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Wächterhäuser Moderne Hausbesetzer

 ·  Um den Verfall zu stoppen, werden in Leipzig leerstehende Häuser günstig an Kreative vermietet. Die bringen wieder Leben ins Viertel. Eine Reportage in Text und Bildern.

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© Lüdecke, Matthias Bildergalerie: Moderne Hausbesetzer

Immer der Musik nach. Irgendwo müssen sie doch herkommen, diese wummernden Bässe in dieser verlassenen Straße im Leipziger Stadtteil Lindenau. Das Bettwarengeschäft hat schon lange zu, der Fischladen ebenso, und auch von Sachsen Elektrotechnik ist nur noch das Schild über dem Ladenlokal geblieben. Viele Schaufenster sind mit einer dicken Schicht von Konzertplakaten beklebt. Lionel Richie, Nightwish, Toto. Eric Burdon, David Helfgott, Treibsand. Aber irgendwo inmitten dieser verfallenen Altbauten in der Georg-Schwarz-Straße ist auch echte Musik, ist auch Leben. Die Bässe lügen nicht.

Sie kommen aus dem Haus mit der Nummer 70, aus dem offenen Fenster im zweiten Stock. Auf der Fensterbank sitzt eine junge Frau mit blonden Locken, sie genießt die Sonne, die Musik und eine Zigarette. Die 29 Jahre alte Stefanie Rüllich ist so etwas wie eine moderne Hausbesetzerin. Seit Jahresanfang arbeitet und wohnt die Modedesignerin (“experimentelle Streetwear, eher unklassisch“) in dem zuvor leerstehenden Haus, zusammen mit einem Dutzend anderer Menschen. Die Miete hat mehr symbolischen Charakter: 50 Euro im Monat für 250 Quadratmeter. Hinzu kommen die Kosten für Wasser, Strom und Müll. Der Eigentümer ist trotzdem zufrieden: Die Nutzer sorgen dafür, dass das Haus nicht weiter verfällt - und dass wieder Leben in die Georg-Schwarz-Straße kommt.

In keiner anderen Stadt in Deutschland gibt es so viele Gebäude aus der Gründerzeit wie in Leipzig. Die Altbauten aus den Jahren 1871 bis 1914, rund 12 000 an der Zahl, prägen weite Teile des Stadtbilds. Die meisten von ihnen sind längst saniert, die Fassaden geweißt, Leitungen und Fenster ausgetauscht. Doch es gibt auch noch das andere Leipzig. Vor allem entlang der vielbefahrenen Hauptstraßen der früheren Arbeiterviertel sieht es mitunter noch aus wie direkt nach der Wende. Die Wohnungen und Läden verlassen, die Scheiben eingeschlagen oder mit Sperrholzplatten verrammelt. Hier ist die Bausubstanz am schlechtesten, der Renovierungsbedarf am größten. In der Georg-Schwarz-Straße steht jedes dritte Haus leer. Stefanie Rüllich sieht es positiv: „Hier passiert wenigstens noch was.“

Ein Strom- und Wasseranschluss pro Etage

Das Haus, in dem sie lebt, ist ein sogenanntes Wächterhaus. Vor acht Jahren ersann eine Gruppe von Leipziger Stadtplanern und Architekten dieses Konzept, um nicht noch mehr Häusern beim Verfallen zusehen zu müssen. Seitdem macht ein Verein die Eigentümer von leeren Häusern ausfindig und bringt sie mit Menschen zusammen, die viel Platz für wenig Geld suchen, Kreative zumeist. Die Eigentümer dichten das Dach ab und bringen in jeder Etage einen Strom- und Sanitäranschluss in Ordnung. Was die Nutzer darüber hinaus wollen, machen sie selbst. Im Winter kann es mitunter recht kalt werden. Geheizt wird vielfach noch mit Kohle, und nicht in jedem Zimmer steht ein Ofen. Die Nutzung ist auf drei oder fünf Jahre begrenzt. Trotz dieser Einschränkungen ist die Nachfrage groß: 1800 Menschen stehen auf dem Verteiler, der über freie Plätze informiert.

