbeitskraft bringt Steuern und Wachstum.
Deutschland braucht die Welt weitaus mehr als umgekehrt
Dass solche Fakten im von Arbeitslosigkeit verunsicherten Amerika derzeit kaum durchdringen, könnte Deutschland zu seinem Vorteil nutzen – und sich zum attraktiven Ziel für ausländische Spitzenkräfte ausrufen. Angesichts des eklatanten Fachkräftemangels besser heute als morgen.
Damit die Weltelite künftig nach Deutschland strebt, ist weit mehr nötig als ein erleichtertes Einwanderungsrecht. Was die Debatte bisher überhaupt nicht berücksichtigt: Deutschland braucht die Welt weitaus mehr als umgekehrt. Für die Absolventen der internationalen Eliteunis ist das Land bisher bestenfalls nur zweite, wenn nicht gar dritte oder vierte Wahl. New York ist spannender als Hamburg. Die deutsche Gesellschaft ist hierarchischer, die Aufstiegschancen sind kleiner als anderswo, die Steuern hoch. Die schwere Sprache schreckt ab.
Doch seit Deutschland nach der Finanzkrise sein zweites Wirtschaftswunder erlebt, schwärmen die Harvard-Studenten von deutscher Dynamik und Wachstum, die Wohlfahrtssysteme gelten als vorbildlich. Dass Angela Merkel aktiv im Ausland um Fachkräfte wirbt wie zuletzt im daniederliegenden Spanien, ist der richtige Weg. Will Deutschland seine Erfolgsgeschichte der Globalisierung fortsetzen, braucht es ein internationales, vibrierend kosmopolitisches Image. Ausländer rein!
auch die FAZ schreibt manchmal Quatsch
Closed via SSO (waltk)
- 20.02.2011, 15:28 Uhr
Angst vor Konkurrenz und Wettbewerb
Richard Herden (richardherdenqwert)
- 20.02.2011, 15:36 Uhr
Anlageexperten und Sozialwissenschaftler
Marvin Parsons (mapar)
- 20.02.2011, 16:50 Uhr
Bei dieser Betrachtung darf aber nicht ignoriert werden
karin stutz (strohausen)
- 20.02.2011, 17:07 Uhr
"New York ist spannender als Hamburg"!
Thomas Mirbach (lurkius)
- 20.02.2011, 17:48 Uhr