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Kommentar : Das Bienendrama

Sammelt die Pollen ein: Eine Biene auf einem blühenden Weidenkätzchen Bild: dpa

Ohne Bienen müssten manche Pflanzen mit Robotern oder per Pinsel bestäubt werden. Wer das nicht will, kann in seinem Garten mit der Gegenwehr beginnen. Doch das wird sicher nicht genügen.

          Sind Bienen „systemrelevant“, wie Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner wissen will? Und wenn es so wäre, was folgte dann aus dem Schwund von Bienenvölkern und -arten? Der jedenfalls ist unübersehbar: Mehr als sechzig Prozent der Bienenspezies stehen auf der Roten Liste gefährdeter Arten. Noch dazu nahm die Zahl der Honigbienenvölker in Westdeutschland seit 1990 um mehr als vierzig Prozent ab.

          Genügen Verbote von chemischen Insektiziden? Brüssel und Berlin beschäftigen sich derzeit wieder mit den Risiken und Nebenwirkungen der sogenannten Neonicotinoide, die Bienen orientierungslos machen können. Bräuchte es aber nicht mehr? Etwa eine grundlegendere, bienenfreundliche Reform der Landwirtschaft? Dazu neue Erwägungen beim Bau von Siedlungen und Straßen? Immerhin sorgt sich Klöckner um ein System, das nicht weniger lebenswichtig ist als die Banken: das Ernährungssystem, die Ernten. Bräuchte es also, wenn die Redeweise von der Systemrelevanz nicht in die Irre führt, so etwas wie einen staatlichen „Rettungsschirm“ – subventionierte Blumenwiesen?

          Nein, es geht nicht nur um Chemikalien. Das Bienensterben hat viele Ursachen, und die wichtigste ist der Verlust von Lebensräumen. Daher ist Klöckners Analyse – und auch ihre Aussage, sie wolle verbieten, was Bienen schadet – womöglich radikaler, als sie gemeint war. Denn Wildbienen brauchen Wildnis.

          Bedroht sind Arten, die keine Lobby haben

          Am Politikum der Biene konkretisiert sich, buchstäblich wie symbolisch, ein gesellschaftliches Unbehagen am Verlust von Vielfalt auf dem Land. Ironischerweise ist der Artenreichtum an Insekten in Städten mit ihren alten Parks, Balkonen und Industriebrachen größer als in der Fläche mit ihren zunehmend monotonen Äckern. Da fehlt es an Lebensraum für Fluginsekten, etwa Totholz, Hecken und Blühstreifen. Auch subventionierte Energiepflanzen wie Mais helfen keiner Biene weiter. Stickstoffdünger, enge Fruchtfolgen und Pestizide nehmen vielen Insektenarten Brutstätten und Futter.

          Zudem ist Biene nicht Biene. Erstens gibt es die Honigbiene und das „System“ der Honigversorgung dank Bestäubung. In Amerika wird die Honigbiene von Mega-Imkern mit Lastwagen in die Zitronen-, Walnuss- und Tomatenfelder gefahren, um dort ihre „Bestäubungsleistungen“ zu erbringen. Von und mit der Honigbiene leben, ortsgebunden, auch hunderttausend deutsche Imker. Von diesen Bienen gibt es weniger, weil die Imker immer älter und immer weniger wurden. Erst in jüngster Zeit entdecken jüngere Menschen das Imkern als sinnstiftende Beschäftigung. Aber sie leben oft in den Städten und nicht dort, wo die Agrarplantagen stehen.

          Die Honigbiene ist ein Produkt der Tierzucht – leistungsstark, aber hochempfindlich. Seit Jahren dezimiert die Varroa-Milbe die Bestände. Die Honigbiene kann deshalb nur noch überleben, wenn sie Medikamente gegen diese Milbe bekommt. Die Imker kümmern sich darum, denn sie leben ja vom Honig. Dieses System ist stabil, solange es Medikamente gibt, die Imker und einen Markt für Honig.

          In der Debatte über das Bienensterben geht es freilich weniger um die Honigbiene, auch wenn der inszenierte Protest der Umweltverbände so aussieht. Es geht vielmehr um das, was im ökotechnischen Jargon „Ökosystemdienstleistungen“ heißt: die Bestäubung von Obstbäumen und Gemüsepflanzen. Bedroht sind vor allem Arten, die keine Lobby haben, allen voran Wildbienen und Hummeln.

          Tipp: wilde Pflanzen säen, im Garten und auf Äckern

          Weltweit wird die „Bestäubungsleistung“ auf einen Wert von 265 Milliarden Euro im Jahr taxiert. Um den Verlust der Wildbienen zu begreifen, braucht es aber mehr als Zahlen. Zum Beispiel hilft es, sich die Bezeichnungen der Arten auf der Zunge zergehen zu lassen: Wollbiene, Pelzbiene, Zottelbiene, Sandbiene, Mauerbiene, Seidenbiene. Schon die Namen deuten auf eine gewisse Zartheit hin. Und sie verweisen im Fall der Sand- und Mauerbiene auch auf das Drama des Habitatsverlusts: Sandwege wurden geteert, alte Mauern, die Felder begrenzten, für die freie Fahrt der Mähdrescher entfernt. Überdüngte Felder sind arm an Wildkräutern, die Wildbienen eine Nahrung sein könnten. Die Forstwirtschaft hat wenig Interesse an Totholz. Dazu kommen die phantasielosen, pflegeleichten Gärten der Menschen: kurzgemähte Rasen, Narzissenkolonien, Steinmauern in Metallfassung.

          Um darüber urteilen zu können, ob das Drama der Bienen systemgefährdend ist, muss man fragen: Wie wäre es ohne sie? Fast kein Obst und Gemüse? Nein, nicht das ganze System der Versorgung wäre gefährdet. Es gibt Pflanzen wie Weizen, Mais und Erbsen, die vom Wind bestäubt werden. Die amerikanischen Bienen-Trucks. Oder den chinesischen Weg: Bestäubung per Pinsel. Dafür stünden auch Drohnen zur Verfügung, demnächst Mikroroboter. Wer das alles nicht will, der sollte in seinem Garten wilde Pflanzen säen. Und auf seinem Acker. Ohne Vorschriften und Fördergeld wird das nichts. Wo die Umwelt die Produktionsstätte ist, führt der freie Markt in die Irre. In Brüssel wird über die Neuverteilung von jährlich etwa 55 Milliarden Agrarsubventionen verhandelt. Die Biene ist ein Argument.

          Jan Grossarth

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

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