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Wanderarbeiter in Deutschland : Unsere neuen Hungerlöhner

Ein Arbeiter im Schlachthaus Bild: Fotoagentur Kunz

Sie kommen aus Rumänien und Bulgarien nach Deutschland und machen Arbeiten, die sonst keiner machen will. Unter Bedingungen, die menschenunwürdig sind. Eine Reportage.

          Für Adrian Galea hat Glück einen Standort: Rheda-Wiedenbrück. Im Zentrum der deutschen Schlachtindustrie gibt es Bandarbeit. Daheim in der Walachei gibt es Stromausfall. Zu Klavierklängen von Mendelssohns Frühlingslied schwärmt Galea im rumänischen Fernsehen von Westfalen. Fleischzerlegung in Deutschland - das ernähre die ganze Familie. Kollegen finanziere das deutsche Salär gar das Eigenheim: „Wir haben uns den Respekt der Deutschen erarbeitet.“

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Das Loblied auf Deutschland klingt schrill in diesen Tagen, in denen selbst die deutsche Kanzlerin jene Werkverträge regulieren will, mit denen still und heimlich der neue Treck gen Westen eingesetzt hat: Wanderarbeiter aus Osteuropa bevölkern deutsche Schlachthöfe, Baustellen und Paketlieferwagen – und arbeiten faktisch oft zu Hungerlöhnen. Vergangene Woche stritt Deutschlands Schlachterkönig Clemens Tönnies über einen Mindestlohn, auch der NRW-Arbeitsminister kam vorbei: „Frühkapitalistische Zustände“ herrschten in der Wanderarbeiterbranche, hatte der SPD-Politiker zuvor gewettert. Jetzt will Tönnies ebenfalls einen Mindestlohn und „wesentliche Rahmenbedingungen für die Unterkünfte, für Beratungs- und Integrationsleistungen sowie auch Beschwerdemöglichkeiten für Werkvertragsarbeitnehmer.“

          Leben in einer Schrottunterkunft

          Anders als die Türken und Griechen in den 60ern kommen die Menschen aus Rumänien und Bulgrien, wo das Bruttoinlandsprodukt ein Drittel dessen Deutschlands beträgt, nur vorübergehend. Angesichts der Bedingungen, unter denen sie teilweise arbeiten und leben, wirkt die Diskussion um den Mindestlohn von 8,50 Euro wie aus einer anderen Welt. Aus Ästen, Plastikfolie und Decken bestanden die Unterkünfte, unter denen rumänische Wanderarbeiter diesen Sommer in den Wäldern bei Cloppenburg und Vechta aufgefunden wurden. Die Behörden ließen sie ebenso räumen wie die Dutzenden Gaststätten, in denen Wanderarbeiter illegal untergebracht waren. Für die zwei rumänischen Werkvertragsarbeiter der Meyer-Werft in Papenburg, die zuvor beim Brand ihrer überfüllten Schrottunterkunft verkohlt waren, kam das zu spät.

          Dass der rumänische TV-Sender MDI weiter Jubelberichte über das Arbeiterparadies in Westfalen sendet, könnte mit der Anteilseignerschaft zu tun haben, die viel über das Geschäft mit den Werkverträgen erzählt: Darin findet sich die Schlachterfirma Ninbog S.R.L. – Werkvertragspartner von Tönnies. 4,9 Milliarden Euro Umsatz erzielt Europas größtes Schlachthaus mit Sitz in Rheda-Widenbrück. Zwei Drittel der Belegschaft stellen Werkvertragsfirmen.

          Ein Werkvertrag: der liegt vor, wenn ein Unternehmen von einem anderen eine Leistung einkauft. Eine bestimmten Menge sauber geschnittener Steaks etwa, die in einem bestimmten Zeitraum abgeliefert werden muss. Ob die Arbeit durch zweitausend Hände geht oder die Arbeit von hundert Fleischern erledigt wird, kann dem Auftragsgeber nach rechtlichen Maßstäben egal sein, genau wie der Arbeitslohn. Für die Beschäftigten ist der Subunternehmer verantwortlich. Und die, beteuert die Arbeiterin Petronela im Fernsehbericht des Fleischersenders, fühlten sich in Westfalen pudelwohl.

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          „Deutsche gut, Rumänen scheiße“

          Wer sich auf die Spur von Wanderarbeitern begibt und Geschichten eines modernen Sklaventums sucht, findet sie überall in Deutschland: Ausländer, deren Lage so prekär ist, dass sie sich aus eigener Kraft nicht wehren können gegen die kriminellen Machenschaften von Leuten, bei denen es sich nicht selten um die eigenen Landsleute handelt. „Deutsche gut, Rumänen scheiße“, sagt der 45 Jahre alte Rumäne Andrei im Rheda-Wiedenbrücker Bahnhofscafé und lächelt höflich. Clemens Tönnies, den Schlachterkönig und Präsident des Fußballvereins Schalke? Den hat der rumänische Schlachter ein einziges Mal gesehen. Eine Delegation habe der Deutsche durchs Werk geführt, sagt Andrej und blickt besorgt gen Tür. Der Mann hat Angst, seine Stelle zu verlieren. 45 Jahre ist er alt, seinen richtigen Namen will er nicht geschrieben sehen: „Ich weiß nicht, wie lange ich noch bleiben muss.“ Er will sich nicht fotografieren lassen: „Unter den Arbeitern gibt es Spione.“

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