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Weihnachtseinkauf Zum Spielen in den Mediamarkt

15.12.2004 ·  Bummeln in der Weihnachtszeit: Während viele Konsumenten regelrecht in einen Kaufrausch fallen, zeigen sich andere eher ermüdet von den vielen Sonderangeboten.

Von Judith Lembke
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Bis ins Industriegebiet im Nürnberger Stadtteil Kleinreuth ist die Emanzipation bisher noch nicht vorgedrungen. Auf dem überfüllten Parkplatz trennen sich die Wege vieler Paare. Während Mutti den Samstagnachmittag für einen ausgiebigen Einkauf bei der Supermarktkette Real nutzt, bummelt Vati mit den Söhnen durch den Mediamarkt.

Wahrscheinlich wäre Adelheid Zikeli im Moment auch lieber bei Real. Oder an einem Glühweinstand auf dem Christkindlesmarkt. Auf jeden Fall nicht hier, im ersten Stock des Mediamarktes Nürnberg Kleinreuth, mit etwa 50 verschiedenen Digitalkameras vor Augen und dem Handy-Zubehör im Rücken. Doch der Weihnachtsmann kennt keine Gnade: Weihnachten ist schließlich das Fest der Liebe, und der Sohn wünscht sich eine Digitalkamera.

„Erklärungen sind vorbeigerauscht“

Also langweilt sich Zikeli tapfer durch die Megapixel-, Bildprozessor- und Speicherkarten-Erläuterungen der Verkäuferin und läßt ihren Blick auf der Suche nach Ablenkung nur hin und wieder ziellos durch die Gänge schweifen. Gedanklich hat sie sich sowieso schon von den Digitalkameras verabschiedet: „Die Erklärungen sind einfach so an mir vorbeigerauscht“, gibt sie zu. „Das ging mir ein bißchen zu schnell.“

Nicht weiter schlimm, denn die technische Oberhoheit liegt bei Familie Zikeli sowieso bei ihrem Mann Andreas. Das hat auch die junge Verkäuferin durchschaut und sich mittlerweile komplett Herrn Zikeli zugewandt, der sich für die unterschiedlichen Megapixel und Speicherkapazitäten der verschiedenen Kameras mehr begeistern kann als seine Ehefrau und immer wieder neue Fragen stellt.

Der Wunsch nach Trends

Andreas Zikeli paßt ins Kundenprofil, das Helmut Husnätter, Bereichsleiter Neue Medien bei Mediamarkt schildert: Er ist gut vorinformiert über Preis und Leistung der Geräte und interessiert sich für eines der Produkte, die vor Weihnachten besonders begehrt sind. Dazu gehören vor allem Handys, Notebooks, Flachbildschirme oder eben Digitalkameras.

Meist ist nicht die Ratio die Mutter der Entscheidung, wenn sich der Kunde für ein bestimmtes Produkt entscheidet, sondern der Wunsch, einen Trend mitzumachen. So antwortet ein junger Mann auf die Frage, warum er sich für Digitalkameras interessiere: „Weil alle eine haben.“

Nichts kaufen, nur gucken

Er und seine Freundin sind heute jedoch nicht zum Kaufen in den Mediamarkt gekommen, sondern nur, um zu gucken. Der Elektronikhändler, der auf allen Kanälen schrill und laut mit seiner „Tiefstpreisgarantie“ wirbt, ist den beiden zu teuer. „Wir wollen uns die Kameras hier mal anschauen und uns beraten lassen. Letztlich kaufen wir sie aber im Internet“, ist ihre Devise.

Eine Haltung, die man bei vielen, vor allem jungen Besuchern an diesem Samstagnachmittag antrifft und die Herbert Bork, den geschäftsführenden Gesellschafter der Filiale, nicht gerade glücklich stimmt.

