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So lange arbeiten Angestellte in anderen Ländern : Bekloppte Finnen, Dänen, Niederländer?

Sigmar Gabriel: „Ein Facharbeiter, eine Verkäuferin, eine Krankenschwester, eine Altenpflegerin halten das für eine bekloppte Idee. Ich auch.“ Bild: dpa

SPD-Chef Sigmar Gabriel hat die Idee der Rente mit 69 heftig attackiert. Er sollte sich umschauen. Zehn EU-Länder sind weiter als Deutschland.

          Nun muss Sigmar Gabriel auch die Finnen zu den „Bekloppten“ zählen. Denn auch sie haben in diesem Jahr eine große Rentenreform beschlossen, die das gesetzliche Renteneintrittsalter in den nächsten Jahrzehnten allmählich über 67 Jahre hinausschiebt. Damit haben in der Europäischen Union schon zehn Länder Gesetze, die den regulären Rentenbeginn nach und nach weit über den 67. Geburtstag hinausheben. Der Bundeswirtschaftsminister hatte den Vorschlag der Bundesbank, das gesetzliche Rentenalter in Deutschland auf 69 Jahre anzuheben, vergangene Woche als „bekloppte Idee“ bezeichnet. „Ein Facharbeiter, eine Verkäuferin, eine Krankenschwester, eine Altenpflegerin halten das für eine bekloppte Idee. Ich auch“, sagte er. Als Banker der Zentralbank könne man auf solche Ideen kommen. „Das sind alles Leute mit hohem Einkommen, geringer körperlicher Belastung, einer hohen Lebenserwartung und sehr großen Renten.“

          Heike Göbel

          Verantwortliche Redakteurin für Wirtschaftspolitik, zuständig für „Die Ordnung der Wirtschaft“.

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Am weitesten mit der längeren Lebensarbeitszeit gehen die Dänen. Nach einer aktuellen Auflistung des Finnish Centre for Pensions in Helsinki dürfen die Dänen im Jahr 2050 erst mit 72 Jahren regulär in Rente gehen. Doch auch in den Niederlanden und Griechenland sehen die Gesetze dann schon Altersgrenzen weit jenseits der 69 vor. In Zypern, Irland, Großbritannien, Italien und Portugal liegt der Rentenbeginn 2050 zwischen 68 und 69 Jahren und in Finnland sowie der Tschechischen Republik zwischen 67 und 68 Jahren.

          Natürlich heißt das nicht, dass alle Beschäftigten tatsächlich erst mit Erreichen dieser Altersgrenzen eine Rente bekommen können; in allen Rentensystemen gibt es Möglichkeiten für einen vorzeitigen Ruhestand. Doch künden die neuen gesetzlichen Grenzen vom Bemühen, den Rentenbeginn an die überall in der EU steigende Lebenserwartung – also den längeren Rentenbezug – anzupassen, um die Alterssicherung bezahlbar zu halten für die arbeitende Bevölkerung.

          Bundesbank will Renteneintrittsalter auf 69 Jahre steigern

          Um den Zusammenhang zwischen Lebenserwartung und Rentenbeginn geht es auch der Bundesbank. Sie hat vorgeschlagen, das gesetzliche Rentenalter von 2030 an in Schritten von einem dreiviertel Monat je Jahr auf 69 Jahre zu steigern. So würden erstmals im Jahr 2064 Personen mit 69 Jahren (Geburtsjahrgang 1995) in Rente gehen. Derzeit liegt die gesetzliche Regelaltersgrenze bei 65 Jahren und fünf Monaten. Sie wird bis 2029 schrittweise auf 67 Jahre erhöht; der Geburtsjahrgang 1964 kann also erst 2031 regulär in Ruhestand gehen. Der Druck auf das Rentensystem dauert aber über 2030 hinaus an, weil auch danach noch geburtenstarke Jahrgänge in Rente gehen und zudem die Lebenserwartung zunimmt, während die Zahl der Beschäftigten weiter sinkt.

          Bild: F.A.Z.

          SPD-Chef Gabriel und CSU-Chef Seehofer hatten im Frühjahr schon eine Debatte über die Stabilisierung des (im Zuge der Reformen) sinkenden Rentenniveaus entfacht. Eine höhere Altersgrenze brächte hier Entlastung. Die Bundesbank rechnet vor, dass durch eine schrittweise Heraufsetzung der Altersgrenze auf 69 Jahre bis 2064 das Rentenniveau von 2035 an bei etwa 44 Prozent stabilisiert würde – allerdings bei einem Beitragssatz, der von derzeit 18,7 Prozent auf etwa 24 Prozent stiege. Derzeit liegt das Rentenniveau bei 47,8 Prozent. Nach geltendem Recht darf es bis 2030 auf 43 Prozent sinken. Ohne weitere Reformen würde es langfristig unter 42 Prozent schrumpfen. Das Rentenniveau bei 45 oder gar 50 Prozent festzuschreiben, würde 16 oder 41 Milliarden Euro kosten. Das hat der Rentenfachmann Axel Börsch-Supan für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung ausgerechnet. Ein Beitragssatz bis zu 27 Prozent wäre die Folge.

          Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) hat vorgeschlagen, die reguläre Altersgrenze an die Lebenserwartung zu koppeln, so wie dies in Dänemark schon der Fall ist. Bei der SPD, den Gewerkschaften, Grünen und Linken machte sich der Minister damit nicht beliebt. Doch in der Union findet er viel Zustimmung, auch die der Jungen. So ist die Verknüpfung von längerem Leben und längerem Arbeiten Teil des Rentenkonzepts, das Schäubles Finanzstaatssekretär Jens Spahn zusammen mit Gesundheitsstaatssekretär Karl-Josef Laumann derzeit erarbeitet. Danach soll das Renteneintrittsalter von 2030 an nicht mehr starr festgeschrieben sein, sondern entsprechend der Lebenserwartung steigen.

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