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WM 2030 : Chinas Angriff auf den Weltfußball

Neuer Spielmacher: Wang Jianlin gehört mit seiner Wanda-Gruppe zu den wichtigsten Sponsoren der Fifa. Bild: Reuters

Es geht um die Erschließung eines Milliardenmarktes – und um den Zugriff auf das WM-Turnier. Ein Geschäft mit der Fifa ist der Schlüssel.

          Die Investition von Wang Jianlin soll nicht nur seinen eigenen Konzern voranbringen, sondern einem nationalen Anliegen dienen. Es geht um wichtige chinesische Interessen auf einem der populärsten Wachstumsmärkte – und einen aufregenden Plan fürs Jahr 2030. Dann will das Land die Fußball-WM ausrichten und sich wie bei Olympia 2008 in Peking der Weltöffentlichkeit als perfekter Veranstalter präsentieren. Deshalb ist es auch keine Überraschung, dass sich Wangs Wanda-Gruppe als neuer Großsponsor des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) nun besser aufgestellt sieht, um „eine Rolle im Bieterprozess“ für das Weltturnier zu spielen.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Unternehmensgründer Wang Jianlin, dessen Vater an der Seite Maos kämpfte, ist der reichste Chinese und jetzt Anschubfinanzierer für das gewaltige Fußballprojekt. Der Vertrag mit der Fifa läuft genau bis 2030 und dürfte dem Weltverband mehr als eine Milliarde Euro einbringen. Der immer mehr im Sportgeschäft aktive Mischkonzern Wanda steht nun auf der höchsten Sponsorenebene der Fifa in einer Reihe mit Adidas, Coca-Cola, Hyundai/Kia, Visa und Gasprom.

          Doch die Verbindung ist eben mehr als Topmarketing. Wanda werde nicht der einzige Fifa-Sponsor aus China bleiben, betonte Wang, als er nach der Vertragsunterschrift in Zürich nach China zurückgekehrt war. Weitere heimische Unternehmen würden wahrscheinlich in „sehr kurzer Zeit“ ebenfalls Verträge mit dem Weltverband abschließen und so bei der Bewerbung um die Weltmeisterschaft helfen. „Das ist sicher“, sagte Wang. Ende vergangenen Jahres unterschrieb schon die chinesische Alibaba-Gruppe eine kleine Sponsorenvereinbarung für die Klub-WM der Fifa.

          Chinas Staatsmedien werten den Wanda-Deal mit der Fifa genauso. Dass der Sponsorenvertrag ausgerechnet bis 2030 reiche, sei „sehr auffällig“, wie die Nachrichtenagentur Xinhua schreibt. Ihre Berichte kommen oftmals offiziellen Pressemitteilungen der Pekinger Zentralregierung gleich. Die nächsten WM-Turniere finden in Russland (2018) und Qatar (2022) statt, nach Europa und Asien dürfte die Fifa 2026 aus strategischen Gründen zuerst die Vereinigten Staaten mit der Veranstaltung bedienen. Vier Jahre später wäre dann der riesige Fußballmarkt China dran. Darauf setzten auch viele Fußballvermarkter.

          Chinas Traum von der WM

          Dass die Volksrepublik die Weltmeisterschaft will, steht außer Frage. Nach den Olympischen Sommerspielen 2008 in Peking und den Olympischen Winterspielen, die 2022 wieder in der Hauptstadt beziehungsweise auf der hügligen Landschaft vor deren Toren stattfinden, sehnt sich die autokratische Führung danach, sich im Glanz des in China ungeheuer populären Ballspiels zu sonnen. Als treibende Kraft gilt der Vorsitzende der Kommunistischen Partei, Xi Jinping, dessen zweitwichtigster Rang der des Staatspräsidenten ist. Angeblich, so berichtet es zumindest die Propaganda, stand Xi selbst in seiner Jugend auf dem Bolzplatz. Heute lässt er keine Gelegenheit aus, sich bei Staatsbesuchen im Ausland und in der Heimat als fußballverrückt zu präsentieren.

          Bereits ein Jahr vor Amtsantritt sprach Xi öffentlich von seinem „Traum“, den er in Sachen Fußball und China habe: Das Land solle wieder an einer WM teilnehmen, eine WM ausrichten und diese irgendwann einmal gewinnen. Zumindest die beiden ersten Teile des Traums sind realistisch, da der WM-Ausrichter automatisch für die Teilnahme am Turnier qualifiziert ist. Der Gewinn der WM hingegen dürfte noch etwas länger auf sich warten lassen angesichts des 96. Platzes, auf dem die chinesische Nationalmannschaft in der Fifa-Weltrangliste steht.

          In Sachen Wirtschaftskraft ist China allerdings bereits heute die Nummer zwei der Welt, und mit diesem Pfund will Peking wuchern, um den Weltfußball ins Land zu holen. Dass der Vorstandschef des Wanda-Konzerns Wang Jianlin mit seinem Fifa-Engagement auch selbst viel Geld verdienen will, steht gar nicht in Frage. Schließlich war es sein Geschäftssinn, der den früheren Regimentskommandeur der Volksbefreiungsarmee zum heute reichsten Chinesen gemacht hat, dessen Vermögen der seriöse Schanghaier „Hurun“-Reichenreport auf 34 Milliarden Dollar schätzt. Das Spektakel Fußball passt perfekt ins Portfolio des Mischkonzerns Wanda. Das Unternehmen ist nicht nur größter chinesischer Immobilienentwickler, sondern betreibt auch Kinoketten in Amerika sowie zu Hause, will in Hollywood-Studios investieren und besitzt ein Fünftel am spanischen Fußballklub Atlético Madrid. Vor einem Jahr übernahm Wanda für 1,2 Milliarden Dollar den Schweizer Sportrechtevermarkter Infront, der unter anderem die Fernsehübertragungsrechte der Fußball-WM für die Fifa veräußert und mit vielen anderen Fußballverbänden wie dem DFB in Deutschland geschäftlich verbunden ist.

