04.11.2011 · Die Wall-Street-Bank Goldman Sachs gilt als Schmiede für Supertalente. Der Sturz von Jon Corzine kratzt an diesem Mythos. Er ist nicht der einzige ehemalige Goldman, der gestrauchelt ist.
Von Norbert KulsJon Corzine galt bis vor kurzem als klassischer Absolvent der Wall-Street-Eliteschmiede Goldman Sachs. Er hatte es in einer mehr als zwanzigjährigen Karriere vom Anleihehändler bis an die Spitze der berühmten Investmentbank gebracht. Nach dem - in seinem Fall unfreiwilligen - Abschied von Goldman wechselte er wie viele vor ihm in die Politik. Die bei Goldman verdienten Millionen finanzierten Corzines Wahlkampf, und er zog für fünf Jahre als Vertreter von New Jersey in den amerikanischen Senat ein.
Es folgte eine Amtszeit als Gouverneur dieses wichtigen Bundesstaates. Nach seiner verlorenen Wiederwahl ging Corzine zurück an die Wall Street, wo er das bis dahin unbekannte Wertpapierhaus MF Global groß machen wollte. Eine Art Mini-Goldman sollte es werden. Nach nur anderthalb Jahren steht Corzine nun vor einem Scherbenhaufen. MF Global meldete am Montag dieser Woche Insolvenz an; Corzine trat am Freitag zurück. Es ist die achtgrößte Pleite in der amerikanischen Unternehmensgeschichte.
Das spektakuläre Scheitern von Corzine kratzt jetzt nicht nur am Ruf des 64 Jahre alten Finanzmanagers, sondern auch am Mythos von Goldman Sachs. Denn Goldman galt bisher als Magnet für die besten Talente und als Hort für exzellentes Risikomanagement. Das weite Netzwerk von ehemaligen Goldmännern in Schlüsselpositionen von Politik und Finanzwirtschaft ist legendär. Kritiker sprechen zwar gerne von „Government Sachs“, so als sei die amerikanische Regierung fest in der Hand von Gold-Männern.
Aber gleichwohl ob es sich um Goldman-Bewunderer oder Goldman-Hasser handelt - die Fähigkeiten der Leute von Goldman Sachs stellte bislang kaum jemand in Frage. „Diese Leute sind mit Heiligenschein herumgelaufen. Und nirgends waren die Mythen größer als bei Goldman“, sagte William Cohan, ehemaliger Investmentbanker und Autor eines Buches über die Bank der „New York Times“.
Zum illustren Netz der Ehemaligen gehört etwa der langjährige Goldman-Vorstandschef Henry „Hank“ Paulson, der Corzine 1999 nach einem internen Machtkampf aus der Investmentbank gedrängt hatte. Paulson war zuletzt Finanzminister unter Präsident George W. Bush und führte die rasche amerikanische Reaktion auf die eskalierende Finanzkrise an. Berühmte Hedgefonds-Manager wie Richard Perry oder Edward Lampert lernten ihr Geschäft in den Handelsabteilungen von Goldman. Auch der Vorstandschef des Börsenkonzerns Nyse Euronext, Duncan Niederauer, verbrachte lange Jahre beim Wall-Street-Primus.
Aber Corzine ist nicht der Einzige der Ehemaligen, der trotz eines Rufes wie Donnerhall gescheitert ist. Robert Rubin, Co-Vorstandschef von Goldman Anfang der neunziger Jahre und später Finanzminister unter Präsident Bill Clinton, hinterließ zuletzt bei der Großbank Citigroup einen schlechten Nachgeschmack. Rubin, Mentor einer ganzen Generation von erfolgreichen Hedgefonds-Managern, war nach seinem Rücktritt als Finanzminister als strategischer Berater zur Citigroup gekommen. Er bekam ein Büro neben dem Vorstandschef, eine zweistellige Millionen-Dollar-Vergütung und gehörte als „Vorsitzender des Exekutivausschusses“ zum engeren Führungszirkel der Bank.