Die Nutzer der „GSS 70“, wie die Adresse abgekürzt wird, eint, dass sie erst vor kurzem nach Leipzig gezogen sind. Stefanie Rüllich zum Beispiel hat an der Fachhochschule Zwickau Modedesign studiert. Mike Sommermann, der ein Stockwerk tiefer an einer wuchtigen alten Adler-Nähmaschine (“meine dicke Bertha“) Taschen aus schweren Stoffen näht, hatte zuvor in Siegen ein Textilunternehmen. Und die Bildhauerin Helena Garcia, die im Erdgeschoss eine Galerie betreibt, lebte bis vor kurzem in Darmstadt. Was die Hauswächter ebenfalls verbindet: Sie alle hatten ursprünglich überlegt, nach Berlin zu ziehen, ins Mekka der deutschen Kreativszene. Doch dann erschien ihnen die Hauptstadt als „zu gemacht“ (Rüllich), „zu wahnsinnig“ (Sommermann) oder schlicht „zu groß“ (Garcia). Leipzig sei das bessere Berlin, sagen sie. Nur mit der Kundschaft in Leipzig ist es so eine Sache, sie könnte zahlungskräftiger sein. Noch verkaufen die drei zu wenige von ihren Kleidern, Taschen und Bildern, um davon leben zu können, sind auf Nebenjobs angewiesen.

In einem seiner Zimmer hat Mike Sommermann ein Stück von der alten Blümchentapete gelassen; als Bordüre unterhalb der Decke zieht sich die Vergangenheit des Hauses durch die Gegenwart. Auch der dunkelrote PVC-Boden ist noch da, zu aufwendig wäre es, die Dielen darunter freizulegen, zu begrenzt ist die Zeit im Wächterhaus. Viel wichtiger sei es, in jedes Zimmer einen vernünftigen Stromanschluss zu legen, sagt Sommermann, „mit Lichtschalter und so“. Im Moment schlängelt sich noch eine lange Kette von Mehrfachsteckdosen in die vielen Zimmer. „Jeder von uns kann irgendwas“, sagt der Sechsundvierzigjährige. Nur so könne man in solch einem Haus glücklich werden. Wie zum Beweis kreischt im Treppenhaus eine Säge auf.

Hauswächter verhindern Vandalismus

Wie viel ruhiger ist es da in der Hinrichsenstraße. Ruhiger geht es kaum, sieht man mal vom Vogelgezwitscher ab. Hier im noblen Waldstraßenviertel in Laufweite zum Zentrum renoviert niemand mehr, hier gibt es weder Leerstand noch Wächterhäuser. Es passt nicht so recht ins Bild, doch ausgerechnet in diesem bürgerlichen Idyll hat einer der Väter der Wächterhäuser sein Büro: Fritjof Mothes. In Dresden geboren, in Berlin ausgebildet, seit Ende der neunziger Jahre selbständiger Stadtplaner in Leipzig. „Früher gab es im Wochentakt Brände, weil Jugendliche in die leeren Häuser eingestiegen sind und Müll angezündet haben“, erinnert sich der 42 Jahre alte Mothes an seine ersten Monate in Leipzig. So entstand die Idee, die Häuser bewachen zu lassen. Im Jahr 2004 gründeten Mothes und einige Gleichgesinnte den Verein „Haushalten“, ein Jahr später eröffneten sie das erste Wächterhaus. Fünfzehn weitere sind seitdem im gesamten Stadtgebiet dazugekommen.

Der Verein stellt den Nutzern Werkzeug für die Renovierung zur Verfügung und vermittelt wenn nötig Kontakte zu Handwerkern und Banken. Er finanziert sich durch Fördergelder der Stadt, außerdem zahlt jeder Hauswächter monatlich einen Beitrag. Am schwierigsten sei es, die Eigentümer der Häuser ausfindig zu machen und sie von der Idee zu überzeugen, ihr Eigentum einer Horde junger Leute zu überlassen, erzählt Mothes, der diese Überzeugungsarbeit ehrenamtlich in seiner Freizeit betreibt. Erbengemeinschaften seien besonders schwierige Fälle. „Manchmal blockiert einer von 23 die Entwicklung eines Hauses.“ Auch an die Frustrierten sei schwer ranzukommen, an diejenigen, die in der Goldgräberstimmung der neunziger Jahre hoffnungsvoll Häuser kauften und dann nichts als Verluste machten, weil niemand mehr in diesen Häusern leben wollte. Vor der Wende hatte Leipzig mehr als 530 000 Einwohner, bis 1998 sank die Zahl auf nur noch 437 000. Voll des Lobes ist Mothes für die Leipziger Stadtverwaltung; von Anfang hätten die Verantwortlichen die Wächterhaus-Idee unterstützt, ideell wie finanziell.

