16.01.2004 · Chinas rasantes Wirtschaftswachstum scheint keine Grenzen zu kennen. Doch immer mehr Stimmen warnen vor zu großer „China-Euphorie“. FAZ.NET-Spezial.
Das stetige Wirtschaftswachstum in China scheint keine Grenzen zu kennen. Während das offizielle Ziel für 2003 bei sieben Prozent liegt, stieg das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im dritten Quartal bereits um 9,1 Prozent. Für das zweite Halbjahr erwarten die Analysten von Standard & Poor's gar, daß das BIP um zehn Prozent zulegt.
90 Prozent der ausländischen Investitionen in Asien landen inzwischen in China. Vor diesem Hintergrund werden Stimmen immer lauter, die in einigen Branchen wie der Bauwirtschaft, Stahl und Chemie eine Überproduktion befürchten, die in eine Überhitzung des Marktes münden könnte. Sogar chinesische Politiker mahnen eine Verlangsamung des Wachstums an.
Autobranche boomt
Vor allem in der Automobilbranche wird die Verschiebung der Gewichte deutlich. Bei fast jedem Hersteller steht der chinesische Markt derzeit hoch im Kurs. Welche Möglichkeiten sich dort eröffnen, zeigt das Beispiel des neuen großmotorigen 7er BMW, von dem die Münchener in den ersten Monaten in China mehr Fahrzeuge absetzen konnten als Inland - obwohl der Wagen durch die Luxussteuern in China wesentlich teurer angeboten wird.
Während in Westeuropa die Absatzzahlen stagnieren, lagen die Pkw-Verkäufe in China zwischen Januar und August 90 Prozent über dem Vorjahr. Marktführer VW will innerhalb von fünf Jahren seinen Marktanteil von fast vierzig Prozent verdoppeln und ist mit Werken zum Bau von Motoren und Nutzfahrzeugen immer stärker direkt vor Ort präsent. Spätestens bis 2007 wollen die Wolfsburger die Grenze von einer Million verkaufter Fahrzeuge in China übertreffen und damit mehr absetzen als im vergangenen Jahr in Deutschland.
Chemische Industrie schaut nach Asien
Auch bei der Nachfrage in der chemischen Industrie lag China in den vergangenen Jahren an der Spitze des Weltmarkts und dürfte sich nach Einschätzung von Volkswirten auch weiterhin schneller entwickeln als das Angebot. BASF-Chef Jürgen Hambrecht nennt chinesische Unternehmen wie Sinopec als die Konkurrenten, die die Welt der Chemie verändern werden. Von Beginn der lange währenden Investitionsentscheidungen an hat sich das weltweit größte Chemie-Unternehmens deshalb entschlossen, direkt in Nanjing an einem Verbundstandort zu produzieren.
Doch nicht nur im Warenverkehr, wo nach dem WTO-Beitritt die Liberalisierung bis 2005 abgeschlossen sein soll, ruhen die Hoffnungen auf China. Der Medienkonzern Bertelsmann ist bei einem der größten Buchverlage des Landes eingestiegen und will so seine Produkte im ganzen Land vertreiben. Bisher besaß Bertelsmann dafür keine Lizenz. Umgekehrt hat erstmals ein chinesisches Unternehmen mit Market News einen amerikanischen Finanzinformationsdienst übernommen und will nun bei der Berichterstattung an der Wall Street mitmischen.
China kämpft mit zahlreichen Problemen
Doch ein Vergleich mit der größten Volkswirtschaft der Welt zeigt, daß der Weg der Chinesen noch lang ist: Chinas Bruttosozialprodukt entspricht derzeit lediglich 11,5 Prozent des amerikanischen. Dazu kommen Probleme wie die hohe Arbeitslosigkeit, Überalterung, der Staatsapparat und das wachsende Sozialgefälle zwischen den chinesischen Küstenstädten und dem Hinterland.
Volkswirte beurteilen die Situation in China unterschiedlich. Während die Investmentbank Morgan Stanley den Anstieg der Investitionen in China mit dem Internetboom und dem Platzen der New-Economy-Blase vergleichen, stufen die Analysten von Goldman Sachs die Entwicklung als typisch für asiatische Wachstumsmärkte ein.
Eines zeichnet sich bereits ab: Mit Indien hat schon der nächste Kandidat die Aufholjagd begonnen. Mit geschätzten Wachstumsraten von fünf Prozent über die nächsten dreißig Jahre hat Indien dabei gute Chancen, China noch hinter sich lassen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2478 | −0,08% |
| Rohöl Brent Crude | 106,35 $ | −0,47% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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