Operative Verantwortung übernahm er zwar nicht. Damit verteidigte sich Rubin immer wieder, als die Citigroup im vergangenen Jahrzehnt von einem Skandal in den nächsten stolperte und schließlich nach Ausweitung des Geschäfts mit risikoreichen Hypothekenanleihen zu einem der größten Verlierer der Finanzkrise wurde. Rubin trat Anfang 2009 auf dem Höhepunkt der Finanzkrise nach zehn Jahren von seinen Aufgaben bei der Citigroup zurück.
Er bedauere, dass er und andere erfahrene Finanzmanager die „ernsthafte Möglichkeit für die extremen Umstände“ nicht erkannt hätten, in die das Finanzsystem geraten sei. Aktionäre formulierten es drastischer. „Er ruinierte seine Karriere, er tritt in Schande zurück“, rief ihm der selbständige Vermögensverwalter Richard Steinberg hinterher.
Auch John Thain ist ein ehemaliges Goldman-Sachs-Talent, das an der Wall Street einst für alle vakanten Spitzenposten krisengeschüttelter Institute gehandelt wurde. Thain hatte sich nach seiner Zeit bei Goldman Sachs, wo er es zur Nummer zwei hinter Paulson gebracht hatte, im vergangenen Jahrzehnt an der New Yorker Börse als Krisenmanager profiliert. Er hatte das angeschlagene Traditionsinstitut wieder auf Wachstumskurs gebracht. Ende 2007 erschien er daher als idealer Kandidat für den Spitzenposten der Investmentbank Merrill Lynch.
Wie schon in der Citigroup hatte bei Merrill Lynch unter dem damaligen Vorstandschef Stanley O’Neal die Risikokontrolle kläglich versagt. O’Neal hatte mit Merrill Lynch ebenfalls Goldman Sachs nachgeeifert. Er hatte den Eigenhandel mit Wertpapieren ausgebaut und das Geschäft mit außerbörslichen Beteiligungen forciert - Bereiche, in denen Goldman brillierte. Aber Thain, der als Fachmann für Risikomanagement galt, brachte es nicht fertig, die Abwärtsspirale zu stoppen, in die Merrill geraten war.
Merrill wurde schließlich an die Bank of America verkauft und Thain kurz nach Vollzug der Übernahme zum Rücktritt gedrängt. Thain hatte davor überraschend hohe Verluste gebeichtet. Die Angestellten von Merrill hatten zudem trotz Krise Milliardenboni kassiert. Thain hatte sich auch angreifbar gemacht, weil er bei seinem Antritt als Krisenmanager erst mal sein Büro für 1,2 Millionen Dollar neu dekorierte. Mittlerweile führt Thain die auf mittelständische Firmenkunden spezialisierte Bank CIT Group und hat sein öffentliches Profil stark reduziert.
Corzine dagegen war auf dem besten Weg, sein Profil und das von MF Global zu schärfen. Erst im Februar wurde MF Global in den elitären Kreis von Banken und Wertpapierhäusern aufgenommen, die Staatsanleihen direkt mit der Notenbank Federal Reserve handeln dürfen. Vor Corzines Antritt im März 2010 kannten die Firma, die 2007 von der Hedgefonds-Gesellschaft Man Group abgespalten wurde, praktisch nur Profis an den Terminmärkten. Selbst Corzine machte sich anfänglich noch über den geringen Bekanntheitsgrad lustig. „Stellen Sie mir keine harten Fragen. Ich hatte von diesem Unternehmen vor einer Woche noch nichts gehört“, bat er damals einen Reporter.
Corzine war schon bei Goldman für große Wetten bekannt, die auch schon mal zu Verlusten führten. In seiner ersten Telefonkonferenz mit Investoren von MF Global sprach Corzine darüber, was angesichts des gestiegenen Risikos schiefgehen könnte. „Es werden falsche Einschätzungen sein, die die Grenzen überschreiten“, sagte Corzine. Er versicherte allerdings, das nicht zu erlauben. Jetzt zeigt sich, dass er ein offenbar übersteigertes Vertrauen in seine Fähigkeit hatte, die Risiken zu kontrollieren. Und offenbar gab es auch niemanden, der Corzine widersprach. Kurz vor dem Kollaps kamen bei MF Global auf jeden Dollar Eigenkapital 34 Dollar Schulden. Bei Goldman Sachs, die ihr Risikoprofil zuletzt verringert haben, beläuft sich dieses Verhältnis mittlerweile auf nur 1 zu 13,5. Die Wall-Street-Bank, der MF Global eigentlich nacheifern wollte, hat zuletzt auch aufgrund regulatorischer Änderungen das Risiko zurückgenommen und die Wetten mit eigenem Kapital eingestellt.
