Home
http://www.faz.net/-gqe-759e1
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
Risikoabsicherung

Waffenland Vereinigte Staaten Das Sturmgewehr läuft bestens

Ist Amerikas Waffenindustrie nach dem Massaker in einer Grundschule in Connecticut am Ende? Nein. Das Geschäft wird jetzt erst richtig brummen.

© RONDA CHURCHILL/The New York Tim Vergrößern Mein Haus, mein Sturmgewehr - ein Hobbyschütze in Las Vegas

Gouverneur John Kasich aus Ohio hatte viel zu erledigen vor Weihnachten. Drei Dutzend Gesetze galt es vor den Feiertagen auszufertigen. Ein strengeres Prüfungsrecht für Schulen unterschrieb der Republikaner, ein neues Scheidungsrecht und die Regel, dass Football-Spieler vom Platz müssen, wenn sie sich am Kopf verletzen. Und natürlich das neue Waffenrecht. Künftig müssen die Bürger in Ohio ihre Lizenz, eine Waffe verdeckt bei sich zu tragen, nicht mehr regelmäßig verlängern. Einmal erteilt, ist sie ewig gültig.

Hendrik Ankenbrand Folgen:

Dass der Gouverneur diesen Beitrag zum Bürokratieabbau nur eine Woche nach dem Amoklauf in der Grundschule von Sandy Hook leistete, zeigt, dass Amerikas Waffenindustrie sich um ihren Markt und ihre Kunden nicht allzu große Sorgen machen muss. Mögen die Aktienkurse der großen Hersteller auch gelitten haben in den vergangenen Tagen, mag Präsident Barack Obama jetzt planen, den Verkauf von Sturmgewehren zu verbieten oder den Waffenhandel unter Privatleuten strenger zu kontrollieren - wirklich weh wird es Herstellern und Händlern nicht tun.

Die Waffenbranche folgt ihrem eigenen Konjunkturzyklus

Im Gegenteil, die Branche folgt ihrem eigenen Konjunkturzyklus. Die Faustregel lautet: Je heftiger die Waffenindustrie unter Beschuss gerät, desto prächtiger geht es ihr. „Eine goldene Ära ist angebrochen“, frohlockte das Blatt „Shooting Industry Magazine“ im Juli. Ein guter Konjunkturindikator ist die Zahl der „Background Checks“: Bei manchen Waffenkäufen müssen Händler bei der Bundespolizei Informationen über eventuelle Vorstrafen des Kunden einholen. Die Zahl der Abfragen zeugt von florierenden Umsätzen der Branche und verrät die neuesten Umsatztreiber: Amokläufe und - Obama.

Mehr zum Thema

Nach der Wiederwahl des Waffengegners im November stieg die Zahl der Vorstrafenabfragen auf ein Rekordhoch von zwei Millionen. Am vergangenen Samstag, dem Tag nach dem Massaker von Connecticut, gingen geschätzte 130.000 Handfeuerwaffen über Amerikas Ladentische. Je mehr Waffen, desto mehr Amokläufe, beweist eine Recherche des Internetportals „Mother Jones“. Seit 1982 habe Amerika 62 Massaker dieser Art durchlitten - aber fast die Hälfte ereignete sich in den vergangenen sechs Jahren, in denen die Waffenindustrie Verkaufsrekorde feierte. Zyniker könnten sagen: Massaker sind der beste Moment, um in die Waffenindustrie zu investieren.

Im Horten von Waffen sind die Amerikaner Weltspitze

Die F.A.S. hat die Kurse der größten Hersteller in den vergangenen zehn Jahren geprüft: Kein Amoklauf hat sie nennenswert gedrückt - das Massaker in Connecticut ist die erste Ausnahme. Ob sie dauerhaft wirkt, ist fraglich. Vielmehr hat die Waffenlobby NRA am vergangenen Freitag gleich ein Konjunkturprogramm für Waffenhersteller gefordert: Bewaffnete Polizisten an jeder Schule.

