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Veröffentlicht: 31.07.2016, 20:22 Uhr

Amerikas Krise Das Leiden des weißen Mannes

Kein Job, keine Frau, keine Anerkennung: Bei den weißen Männern in Amerika hat sich die Angst ausgebreitet. Deshalb wählen sie jetzt Donald Trump.

von , Washington
© plainpicture/CI2 Bürde der Herkunft: Es ist nicht leicht ein weißer Amerikaner zu sein.

Amerikas Wirtschaft wird von weißen Männern beherrscht. Sie stellen etwa 90 Prozent der Chefs in den 500 umsatzstärksten Unternehmen, sie verdienen mehr Geld als alle anderen Gruppen, und sie sind seltener arbeitslos. Sie dominieren Hollywood vor und hinter der Kamera, sie lenken die Medien, und sie regieren die Politik mit der Ausnahme des Weißen Hauses. Weiße Männer sitzen Amerikas Gerichten vor, sie führen die Universitäten, und sie befehligen Amerikas Armeen. Selbst die professionellen Sportclubs im Basketball und im Football, wo vor allem schwarze Athleten die Spiele entscheiden, werden in der Regel von weißen Trainern gelenkt und von weißen Eigentümern finanziert.

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Doch das alles ist offensichtlich kein Trost. Es nimmt Amerikas weißen Männern nicht ihren Ärger weg. Der Missmut ist im ganzen Land spürbar und ziemlich gut dokumentiert. 73 Prozent der weißen Amerikaner sagen, dass sie mindestens einmal am Tag sauer sind, aber nur 56 Prozent der Schwarzen und 66 Prozent der Hispanics empfinden genauso. Das Magazin „Esquire“ und der Sender NBC haben die Umfrage zu Beginn des Jahres veröffentlicht. Sie zeigt zudem, dass Republikaner ärgerlicher sind als Demokraten und dass die Reichen (mit einem Jahreseinkommen von mehr als 150.000 Dollar) und die Armen (weniger als 15.000 Dollar) die Alltagsangelegenheiten gelassener angehen als die Leute in der Mitte der Mittelklasse. Die sind richtig wütend.

Der Ärger kommt aus dem Nichts

Der Ärger kommt nicht aus dem Nichts. Doch die Sache ist kompliziert. Denn Gefühle wie Glück oder Unglück sind nicht mit objektiven Maßstäben messbar. Die Leute empfinden sich nicht als glücklich, wenn es ihnen auf eine irgendwie objektivierbare Weise gutgeht. Entscheidend ist, dass es ihnen bessergeht im Vergleich zu früher, im Vergleich zum Nachbarn oder im Vergleich zu den Eltern. So ist der Schwarze, der gerade aus der Haft entlassen wurde und nicht weiß, wovon er leben soll, womöglich glücklicher als die weißen Doppelverdiener, denen gerade die Wasserrechnung ins Haus kommt.

Unglück erwächst genauso aus Vergleichen, bei denen man schlecht abschneidet. In dieser Hinsicht hat Amerikas weißer Mann legitimen Grund zur Klage. Er muss mitansehen, wie er Schritt für Schritt seine dominierende Stellung einbüßt, mit unaufhaltsamer Zwangsläufigkeit. Dabei geht es gar nicht nur um die hohen Gipfel von Politik und Wirtschaft, die er räumen muss. Es geht um eine über Generationen vererbte Selbstgewissheit: Es gab eine Zeit, da konnten sich weiße Männer in Amerika allein deshalb gegenüber Frauen und Minderheiten überlegen fühlen, weil sie weiße Männer waren. Verflogen.

Donald Trump © AP Vergrößern „Make America Great Again“: Präsidentschaftskandidat Donald Trump verspricht Amerika zu erneuern.

Zu ihrem Selbstgefühl trug bei, dass die weißen Männer in den fünfziger und sechziger Jahren auch ohne Hochschulabschluss einen guten Arbeitsplatz in einer Fabrik bekamen, der genug Lohn für die ganze Familie abwarf. Einwanderer bedrohten das weiße Nachkriegsidyll nicht, anders als der Mythos eines Amerikas der Diversität und Immigration es will. Denn das Einwanderungsland ließ zwischen 1920 und den späten fünfziger Jahren kaum Einwanderer herein. Die wenigen kamen streng nach weißer Quote, überwiegend aus angelsächsischen Ländern und aus Deutschland. Süd- und Osteuropäer wurden diskriminiert, der Rest der Welt ohnehin. In einzelnen Jahren verließen damals mehr Menschen die Vereinigten Staaten, als Immigranten neu hereinkamen.

© F.A.Z., Salon Alpin Erklärvideo: Der Aufstieg des Donald Trump

So entfaltete sich vor allem für die Weißen Amerikas ein geschütztes Leben mit vorgezeichneten Pfaden, denen sie gern folgten. Man heiratete jung, gründete einen eigenen Hausstand und arbeitete, bis der Arzt kam. Im Jahr 1950 waren 86 Prozent aller Männer im Alter von mehr als 16 Jahren erwerbstätig. Damit arbeitete de facto jeder Mann, der nicht zu alt oder zu krank war. Die Arbeitswelt, die vor allem auf Gewerbe, Handwerk und Industrie fußte, war für die Männer wie gemacht.

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Damals gingen nur 34 Prozent der Frauen einer bezahlten Beschäftigung nach. Auch von Schwarzen und anderen Minderheiten drohte keine Gefahr für den sozialen Status, sie waren durch diskriminierende Gesetze und unsichtbare Schranken gebändigt. Ausländische Konkurrenz spielte kaum eine Rolle, sie wurde durch Zölle limitiert, Importe waren eine vernachlässigbare Größe. Das Wort Outsourcing war unbekannt.

Ungleichheit allerdings gab es. Sie wurde aber von der Neigung der Amerikaner zum Egalitarismus übertüncht, wie der libertäre Politikwissenschaftler Charles Murray glaubt. „Historisch war der am meisten akzeptierte Aspekt der amerikanischen Einzigartigkeit unser Mangel an Klassenbewusstsein“, schreibt er. „Selbst Marx und Engels haben das anerkannt.“ Klar, es gab Reiche und Arme, aber keiner war deshalb besser oder schlechter. Und die Erfolgreichen hielten Murray zufolge eisern an dem Selbstbild fest, ganz normale Typen zu sein.

Infografik / Weiße in Amerika fühlen sich elend / Mindestens einmal am Tag wütend sind… © F.A.Z. Vergrößern Voller Wut.

Von den sechziger Jahren an begannen sich die Verhältnisse für den weißen Mann allerdings dramatisch zu verändern, vor allem für den Mann mit geringer beruflicher Qualifikation. Erkennbar wird dieser Wandel daran, dass weiße Männer ohne Hochschulabschluss unfreiwillig aus zwei Institutionen ausscherten, die den Kern der amerikanischen Alltagskultur repräsentierten: der Arbeit und der Ehe. Von den Männern ohne College-Abschluss waren im besten Arbeitsalter, also zwischen 30 und 40 Jahren, zu Beginn der Siebziger noch 95 Prozent beschäftigt oder zumindest auf Arbeitssuche. Heute sind es nur noch knapp 80 Prozent. Das muss man sich klarmachen: Millionen weißer Männer ohne besondere berufliche Qualifikation machen nicht mehr mit, aus welchen Gründen auch immer.

Noch alarmierender ist die Ehestatistik: Waren zu Beginn der siebziger Jahre noch 90 Prozent der weißen Männer ohne weiterführenden Abschluss verheiratet, so trifft das heute nur noch auf die Hälfte von ihnen zu. Ein wichtiger Grund könnte sein, dass sich die Löhne junger – und nicht nur weißer – Männer seit den siebziger Jahren im Abwärtstrend befinden. Laut dem Umfrageinstitut Pew Research sind sie in den Jahren zwischen 2000 und 2010 besonders signifikant gesunken. Der soziale Abstieg der Männer hat ihre Aktien auf dem Heiratsmarkt sinken lassen, bei Frauen, die ihrerseits ihre Löhne und ihre Beschäftigungsquote beständig erhöhten. Viele junge Männer wohnen heute bei ihren Eltern. Es ist eine Existenz mit gravierenden Reputationsproblemen.

Nicht nur Frauen lassen weiße Männer im Stich

Doch nicht nur die Frauen lassen die weißen Männer im Stich, auch die besser gebildeten Geschlechtsgenossen stehlen sich davon. Die Nachfrage nach gutausgebildeten Arbeitnehmern stieg seit den fünfziger Jahren beständig. Bis in die sechziger Jahre hinein wurden die Bildungseinrichtungen der steigenden Nachfrage gerecht. In den siebziger und achtziger Jahren aber hielt ihr Output an Absolventen nicht mehr mit der Nachfrage nach qualifizierten Kräften mit. Besonders die Männer hinkten hinterher, sagte der Arbeitsmarktexperte des Massachusetts Institute of Technology, David Autor. Die Folge war, dass die Löhne zwischen Arbeitnehmern mit Universitätsabschluss und solchen mit gewöhnlichem Schulabschluss stark auseinanderdrifteten. Der Abstand zwischen dem Jahreseinkommen von Doppelverdienerhaushalten mit und ohne Hochschulabschluss wuchs von 1979 bis 2012 um 28.000 Dollar. Autor sieht darin die wichtigste Ursache für die gewachsene Ungleichheit in Amerika.

Die urbane weiße Elite entfremdete sich zunehmend von den weißen Arbeitern. Sie schuf sich eine eigene Welt, in der sie Kochrezepte aus der New York Times tauscht, die Bildungswege der Kinder mit größter Akribie plant – und lateinamerikanische Nannys anheuert, auf dass die Sprösslinge Spanisch lernen. Kein Wunder, dass diese Leute für Globalisierung und Einwanderung waren. Ausländer brachten exotische Rezepte, waren für Dienste in Haus und Garten gut zu verwenden.

Infografik / Weiße in Amerika fühlen sich elend / Todesfälle 45- bis 54-Jähriger © F.A.Z. Vergrößern Tödlicher Stress?

Den eigenen Arbeitsplatz bedrohten sie nicht, weil die meisten der jährlich eine Million Migranten ein schlechtes Bildungsniveau hatten. Sie zogen noch nicht einmal in die gleiche Wohngegend, weil sie sich das nicht leisten konnten und Bauregeln die Errichtung von billigen Apartmenthäusern in Quartieren mit Einfamilienhäusern untersagten. Damit teilten Einwandererkinder selten die Schulbank mit weißen Kindern, was die ambitionierte weiße Elite begrüßte.

Die Verlierer der letzten 35 Jahre waren – nicht nur weiße – Fabrikarbeiter ohne weiterführende Bildungsabschlüsse in Branchen und Regionen, die besonders stark von der chinesischen Importkonkurrenz betroffen waren. Die Arbeiter fanden nach Fabrikschließungen oft keine vergleichbaren Arbeitsplätze mehr, mussten auf Einkommen verzichten oder verschwanden ganz vom Arbeitsmarkt, berichtet Arbeitsmarktforscher Autor. Viele waren arbeitsunfähig, frühpensioniert und auf Sozialhilfe angewiesen. „Tatsächlich haben wir herausgefunden, dass sie sogar früher starben.“

Infografik / Weiße in Amerika fühlen sich elend / Wer Trump wählen will © F.A.Z. Vergrößern Wie Trump vom Gefühl des Elends profitiert.

Dass Amerikas Weiße im Stress sind, zeigte auch eine spektakuläre Untersuchung der Princeton-Ökonomin Anne Case und ihres Ehemanns, des Nobelpreisträgers Angus Deaton. Die beiden entdeckten, dass die Sterberate für Weiße in Amerika gestiegen war, statt dem globalen Trend steigender Lebenserwartung zu folgen. Das Forscherpaar identifizierte Selbstmorde, Alkohol- und Drogenmissbrauch als wichtigste Gründe. Eine wahre Drogenepidemie ist in Amerikas ländlichen Regionen ausgebrochen, also dort, wo man es am wenigsten erwartet hätte. Sie trifft die amerikanische Provinz in Maine, Indiana, Pennsylvania oder Utah, schreibt Deaton. Und sie trifft vor allem Weiße ohne Collegeabschluss. Mexikanische Drogenhändler haben nach Deatons Darstellung in Amerikas Kleinstädten einen fruchtbaren Boden für ihre Geschäfte gefunden.

All das fand vor dem Hintergrund einer weiteren Entwicklung statt, die das Antlitz der Vereinigten Staaten entscheidend veränderte und noch weiter verändern wird. Im Jahr 1965 regelte Amerika die Einwanderung völlig neu. Bis dahin galt ein starres Quotensystem, das es weißen Nordeuropäern am leichtesten machte, nach Amerika zu gelangen. Je weiter es nach Süden und Osten ging, desto kleiner wurden die Quoten. Asiaten hatten nur geringe Chancen auf legale Einwanderung.

Durch ein farbenblindes System ersetzt

Diese Quoten wurden in der demokratischen Aufbruchstimmung der sechziger Jahre als rassistisch angesehen und deshalb durch ein farbenblindes System ersetzt – mit unerwartet großen Folgen. 1960 kamen 80 Prozent der Einwanderer aus Europa, 2010 waren 90 Prozent aus nichteuropäischen Ländern. Die neuen Regeln sollten vor allem Familienzusammenführungen ermöglichen, sie lösten damit allerdings Ketteneinwanderungen aus: Der Vater holte seine Geschwister ins Land, die ihre Kinder holten, die wiederum Ehepartner holten. Der demographische Wandel, den die Vereinigten Staaten durchleben, kennt keine Vorbilder. Im Jahr 2044 werden die Weißen mit 49,7 Prozent zur Minderheit, rechnet der Demograph William Frey vor. Und das soll für die Weißen nicht beunruhigend sein?

Infografik / Weiße in Amerika fühlen sich elend / „Amerika hat seine besten Tage hinter sich“ sagen… © F.A.Z. Vergrößern Pessimistische Ansichten: Die besten Tage soll Amerika bereits hinter sich haben.

Dass sie jetzt ihre Hoffnung auf Donald Trump setzen, der mit antielitärem Gestus Einwanderung und Globalisierung stoppen will, wird plötzlich nachvollziehbar. Die Demokratische Partei, die einst die Partei der Arbeiter war, hat sich zunehmend zur ökologisch orientierten Bürgerrechtspartei gewandelt, die mit besten Argumenten für das Recht auf Abtreibung, die gleichgeschlechtliche Ehe, das Ende des Kohlebergbaus, die Einbürgerung illegaler Immigranten und eine bessere Polizei kämpft. Da fühlen sich arme Weiße ebenso wenig zu Hause wie in der marktwirtschaftlich orientierten Republikanischen Partei, die noch in der Präsidentschaftskampagne 2012 mit dem Kandidaten Mitt Romney den Staat zurückzudrängen trachtete.

Die armen weißen Männer bauen natürlich darauf, dass der Staat sie raushaut. Donald Trump hat das verstanden. Bernie Sanders auch. Das Problem ist, dass der Ärger bleibt, selbst wenn Trump nicht Präsident wird. Man wird für die armen weißen Männer etwas tun müssen.

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Von Maja Brankovic

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