Einer der Gelobten ist Karsten Gerkens, der Leiter des Amts für Stadterneuerung und Wohnungsbauförderung. Sein Büro liegt im Technischen Rathaus, einem nüchternen Büroklotz fernab von Gründerzeitbauten und Künstlern. Macht Gerkens das Fenster auf, gehen seine Worte im tosenden Verkehr der Prager Straße unter. Auf den ersten Blick wirkt der Neunundfünfzigjährige wie ein typischer Amtsmensch. Auf seinem Schreibtisch stapeln sich die Aktenmappen, in seiner Sprache wimmelt es von Fachbegriffen. Verfügungsfonds, Seko, EFRE - Gerkens kennt sie alle. Doch hinter der Fassade des Amtsleiters verbirgt sich ein Macher. Anfang der neunziger Jahre zog der gelernte Architekt von Hamburg nach Leipzig (“Was soll ich als Stadtplaner im Westen?“). Seitdem sammelt er in langen Reihen von Ordnern die unzähligen Förderprogramme von EU, Bund und Ländern und mixt diese je nach Bedarf zusammen. „Sie müssen sich das vorstellen wie einen Long Island Icetea - es muss reinhauen.“

Leipzig wächst wieder

Anregungen für den Wiederaufbau holte sich Gerkens in den alten englischen Industriestädten, in Manchester zum Beispiel. Auch dort waren einst binnen kürzester Zeit Tausende Arbeitsplätze verlorengegangen, auch dort brachten Kreative neues Leben in die ausblutende Stadt. Zu Leipzigs Vorzeigeprojekt wurde die Gegend rund um die alte Baumwollspinnerei, ein weitläufiges Fabrikareal im südlichen Lindenau. 1993 wurde die Produktion in der Spinnerei eingestellt. Nach und nach zogen Künstler in die alten Werkhallen und richteten sich dort Ateliers ein, so auch der heute weltbekannte Maler Neo Rauch. Inzwischen ist die Spinnerei weit über die Grenzen Leipzigs hinaus bekannt und das Viertel drum herum eine angesagte Wohngegend. Überhaupt ist Gerkens zufrieden: Seit einigen Jahren wächst die Stadt wieder, aktuell zählt sie 525 000 Einwohner.

Das erste Wächterhaus, das es in Leipzig gab, haben die ehemaligen Bewacher dem Eigentümer mittlerweile gemeinsam abgekauft. So etwas geschehe in letzter Zeit häufiger, berichtet Gerkens. In vielen Gegenden der Stadt würden sich neuerdings Gruppen von Menschen mit wenig Eigenkapital, aber viel handwerklichem Geschick zu Genossenschaften zusammenschließen, um gemeinsam ein Gebäude zu kaufen und zu sanieren. Das liegt zum einen an den im Vergleich zu anderen Städten niedrigen Preisen: Ein Gründerzeithaus mit vier Etagen ist für weniger als 100 000 Euro zu haben. Und es liegt auch daran, dass die Menschen wieder an die Zukunft dieser Stadt glauben. Über kurz oder lang, davon ist Gerkens überzeugt, werde Leipzig keine Wächterhäuser mehr brauchen.

Die Georg-Schwarz-Straße ist eines der letzten Sorgenkinder auf der vormals langen Liste des Stadtplaners. Sie genießt jetzt höchste Förderpriorität. Die Stadt bezuschusst Sanierungsarbeiten mit bis zu 10 000 Euro. Einige Gebäude in der Straße erstrahlen schon in neuem Glanz, das mit dem Blumenladen zum Beispiel. Auf dem Bürgersteig lädt eine Bank zum Verweilen ein, drumherum rankt sich eine Blütenpracht. Da übersieht man fast die Trinkbrüder, die gegenüber vor einer Ruine ihren Kräuterbitter hinunterkippen und die leeren Fläschchen zum Gruß erheben.

Kürzlich hat ein Projektentwickler vier Karrees gekauft, 61 Gründerzeitbauten mit 600 Wohnungen sollen in den nächsten Jahren wieder hergerichtet werden. Zu dem Ensemble gehört auch das Wächterhaus. Ob Stefanie Rüllich, Mike Sommermann und Helena Garcia hier über die vereinbarten drei Jahre hinaus noch arbeiten, noch leben können, ist fraglich. Schon ist die Rede von Gentrifizierung, von steigenden Mieten und von Vertreibung. „Doof“ findet Mike Sommermann die ersten Anzeichen der Aufwertung. Stefanie Rüllich sieht es nicht so kritisch: „Mein Leben entwickelt sich ja auch weiter. Ich will in zehn Jahren nicht mehr so wohnen wie jetzt.“ Der „Broadway von Lindenau“ hieß die Georg-Schwarz-Straße einst, wegen der vielen Kinos und Kneipen. Noch leuchten hier vor allem die Konzertplakate auf den zugeklebten Fenstern. Coldplay, Söhne Mannheims, James Morrison. Irish Folk Festival, Buddy, Rock am Kuhteich. Aber es passiert was. Immer der Musik nach.

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