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Warum wollen wir Facebook? : Die Sucht nach dem Netz

  • -Aktualisiert am

Man hasst es oder man liebt es, nur kalt lässt das Netzwerk Facebook kaum einen Bild: AFP

Neue Freunde, alte Feinde und den nächsten Job: Das alles gibt es auf Facebook. Wer nicht drin ist, droht das Leben zu verpassen. Das soziale Netz ist längst zur Sucht geworden.

          Uwe Borgstädt ist 57 Jahre alt - jung genug für die virtuelle Welt. Jeden Tag surft er in diese Welt hinein, aus seinem Büro im Presseamt der Stadt Bielefeld. Borgstädts Ziel ist die Facebook-Seite der Stadt, die er hauptamtlich pflegt. In der realen Welt hat Bielefeld 300.000 Einwohner (wobei die Existenz der Stadt von der Außenwelt gelegentlich in Frage gestellt wird). In der Facebook-Welt hat Bielefeld 4370 Fans. „Ganz ordentlich im Vergleich zu anderen Städten“, findet Borgstädt.

          Seit 1978 arbeitet er als Verwaltungsbeamter im gehobenen Dienst der Stadt. Er hat sich an viel gewöhnt: an die ersten Computer, an Word, an E-Mail-Verteiler, an Radio-Podcasts. Und Borgstädt hat sich gern daran gewöhnt: „Es ist toll, mit all den neuen Techniken mitzuschwimmen.“ Aber Facebook war noch einmal ganz was anderes.

          Das beliebteste Netzwerk
          Das beliebteste Netzwerk : Bild: F.A.Z.

          Wenn die Stadt einen Aushang im Amtsgericht macht, melden sich die Bielefelder nach einer Woche. Wenn Borgstädt ein Video bei Facebook postet, reagieren sie auch mal nach einer Minute. Früher marschierte der Bielefelder aufs Amt und stritt sich mit einem Beamten über die Müllgebühr. Heute lesen Bielefeld-Fans in aller Welt mit, wenn einer auf Facebook über die gelbe Tonne schimpft. Früher galt das Landesverwaltungsverfahrensgesetz, in dem steht, dass Behörden ihre Bearbeitungsfristen verlängern dürfen und dass am Sonntag nichts abgearbeitet wird. Heute gilt für Borgstädt auch das Facebook-Verfahrensgesetz: Wer auf Fragen zu lange schweigt, der verliert. „Ich kann nie vorhersehen, wie die Bielefelder auf meine Posts reagieren. Ich probiere es einfach aus“, sagt der Beamte. Facebook ist für ihn aufregend, anders, ganz neu.

          Exhibitionistisch, misstrauisch, süchtig: Facebook berührt alle

          900 Millionen Menschen, Unternehmen, Institutionen nutzen Facebook, und jeden dieser Nutzer hat Facebook irgendwie verändert. Sie haben mit dem Netzwerk dazugelernt, sind exhibitionistisch oder misstrauisch geworden. Es hat sie berühmt gemacht oder furchtbar blamiert. Facebook-Nutzer finden im Netzwerk neue Jobs, neue Ideen und neue Feinde. Sie verschwenden Monate ihrer Lebenszeit mit Computerspielchen, bei denen sie Tomaten auf virtuelle Äcker pflanzen, und sie gewinnen wertvolle Zeit, weil vielleicht der eine Facebook-Kontakt das eine Paper gepostet hat, das perfekt in die Seminararbeit passt.

          Selbstverteidigung in Zeiten von Facebook: Als sie von einem Mann auf Facebook sexuell belästigt wurde, veröffentlichte die deutsche Hochspringerin Ariane Friedrich in dem Netzwerk eine Mail mit dem Namen des Mannes
          Selbstverteidigung in Zeiten von Facebook: Als sie von einem Mann auf Facebook sexuell belästigt wurde, veröffentlichte die deutsche Hochspringerin Ariane Friedrich in dem Netzwerk eine Mail mit dem Namen des Mannes : Bild: dpa

          Kurzum: Facebook hat alle umprogrammiert, so wie kein Unternehmen zuvor. McDonald’s mag das Essen neu erfunden haben und Coca-Cola das Erfrischungsgetränk, aber Facebook hat in acht kurzen Jahren mal eben alles verändert - auch diejenigen, die sich gar nicht verändern wollen.

          ***

          2. März 2012: „War grad duschen... Herrlich . . .“ Schreibt der Schauspieler Matthias Schweighöfer auf seiner Facebook-Seite. Das gefällt 4337 seiner 766.500 Fans. 1121 sagen dazu Dinge wie „War wohl nötig, lol!“ Oder: „Nächstes Mal komm ich mit!“ Kurz nach der Trennung von seiner Freundin meldete Schweighöfer auf Facebook: „Ihr Lieben, happy Valentine und wie gesagt: Kämpft für die Liebe!! Es lohnt sich. Sank U und good bye!“

          Neue Kategorien von Nähe

          Duschen mit Schweighöfer, Urlaubsfotos vom Chef durchklicken, mit der Cousine in Florida chatten - Facebook hat alle bekannten Kategorien räumlicher oder menschlicher Nähe hinweggefegt. Auf Facebook hat sich der an Alzheimer leidende Fußballrecke Rudi Assauer mit einer rührenden Botschaft aus der Öffentlichkeit verabschiedet. Über Facebook lädt Horst Seehofer zur Party in die Nobel-Disko P1 ein und die ukrainische Opposition zum Gebet für Julia Timoschenko. Derweil fahndet die Kripo nach Verbrechern, und Playmobil zeigt seinen 21 898 Facebook-Fans neue Fotos vom Fun Park in Zirndorf.

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