          Wunsch des obersten Fußballfan

          Wang will den privaten Wanda-Konzern, den er 1988 mit 80.000 Dollar geliehenem Geld in der nordöstlichen Stadt Dalian gegründet und auf ein Umsatzvolumen von 44 Milliarden Dollar im Geschäftsjahr 2015 geführt hat, zu einem internationalen Unterhaltungskonzern nach dem Vorbild Disneys umbauen. Seit 2011 ist Wanda Hauptsponsor der chinesischen Fußball-Superliga, deren Geschäften Analysten angesichts der Fußballbegeisterung im Land traumhafte Wachstumsraten vorhersagen. Von Bayern München ist zu hören, dass der Verein in China mehr als 90 Millionen Fans habe. Der deutsche Branchenführer will in der Volksrepublik ein Büro eröffnen. Im Sommer wird Borussia Dortmund in China an einem Schauturnier gegen Manchester United und Manchester City teilnehmen. Gleichzeitig jubeln die Chinesen aber oft auch einem heimischen Klub zu.

          Seit 2011 ist Wanda Hauptsponsor der chinesischen Fußball-Superliga, deren Geschäften Analysten angesichts der Fußballbegeisterung im Land traumhafte Wachstumsraten vorhersagen.
          Seit 2011 ist Wanda Hauptsponsor der chinesischen Fußball-Superliga, deren Geschäften Analysten angesichts der Fußballbegeisterung im Land traumhafte Wachstumsraten vorhersagen. : Bild: Reuters

          Die Attraktivität der eigenen Liga soll nach dem Willen des Staatspräsidenten steigen, damit auch die Gewinne aus dem Fußballgeschäft im Land verbleiben. Da macht Xi Jinping keinen Unterschied zu anderen Wirtschaftsbranchen. Angesichts des zunehmend repressiveren Klimas im Land, bei dem auch Privatunternehmer plötzlich über Nacht und manchmal tage- bis wochenlang spurlos verschwinden, sind Chinas Konzernchefs gut beraten, dem Wunsch des obersten Fußballfans zu entsprechen und die Milliarden ihrer Unternehmen in den Fußball zu leiten.

          Und so geschieht es: Chinas Großkapitalisten investieren wie nie zuvor. Erstmals gaben chinesische Vereine in dieser Winter-Wechselperiode mehr Geld aus als die alles dominierende englische Premier League – nämlich 337 Millionen Euro. Allein der Klub Jiangsu Suning, dessen Name sich aus der gleichnamigen Provinz und einer dort ansässigen Elektronikhandelskette zusammenfügt, zahlte für den Brasilianer Alex Teixeira 50 Millionen Euro Ablöse an den ukrainischen Klub Schachtar Donezk und für den ebenfalls aus Brasilien stammenden Mittelfeldspieler Ramires vom FC Chelsea 28 Millionen Euro.

          Der Internet-Milliardär Jack Ma (Alibaba) steckt Millionen in den Serienmeister Guangzhou Evergrande. Damit ist China gegenwärtig die einkaufsstärkste Fußballliga der Welt. Und zuletzt machte obendrein eine Meldung die Runde, dass der schwedische Superstar Zlatan Ibrahimovic, derzeit bei Paris St. Germain unter Vertrag, mit einem Jahresgehalt von umgerechnet 75 Millionen Euro zu einem chinesischen Klub gelockt werden soll. Es wäre der Gipfel des Wahnsinns.

          Fußballexpansion

          Wie Pilze schießen derzeit zudem Fußballschulen für Kinder und Jugendliche aus dem Boden. Bis zum Jahr 2025 sollen übers Land verteilt 50.000 solcher Talent-Akademien entstanden sein. Beteiligt sind meist die großen Sportartikelhersteller. Adidas plant, bis 2020 mehr als 3000 neue Sportläden in chinesischen Städten zu öffnen. Die Regierung schätzt das Potential des Sportmarktes auf umgerechnet fast 650 Milliarden Euro.

          Die chinesische Nationalmannschaft im Torjubel gegen die Malediven. Bis  2025 sollen in China insgesamt 50.000 Talent-Akademien für künftige Fußballstars entstehen.
          Die chinesische Nationalmannschaft im Torjubel gegen die Malediven. Bis 2025 sollen in China insgesamt 50.000 Talent-Akademien für künftige Fußballstars entstehen. : Bild: AFP

          Wanda-Gründer Wang soll angeblich im mächtigen Wirtschaftszirkel des „China Entrepreneur Club“ die anderen Unternehmer auf den Fußball einschwören. Er übernahm in der Vergangenheit auch schon mal das Gehalt des chinesischen Nationaltrainers – wie im Fall des aus Spanien stammenden José Antonio Camacho. Und nicht nur Wanda investiert wie im Fall von Atlético Madrid zugleich in den Auslandsfußball. Der chinesische Modellautobauer Rastar übernahm die Mehrheit an Espanyol Barcelona, das Energieunternehmen CEFC kaufte den tschechischen Traditionsklub Slavia Prag.

          Und für 377 Millionen Euro erwarb im Dezember die staatseigene Investmentgesellschaft Citic 13 Prozent am international stark wachsenden englischen Klub Manchester City. Chinas Fußballexpansion geht unvermindert weiter.

          Quelle: F.A.Z.

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