http://www.faz.net/-gqe-99j6v

Vor Treffen in Washington : Deswegen sind Zölle eine schlechte Idee

Deutschland ist stark in den Welthandel integriert. Bild: dpa

Kurz vor dem Gespräch zwischen Angela Merkel und Donald Trump verschärft sich offenbar der Handelsstreit zwischen Europa und Amerika. Schade, denn er bringt beiden Seiten nichts – aus vielen Gründen. Eine Analyse.

          Offenbar ahnt die deutsche Kanzlerin, dass sie in einem wichtigen Streitthema mit dem amerikanischen Präsidenten nicht weiterkommen wird: Die Zölle auf Stahl (25 Prozent) und Aluminium (10 Prozent), die Donald Trump im März auf den Weg brachte, werden in der kommenden Woche auch für die Mitgliedsländer der Europäischen Union gelten und demnach auch für Deutschland. Denn dann läuft eine entsprechende Frist ab, die Washington Brüssel gesetzt hatte – beide Seiten haben sich, das ergibt sich aus der nun gemachten Ansage aus Berlin, augenscheinlich nicht so weit aneinander angenähert, dass die Zölle einfach ganz von der Tagesordnung genommen werden können.

          Alexander     Armbruster

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das ist aus mehreren Gründen bedauerlich. Die überwältigende Mehrheit der Ökonomen rät Trump davon ab, weil er aus Ihrer Sicht damit seinem Land keinen zusätzlichen Wohlstand verschaffen wird, im Gegenteil. Er schützt natürlich amerikanische Stahl- und Aluminiumhersteller und die Arbeitsplätze von deren Mitarbeitern; alle diejenigen, die Stahl und Aluminium kaufen, werden indes ziemlich sicher höhere Preise zahlen. Vielleicht wird diese Belastung pro Kopf so gering sein, dass sie keinen großen Ärger auslöst, dafür aber eine umso größere Freude unter den Geschützten, die den Republikaner gewählt haben – ein solches Motiv hält beispielsweise Oliver Lorz für durchaus plausibel, der in Aachen Volkswirtschaft lehrt und ein Standardwerk über Handelstheorie geschrieben hat.

          Größte Autoexporteure

          Das Thema ist allerdings auch insofern ärgerlich, als sich die amerikanische Regierung auch von ihren damit verbundenen Forderungen nach niedrigeren Zöllen ohnehin nicht allzu viel versprechen kann: Für Einfuhren aus Amerika in die EU wird derzeit ein Aufschlag von durchschnittlich 5,2 Prozent fällig, für Einfuhren aus Europa in Amerika einer von 3,5 Prozent – so haben das die Fachleute des Ifo-Wirtschaftsforschungsinstituts in München jüngst einmal mehr berechnet. In absoluten Zahlen sind das aufaddiert 13 Milliarden Dollar im Jahr, eine mit der Wirtschaftskraft der beiden Regionen winzige Summe.

          Und dabei bleibt schließlich auch außen vor, dass etwa die großen deutschen Autohersteller, über die Trump schon mehrfach ganz speziell schimpfte, aus den Vereinigten Staaten heraus mehr Autos in die weite Welt verkaufen als ihre amerikanischen Konkurrenten. Allen voran übrigens BMW mit dem größten Konzernstandort in Spartanburg im amerikanischen Bundesstaat South Carolina. Weit mehr als 400.000 Einheiten laufen dort jährlich vom Band.

          Darauf braucht die Kanzlerin ihren Gastgeber aber sicher nicht mehr hinzuweisen, sie hat das bereits getan. Und der BMW-Vorstandsvorsitzende Harald Krüger auch.

          Kurz erklärt : Was ist Protektionismus?

          Wenn Merkel und Trump also nicht doch in allerletzter Minute eine überraschende Wende erreichen – auszuschließen ist erfahrungsgemäß mittlerweile ja wenig –, dann richtet sich der Fokus nun auf die Frage, wie die EU und Deutschland damit umgehen, künftig auch von den Zöllen betroffen zu sein. Die Lobby der deutschen Industrie, die von dem Handelsstreit betroffen ist, sagt schon einmal, was aus ihrer Sicht keine gute Idee ist: Einfach einknicken und amerikanischen Forderungen nachgeben ohne Gegenleistung.

          „Es ist wichtig, dass die Bundeskanzlerin jetzt für direkte Gespräche auf Augenhöhe nach Washington reist“, teilt der BDI in einer Mitteilung mit: „Die Vereinigten Staaten müssen ihre Handelskonflikte im Dialog und gemeinsam mit der Welthandelsorganisation WTO lösen.“ Einseitige Zollsenkungen der EU seien nicht in deren strategischem Interesse.

          Das deckt sich mit den Erkenntnissen, die Ökonomen aus der Analyse des internationalen Warenverkehrs gewonnen haben: Wenn ein großes Land, eines wie die Vereinigten Staaten eben, Zölle erheben oder erhöhen, dann ist die optimale Reaktion tendenziell eine Vergeltung in derselben Höhe. Die EU hat bereits Maßnahmen erdacht, mit denen sie gezielt amerikanische Bundesstaaten treffen kann, in denen Trumps Basis stark ist.

          Die digitale F.A.Z. PLUS
          Die digitale F.A.Z. PLUS

          Die F.A.Z. stets aktuell, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken.

          Mehr erfahren

          Zugleich, und daran scheint die Bundesregierung interessiert, sollte natürlich ein Dialog weitergehen und zwar eben nicht nur über einzelne Zölle wie auf Autos oder was auch immer. Sondern über den gesamten Handel zwischen den beiden Wirtschaftsräumen. Und vielleicht auch über Investitionsbedingungen. So etwas hat es übrigens vor gar nicht allzu langer Zeit schon gegeben unter dem Kürzel TTIP – wenngleich dieses Handelsabkommen diesseits wie jenseits auf merkliche Widerstände gestoßen ist.

          Eine Frage ist schlussendlich über all dem auch noch offen: Wenn Washington jetzt den Streit mit Europa verschärft, heißt das dann eigentlich, dass sich die Administration Trump mit China wieder etwas besser versteht? Immerhin, so wurden jüngste Kommentierungen etwa von Trumps Handels-Beauftragtem Robert Lighthizer und seinem obersten Wirtschaftsberater Larry Kudlow gedeutet, wollte Washington sich doch mit den Europäern zusammenschließen, um gemeinsam mehr Druck auf das Reich der Mitte zu machen.

          Weitere Themen

          Doch kein Treffen mit Kim? Video-Seite öffnen

          Abrüstung ist ein Kriterium : Doch kein Treffen mit Kim?

          Trump betonte, dass die Abrüstung der nordkoreanischen Atomwaffen ein entscheidendes Kriterium sei. Wenn bestimmte Bedingungen nicht erfüllt seien, könne das in Singapur geplante Treffen auch ausfallen oder verschoben werden.

          Topmeldungen

          Reaktion auf Bamf-Skandal : Seehofers Brandschneise

          Der Bundesinnenminister setzt ein Zeichen, um vom Bamf-Skandal nicht erfasst zu werden. Doch nicht nur im Willkommensmilieu Bremens ist die konsequente Abschiebung eher die Ausnahme als die Regel. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.