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Renten-Debatte : Das Märchen von der Altersarmut

Essensausgabe für Bedürftige in Trier (Archivaufnahme) Bild: dpa

CSU und SPD wollen das Rentenniveau steigern. Dabei stehen bis 2029 ohnehin Rentenerhöhungen um mehr als 40 Prozent bevor. Ist das Vorhaben also sinnvoll?

          Der Bericht zur Lage der Rentenversicherung, den das Bundessozialministerium jährlich im November vorlegt, enthält in seiner aktuellen Ausgabe zwei Informationen, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassen wollen. Sie spielen aber eine Schlüsselrolle in der von CSU und SPD losgetretenen Diskussion über eine Kehrtwende hin zu einem teuren Ausbau der gesetzlichen Rente. Die eine Information lautet, dass die Renten auch in den kommenden Jahren deutlich steigen. Die andere besagt, dass das rechnerische Rentenniveau sinkt.

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer und der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel folgern daraus, dass Deutschland massenhafte Altersarmut drohe. Und diese Gefahr müsse durch einen Umbau der Rentenformel bekämpft werden – eine neue „große Reform“, die für ein höheres Rentenniveau sorgt. Ein genauerer Blick auf die Zusammenhänge zeigt indes: Zwischen dem rechnerischen Rentenniveau und der Gefahr von Altersarmut besteht allenfalls ein loser Zusammenhang. Und die geforderte Stabilisierung oder gar Anhebung des rechnerischen Rentenniveaus würde vor allem Versicherten mit höheren Löhnen mehr Geld bescheren.

          Über der absehbaren Inflationsrate

          Der aktuelle Rentenbericht von Ministerin Andrea Nahles (SPD) sagt zum einen voraus, dass die turnusmäßigen Rentenerhöhungen bis 2029 – so weit reicht der amtliche Prognosezeitraum – im Durchschnitt mehr als 2 Prozent im Jahr betragen werden. Damit wird es auf Dauer zwar nicht so viel sein wie in diesem Jahr; diesmal erwartet die 20 Millionen Rentner eine Rekorderhöhung um 4,25 Prozent im Westen und 5,95 Prozent im Osten. Doch in der Summe ergibt sich ein erklecklicher Anstieg: Den amtlichen Modellrechnungen zufolge „steigen die Renten bis zum Jahr 2029 um insgesamt rund 41 Prozent an“, heißt es in dem Bericht.

          Die Steigerungen werden damit auch klar über der absehbaren Inflationsrate liegen. Zum Vergleich: In den vergangenen 15 Jahren, also seit dem Jahr 2000, haben sich die Verbraucherpreise um insgesamt 25 Prozent erhöht. Schreibt man diese Entwicklung in die Zukunft fort, folgt daraus: Im Jahr 2029 werden die Renten auch real, also preisbereinigt, mindestens 15 Prozent mehr wert sein als heute. Verschärfte Altersarmut folgt daraus nicht.

          Von 1000 auf 1410 Euro

          Von diesen Zahlen ist in der Rentendebatte allerdings selten die Rede. Vielmehr kreisen die düsteren Voraussagen um den Hinweis auf ein sinkendes Rentenniveau. In der Tat ist auch diese Feststellung in dem Bericht enthalten: Er besagt, dass dieses Niveau – genau: das Sicherungsniveau der gesetzlichen Rente vor Steuern – in diesem Jahr 47,7 Prozent beträgt, 2017 auf 47,9 Prozent steigt und dann bis 2029 schrittweise auf 44,6 Prozent sinkt. Diese Größe ist freilich ein sehr technisches Konstrukt, das auch nicht sehr viel über Armutsrisiken sagt. Sie setzt die sogenannte Standardrente, die ein Durchschnittsverdiener mit 45 Beitragsjahren erhält, ins Verhältnis zum Durchschnittslohn des jeweiligen Jahres. Ihre Entwicklung im Zeitablauf ist ein Ergebnis der Rentenformel im Zusammenspiel mit Arbeitsmarktlage und Altersaufbau der Gesellschaft: Im Grundsatz koppelt die Rentenformel die Renten an die Löhne; doch sie enthält zwei Korrekturfaktoren, die bewusst für Abweichungen sorgen sollen.

          „Die Rente muss zum Leben reichen“
          „Die Rente muss zum Leben reichen“ : Bild: dpa

          Der eine, der Nachhaltigkeitsfaktor, dämpft die jährlichen Rentenanpassungen, sobald die Zahl der Rentner rascher steigt als die der Beitragszahler. Das soll sicherstellen, dass der demographische Wandel die beitragspflichtigen Arbeitnehmer nicht überfordert. Hinzu kommt der Beitragssatzfaktor: Er führt dazu, dass die Rentenanpassungen geringer ausfallen, falls der Beitrag steigt.

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