„Lieber keine Kaufabsicht, als ganz wegbleiben“

Bork sitzt in seinem Büro, dem einzigen Ort im Markt, wo nicht ein ständiges Lärmgemisch aus Musik, Klingeltönen und Alarmsirenen das Trommelfell reizt, und versucht, auch diesen Marktbesuchern etwas Positives abzugewinnen: „Mir ist es lieber, wenn die Leute ohne Kaufabsicht kommen, als wenn sie ganz wegbleiben“, sagt er. Schließlich habe man nur so die Chance, sie mit guter Beratung und Service zu überzeugen. „Selbst wenn sie diesmal im Internet kaufen, kaufen sie vielleicht das nächste Produkt bei uns.“

Den elf Jahre alten Mettos führt keine Kaufabsicht in den Mediamarkt, sondern Einsamkeit und Langeweile. Samstags, wenn seine Eltern arbeiten, fährt er mit seinem neun Jahre alten Bruder Yannis mit dem Bus ins Industriegebiet, um den schulfreien Tag an einer der ausgestellten Spielkonsolen zu verdaddeln.

Game Cube als Weihnachtswunsch

In Endlosschleife läßt er einen Skater über Häuserdächer fahren und Kunststücke auf Treppengeländern vollbringen. Er hat selbst noch nie auf einem Skateboard gestanden, sondern ist immer nur durch die virtuelle Welt des Nintendo Gamecube gefahren.

Wie ferngesteuert drücken seine Finger sein skatendes Alter ego zum Sieg. Nur die Frage nach seinem größten Weihnachtswunsch bringt ihn dazu, den Blick für einen kurzen Moment vom Bildschirm zu lösen: Ein Gamecube, bei ihm zu Hause, für ihn ganz allein, das wäre das Beste, was ihm zu Weihnachten passieren könnte.

Nils hingegen hat gleich mehrere Spielkonsolen zu Hause. Bedarf dafür ist vorhanden: Nicht nur er und seine Schwester verbringen ihre Freizeit am liebsten mit Computerspielen, sondern auch ihre Eltern - meist bis spät in die Nacht, wie er erzählt.

Spiele hinterlassen Spuren

Die durchspielten Nächte haben Spuren im Gesicht des Erstkläßlers hinterlassen: Seine Haut wirkt durchsichtig, und durch dunkle Augenschatten schimmern rote Äderchen. Nils kann zwar die englischen Titel seiner Lieblingsspiele korrekt benennen, aber wenn man ihn fragt, wie diese funktionieren, antwortet er mit Sätzen wie: „Alice ist Spiel, aber brutal. Krebse tun Steine rollern, bist du platt.“

Langsam schwappt wieder ein Kundenschub durch die Gänge. Die Mittagszeit ist vorbei, und die Leute widmen sich wieder den Weihnachtseinkäufen. Für einen Vorweihnachtssamstag ist der Markt nicht besonders voll. Vor den begehrten Flachbildschirmen werden noch die Grundregeln der Höflichkeit eingehalten, und es warten keine zehn ungeduldigen Kunden auf einen Berater. Bork relativiert die Eindrücke.

„Die Umsätze stimmen“

Er wippt in seinem schwarzen Bürosessel, eingerahmt von einer Miniatur-Ferrari-Sammlung, und blickt auf die Daten, die er von seinem neuen Flachbildschirm abruft. Er sei durchaus zufrieden, betont er. Bis um halb sechs hätten mehr als 7.000 Leute seinen Markt besucht, und bis 20 Uhr würden noch einmal gut 2.000 Kunden dazu kommen.

„Auch die Umsätze stimmen“, berichtet er und daß am Ende sowieso nur zähle, was in der Kasse bleibe. Außerdem rechnet er noch ganz fest mit einem großen Ansturm in den letzten beiden Vorweihnachtswochen: „Ich bin mir sicher, daß die nächsten Wochen hervorragend werden. Nicht nur für uns, sondern für den ganzen deutschen Handel.“ In der vergangenen Zeit habe man einfach Pech gehabt. Besonders mit dem Wetter. Das sei in Franken einfach zu schön für den Weihnachtseinkauf gewesen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.12.2004, Nr. 293 / Seite 24
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Jahrgang 1978, Redakteurin in der Wirtschaft.

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