28.08.2010 · Weil Wehr- und Zivildienst wohl bald fallen, müsse ein neuer Pflichtdienst her, fordern Altvordere aus der Union: Sie wollen das soziale Pflichtjahr für alle. Dabei erliegen sie einem kolossalen Missverständnis: Die Jungen schulden dem Land nichts. Es ist umgekehrt.
Von Hendrik AnkenbrandTraue keinem über 30 - für die heute junge Generation gewinnt das alte Motto der 68er in der Debatte um Wehrpflicht und Zivildienst seine Bedeutung zurück. Weil beide Zwangsdienste wohl bald fallen, müsse ein neuer her, fordern Altvordere aus der Union (Peter Müller, 54 Jahre; Roland Koch, 52 Jahre) sowie in abgeschwächter Form aus der SPD (Kurt Beck, 61 Jahre): das soziale Pflichtjahr für alle. Neben der Drohung, die Pflege könnte ohne Zivis kollabieren, führen die Verfechter der Zwangseinweisung moralische Argumente ins Feld: Man dürfe doch noch verlangen, dass junge Menschen dem Gemeinwesen zuliebe für einen begrenzten Zeitraum verpflichtet werden. Wenn Jugendliche vor jeder Herausforderung, etwas für die Gesellschaft zu tun, verschont blieben, werde Deutschland ärmer. Die Hedonisten des 21. Jahrhunderts sollen wenigstens einmal in ihrem Leben gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, das ist die Botschaft.
Wer heute jung ist, muss solche Sätze zweimal lesen um zu begreifen, dass sich die Aussagen bar jeder Ironie verstanden wissen wollen. Dass die Jungen ihre Schulden an die Gesellschaft zurückzahlen sollen, ist ernst gemeint. Einmal diese Erkenntnisschwelle überschritten, eignen sich die Appelle trefflich, dem in Deutschland lange geforderten Aufstand der Jungen die nötige Triebkraft zu verleihen.
Zwar würde das Bundesverfassungsgericht die Zwangsverpflichtung wohl ohnehin verhindern. Trotzdem lohnt es, dem moralischen Appell der Alten hinterher zu lauschen. Klar wie selten führen diese den Jungen vor Augen, dass die Interessen ihrer Generation in der Politik nicht nur schlecht vertreten sind, sondern zuweilen ad absurdum geführt werden.
Der Staat hat den Jungen eine gewaltige Hypothek aufgebürdet
Wenn die Zwanzigjährigen bald nicht mehr auf Kasernenhof und Krankenhausflur antreten, wird Deutschland nicht ärmer, dann ist Deutschland schon arm. 20.874 Euro beträgt die Verschuldung pro Kopf zum Zeitpunkt, an dem dieser Artikel entsteht. Nicht die Jungen schulden dem Staat, es ist umgekehrt. Der Staat hat den Jungen eine gewaltige Hypothek aufgebürdet, die diese nun abstottern dürfen. Um Verantwortung zu erlangen, bedarf es nicht des Einsatzes im Altenheim, die Pflicht zur Hilfe erfolgt mit dem Eintritt in den Generationenvertrag. Klaglos zahlen heute die Jungen mit Arbeitsbeginn in ein Solidarsystem ein, auf dessen Solidarität sie mangels Masse bei ihrem eigenen Renteneintritt oder später chronischem Krankheitsfall nicht wetten dürfen.
Nach zwölf Jahren Schulzeit gegenüber ihrer englischen und amerikanischen Kohorte ohnehin bereits zurückgeworfen, sollen die Jungen künftig noch später damit beginnen dürfen, sich im globalen Wettbewerb um Arbeit zu behaupten und mit ihren immer höheren Steuern und Abgaben die von ihren Vorgängern fehlerhaft konstruierten Sozialsysteme vor dem Kollaps zu bewahren. Statt sich in einem von unternehmerischer Leidenschaft, Mobilität und Dynamik geprägten erfolgreichen Gesellschaftsmodell von Anfang an den Wünschen und Talenten entsprechend einbringen zu können, wird die Tatkraft der Jungen in einem zuweilen maroden Gesundheitssystem verschwendet. Mit einem neuen Pflichtjahr für alle würde auch noch die gesellschaftliche Leistung der Frauen vergeudet.
Dass der Zivildienst vielen im Rückblick als eine bereichernde Erfahrung gilt, ist kein Gegenargument. Niemand wird es auch künftig verwehrt sein, sich freiwillig für soziale Belange zu engagieren. Denen aber, die nicht vorhaben in der Pflege zu arbeiten, soll das auch nicht zwingend vorgeschrieben werden. Sie tun genug für das Gemeinwesen. Auch die Sorge, ohne Zivis verkomme der Sozialstaat, ist unbegründet.
Möge der Appell für ein soziales Pflichtjahr verhallen. Sonst würde Deutschlands Gemeinwesen wirklich ärmer.
Klaglos?ese
Maximilian Schaaf (Monuschaaf)
- 28.08.2010, 18:34 Uhr
Ein soziales Pllichtjahr für alle jungen Frauen und Männer gleichermaßen
Max Schreck (MaxSchreck)
- 28.08.2010, 19:44 Uhr
Zwangsdienst
Rudolf Rettberg (rudi123)
- 28.08.2010, 20:12 Uhr
Wir haben schon sehr viel Staat..
Wolfgang Meyer (kritzel3)
- 28.08.2010, 20:33 Uhr
Guter Artikel von Hendruk Ankenbrand
Bryan Hayes (bhayes)
- 28.08.2010, 23:32 Uhr
Hendrik Ankenbrand Jahrgang 1978, Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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