12.10.2008 · „Wo ist das ganze Geld geblieben?“, fragen sich die Sparer und Anleger angesichts der riesigen Verluste in den Bankenbilanzen und an den Aktienbörsen. Die Antwort lautet: Es war nie vorhanden.
Von Holger PaulRund 600 Milliarden Dollar sind im Finanzsektor seit Ausbruch der Krise rund um den Globus schon abgeschrieben worden, und am Ende könnte die Summe mehr als doppelt so hoch ausfallen, so fürchtet der Internationale Währungsfonds. Am deutschen Aktienmarkt wurden in der vergangenen Woche in den 30 Papieren des Dax ein Wert von mehr als 55 Milliarden Euro vernichtet. Die Frage ist allerdings, welcher Teil dieser Summen überhaupt jemals real vorhanden war und wie viel davon nur als Buchwert auf dem Papier stand.
Real vernichtet wurde bisher vor allem das Vermögen jener Amerikaner, Briten oder Spanier, die sich ein Haus gekauft und dafür auch eigene Mittel verwendet haben. Die Hauspreise sind inzwischen drastisch gesunken, der Besitz dieser Menschen ist dementsprechend weniger wert. Im schlimmsten Fall können sie nun ihre Kredite nicht mehr bedienen; das Haus muss zwangsversteigert und mit der dabei erlösten Summe der restliche Kredit getilgt werden. Unter dem Strich bedeutet das den totalen Verlust des einst vorhandenen Geldes. "Das Ausmaß dieser realen Verluste ist noch nicht bekannt", sagt Holger Schmieding, der Chefvolkswirt der Bank of America.
Kursverluste sind noch kein volkswirtschaftlicher Schaden
Sicher ist nur, diese realen Verluste könnten noch weitaus größer werden, wenn die Kreditkrise auch die Unternehmen erfasst. Eine halbfertige Lagerhalle, die nicht zu Ende gebaut werden kann, weil der Folgekredit nicht gewährt wird, hat als Bauruine keinen Wert - und damit ist das bereits eingesetzte Kapital vernichtet. Wenn diese Verluste in der weiteren Folge zur Stornierung von Aufträgen an andere Firmen oder gar zum Arbeitsplatzabbau führen, dann steigt die Zahl der Betroffenen rasch an.
Die immensen Kursverluste der vergangenen Tage bedeuten dagegen für sich gesehen noch keinen realen Vermögensverlust. Denn beim Aktien- oder Wertpapierhandel wird das Geld zunächst nur umverteilt. Der Verkäufer des Papiers erhält einen bestimmten Betrag, um den sich sein Vermögen erhöht. Der Käufer erhält im Gegenzug das Unternehmenspapier. Der Wert dieser Aktie liegt in der Erwartung, dass die zugehörige Firma in der Zukunft noch höhere Gewinne erwirtschaftet. "Man hält mit der Aktie den erhofften künftigen Realwert eines Unternehmens in den Händen", erläutert Ulrich Kater, der Chefvolkswirt der Dekabank. Steigt das Papier im Kurs, dann hat der Aktienbesitzer das Gefühl, er sei reicher geworden. Aber das stimmt nur, wenn er zum gewünschten Zeitpunkt auch einen Käufer für das Papier findet, ansonsten handelt es sich um einen reinen Buchgewinn.
„Das Geld ist keineswegs zu überwiegenden Teilen vernichtet“
Im Augenblick sind die Erwartungen an die künftigen Unternehmensgewinne jedoch kräftig zusammengeschmolzen, und damit werden Kursverluste eingeläutet und beschleunigt. Auch diese Verluste stehen zunächst nur auf dem Papier - und werden erst dann real, wenn man seine Aktien verkauft. Sobald die Krise vorüber ist, müssten die Aktienkurse aber wieder steigen, falls das jeweilige Unternehmen noch existiert und wieder Gewinne erwirtschaftet. Im Aufschwung kann also der Eindruck einer Werthaltigkeit entstehen, die es real niemals gab, und wenn die Blase dann platzt, ist ebenfalls kein Geld verschwunden, da es im Sinne eines tatsächlichen Wertes nie vorhanden war, beschreibt es der Ulmer Ökonom Franz Josef Radermacher.
Auch die nun genannten Verluste von 600 Milliarden Euro stehen zunächst nur auf dem Papier und könnten sich im Lauf der Zeit deutlich verringern, wenn sich zum Beispiel die Preise auf dem amerikanischen Immobilienmarkt wieder erholen und für die darauf basierenden Kreditpapiere wieder höhere Preise gezahlt werden. Auf diese Wertaufholungen in den Bilanzen hoffen sowohl die Banken als auch zum Beispiel der amerikanische Staat. Entscheidend ist, wie viele dieser Papiere auf faulen Krediten basieren, die am Ende wirklich nicht zurückgezahlt werden können. "Man wird die tatsächlichen Verluste erst in einigen Jahren beziffern können, wenn die Krise längst vorüber ist", erläutert Ulrich Kater. Die Befürchtung ist allerdings, dass die Summe dann immer noch gewaltig sein wird. "Banken und andere Finanzinstitute haben viele Ausleihungen gemacht, die sich als richtig schlecht entpuppen werden", warnte der amerikanische Ökonom Paul Krugman vor einiger Zeit.
"Das Geld ist keineswegs zu überwiegenden Teilen vernichtet", resümiert der Ökonom Radermacher in einem Essay. "Es war entweder nie da, oder es kommt wieder." Oder es taucht bei denjenigen auf, die das Spiel an der Börse besonders gut beherrschen, ihre Wertpapiere rechtzeitig verkaufen und die dabei erlösten Gewinne in reale Güter - zum Beispiel Gold - umgewandelt haben.