Corzine warb dagegen Händler von Goldman, der Schweizer Bank UBS und dem Hedgefonds Soros Fund Management ab und fuhr das Risiko konsequent hoch. Der Fall von MF Global kam schließlich rapide und erinnerte an den Kollaps der Investmentbank Lehman Brothers vor drei Jahren. Handelspartner und Investoren waren in Scharen geflüchtet, nachdem Corzine eine für die im Verhältnis zur dünnen Kapitaldecke von MF Global gigantische Wette auf risikoreiche europäische Staatsanleihen bekanntgegeben hatte. Ratingagenturen hatten die Bonität des Hauses danach auf Ramschniveau heruntergestuft. Für eine Wall-Street-Firma wie MF Global, die sich am Kapitalmarkt finanzieren muss, ist das ein Todesstoß. Nach der Abstufung der Kreditwürdigkeit verlangten verunsicherte Geschäftspartner umgehend mehr Sicherheiten. MF Global nahm noch eine bestehende Kreditlinie in Milliardenhöhe in Anspruch. Danach waren die liquiden Mittel aufgebraucht.
Der tiefe Sturz von Corzine übertrifft das Scheitern von Rubin und Thain aber wohl noch. Denn die Umstände, die zum Konkurs der Gesellschaft führten, werfen noch viele ungeklärte Fragen auf, die nicht nur mehrere Aufsichtsbehörden, sondern auch die Bundespolizei FBI beschäftigen. Kundengelder in dreistelliger Millionen-Dollar-Höhe sollen nicht auffindbar sein. Die Ermittler wollen wissen, ob Corzine und MF Global möglicherweise Gelder abgezweigt haben, um ihre Geschäfte zu finanzieren. Im besten Fall wird es sich um schlampige Buchführung handeln. Im schlimmsten Fall um Betrug.
Auch die Aufsichtsbehörden selbst sind angesichts des rapiden Falls von MF Global in die öffentliche Kritik geraten. „Wo war die CFTC?“, fragte das „Wall Street Journal“ in einem Kommentar. Verschwörungstheorien ist es zudem nicht abträglich, dass Gary Gensler, der Vorsitzende der Terminbörsenaufsicht CFTC, auch lange für Goldman Sachs tätig war.
Dass sich Corzine überhaupt auf das Abenteuer MF Global einließ, hat er einem anderen ehemaligen Gold-Mann zu verdanken, der jetzt auch nicht sonderlich gut dasteht: J. Christopher Flowers. Dessen Beteiligungsgesellschaft, die in Deutschland unter anderem mit einer Beteiligung an der später verstaatlichten Bankholding Hypo Real Estate Verluste machte, war bei MF Global investiert und rekrutierte Corzine für den Spitzenposten. Der Verlust von Flowers, in dessen Gesellschaft Corzine ebenfalls Partner ist, wird auf 48 Millionen Dollar beziffert.
Vor dem Desaster wurde Corzine noch als potentieller Nachfolger für Timothy Geithner gehandelt - falls der amtsmüde amerikanische Finanzminister aufhören und Barack Obama die Präsidentschaftswahlen im kommenden Jahr gewinnen sollte. Corzine hatte für Obama viele Spenden gesammelt. Man kann dennoch davon ausgehen, dass Corzine mittlerweile nicht mehr auf der Liste potentieller Finanzminister steht.
Und bei all diesen Leuten frage ich mich ...
Björn Opitz (hrbjoern)
- 06.11.2011, 00:51 Uhr
N.J.
Carolus Doomdey (Domday)
- 05.11.2011, 18:47 Uhr
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