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Altersvorsorge : Gefährliches Rentenvorbild Österreich

Hohe Beiträge, niedrige Rente Bild: Caro / Waechter

Das Nachbarland verlässt sich auf die gesetzliche Vorsorge, kaum jemand sorgt privat vor. Das System erfordert riesige Zuschüsse und ist nicht zukunftsfest.

          Die Rentendebatte in Deutschland wird in Österreich mit Interesse und einer gewissen Genugtuung verfolgt. Das gilt vor allem für den Vorschlag, die gesetzliche Altersvorsorge zu stärken und die staatlich geförderten privaten Komponenten zurückzufahren. Denn genau so ist das österreichische System aufgebaut: Der gesetzliche Beitrag ist hoch und für fast alle wirtschaftlich aktiven Personen verpflichtend. Demgegenüber spielt das kapitalgedeckte Verfahren kaum eine Rolle.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          In Zeiten niedriger Zinsen, in denen die Renditen der „Riester-Rente“ gering sind, klingt der österreichische Weg erst einmal überzeugend. Deshalb empfiehlt der Wirtschaftsweise Peter Bofinger das Modell ausdrücklich als Alternative zum deutschen. Würden der Staat und die Privathaushalte das Geld in die gesetzliche Rente stecken statt in individuelle Alterssparpläne, dann hätten die Ruheständler mehr davon, schreibt Bofinger. Österreich mache vor, wie das geht: Dort seien die Rentenbeiträge zwar 4 Prozentpunkte höher als in Deutschland. Dafür falle aber auch das Rentenniveau besser aus.

          Noch in einem weiteren Punkt dient Österreich manchem Theoretiker als Vorbild. Anders als in Deutschland zahlen dort nicht nur Arbeitnehmer in die gesetzlichen Kassen ein, sondern so gut wie alle Berufstätigen oberhalb der Geringfügigkeitsschwelle von 416 Euro im Monat. Die meisten Personen, etwa Arbeiter und Angestellte, erbringen und erhalten Leistungen nach dem Allgemeinen Sozialversicherungsgesetz ASVG. Freiberufler zahlen in eine Kasse ein, die FSVG heißt, bei Bauern nennt sie sich BSVG. Andere Selbständige und Unternehmer sind in der GSVG pflichtversichert. Beamte fallen in keine dieser Kategorien, müssen für ihre staatlichen Pensionen aber ebenfalls einen Beitrag leisten.

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          Indes fristet die private Vorsorge in Österreich ein Schattendasein. Nach Angaben der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD beziehen die Österreicher nur 3,5 Prozent ihrer Altersbezüge aus kapitalgedeckten Angeboten. Das ist der niedrigste Wert unter den westlichen Mitgliedstaaten. Deutschland liegt mit 17 Prozent im Durchschnitt.

          Was Befürworter des österreichischen Modells nicht sagen: Auch dieses System trägt sich nicht von selbst, sondern wird vom Steuerzahler mit rund 11 Milliarden Euro im Jahr alimentiert; das sind 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Gemäß OECD ist der Wert nur in Belgien, Slowenien und Luxemburg höher. Bezieht man die Zuschüsse auf die Staatsausgaben, stecken lediglich Portugal, Griechenland und Italien mehr öffentliches Geld in die Pensionen als Österreich.

          Hinzu kommt, dass trotz der hohen Rentenversicherungsbeiträge von 22,8 Prozent - in Deutschland sind es 18,7 Prozent - die Ruhegelder im Vergleich zum allgemeinen Wohlstand in Österreich gering sind. Wer sich allein auf das AGSV verlässt, erhält heute eine Bruttorente von 1100 bis 1200 Euro im Monat. Das entspricht nicht einmal der Hälfte des Durchschnittseinkommens aus unselbständiger Arbeit. Deshalb versucht das Land seit langem umzusteuern, ausgerechnet zu einer Art Riester-Rente. Sie heißt Prämienbegünstigte Zukunftsvorsorge und steht wiederum allen Berufstätigen offen. Der Staat fördert einen Höchstbeitrag von derzeit 2560 Euro mit 109 Euro oder 4,25 Prozent im Jahr. Doch sehr beliebt ist das Angebot nicht, seit Jahren nimmt die Zahl der Abschlüsse und der Einzahlungen ab. Derzeit beträgt das verwaltete Vermögen in den 1,6 Millionen Verträgen nur 7 Milliarden Euro. Das ist deutlich weniger, als die österreichische Bundesregierung jedes Jahr allein für ihre Beamtenpensionen aufbringt.

          „Das österreichische Modell eignet sich nicht als Vorbild für Deutschland“, urteilt denn auch Michael Christl, der Rentenfachmann der Denkfabrik Agenda Austria in Wien. „Das System ist hoch subventioniert und nicht zukunftsfest.“ So gebe es keine automatische Anpassung an die demographische Entwicklung. Das tatsächliche Renteneintrittsalter betrage 60,2 Jahre, die durchschnittliche Rentenbezugsdauer belaufe sich auf 22 Jahre - beides ungünstiger als in Deutschland.

          Was die Altersarmut anbelange, so stünden beide Länder, Deutschland wie Österreich, schlechter da als der EU-Durchschnitt. Auch die Einbeziehung von Selbständigen in die Pflichtversicherung halte nicht, was sie verspreche: Da sie viele Kleingewerbetreibende, Niedrigverdiener, unregelmäßig Tätige und verdeckt Arbeitslose erfasse, sei der Deckungsgrad gering und erfordere hohe staatliche Zuschüsse. Auch Bofingers Vorschlag, die Rentenbeiträge in Deutschland nach Österreichs Vorbild zu erhöhen, hält Christl für bedenklich. „Das drückt den Nettolohn, erhöht die Arbeitskosten und schadet der Beschäftigung.“

          Quelle: F.A.Z.

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