Die Rechnung „Mehr Waffen = mehr Sicherheit“ mag Europäer verblüffen, für viele Amerikaner ist sie plausibel. Im Horten von Waffen sind die Amerikaner Weltspitze, auf 100 Einwohner kommen 89 Schusswaffen. Mehr haben nicht mal die Menschen im Bürgerkriegslands Jemen, oder die Schweizer, die ihre Dienstwaffen nach dem Armeedienst behalten dürfen.

Infografik / Waffenmarkt nach Amoklauf (2) © F.A.Z. Bilderstrecke 

Für den modernen amerikanischen Soldaten oder Veteranen gehörten Waffen eben zum Berufsalltag, schreibt die Branchen-Postille „Shooting Industry“, wieso also nicht auch zum Freizeitvergnügen? „Der amerikanische Bürger hat es kapiert: Waffen sind Okay!“

Der Freiheitsanspruch der Waffennarren

Wie groß das Geschäft wirklich ist, darüber gibt es unterschiedliche Aussagen. Auf nur knapp fünf Milliarden Dollar taxiert der Branchenverband National Shooting Sports Foundation die Umsätze, dagegen sieht der Marktforscher IBIS den Markt zwölf Milliarden Dollar schwer, bei einem jährlichen Wachstum von 6 Prozent. 12 Prozent bleiben danach als Gewinn bei den Herstellern hängen.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Kampf gegen IS Amerika will Irak schneller Waffen liefern

Nach der Einnahme der irakischen Stadt Ramadi durch die Terrormiliz Islamischer Staat, hat der amerikanische Vize-Präsident Biden zugesichert, das Land schneller mit neuen Waffen zu versorgen. Mehr

16.05.2015, 11:58 Uhr | Politik
Washington Merkel wirbt für Ukraine-Gipfel

Merkel wirbt in Washington für den Ukraine-Gipfel und möchte Verbündete davon überzeugen, keine Waffen nach Kiew zu liefern. Amerika ist skeptisch, dass Putin zu Friedensverhandlungen bereit ist. Mehr

09.02.2015, 14:34 Uhr | Politik
Vereinigte Staaten Polizist nach tödlichen Schüssen auf Schwarze freigesprochen

Ein amerikanischer Polizist soll 49 Mal auf das Auto zweier unbewaffneter Verdächtiger geschossen haben, die bei dem Vorfall starben. Nun wurde der Beamte freigesprochen. Mehr

23.05.2015, 23:43 Uhr | Politik
SS-Massaker in Distomo Bewohner warten auf Entschädigung

In Deutschland ist die Empörung über die griechischen Reparationsforderungen in Höhe von 278,7 Milliarden Euro groß. Denn: Der Betrag deckt ungefähr die Schulden, die Athen seit dem Weltkrieg angehäuft hat. Im Dorf Distomo warten die Bewohner seit Jahren auf Entschädigungen: Hier hat die Waffen-SS 1944 mehr als 200 Menschen getötet. Mehr

08.04.2015, 14:32 Uhr | Gesellschaft
Rüstungsindustrie Heckler & Koch forderte Schutz vor feindlicher Übernahme

Der Hersteller des umstrittenen Sturmgewehrs G36 hat sich nach Informationen der F.A.S. als Ziel einer feindlichen Übernahme betrachtet. Die Unternehmensleitung von Heckler & Koch witterte ein Komplott und bat den Bundeswehr-Geheimdienst MAD um Hilfe. Dort blitzte sie ab. Mehr

17.05.2015, 06:02 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 22.12.2012, 15:27 Uhr

Fahrstuhlabenteuer

Von Heike Göbel

Das Fahren im Paternoster kitzelt ein bißchen an den Nerven. Die Bundesregierung hält die Aufzüge jetzt für so gefährlich, dass sie deren Nutzung regeln will. Manchmal übertrifft die deutsche Wirklichkeit leider jedes Klischee. Mehr 25 96


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --