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Wachstumsdebatte Das Bruttoinlandsprodukt und das Glück

 ·  Auch im Westen zweifeln immer mehr Menschen, ob ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts überhaupt erstrebenswert ist. Sicher, die Konzeption der Kennziffer hat Schwächen. Es wäre aber völlig unrealistisch, auf das BIP zu verzichten.

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Wie hoch das BIP in seinem Land sei, wurde der junge König von einem westlichen Journalisten gefragt. Bruttoinlandsprodukt? König Jigme Singye Wangchuck von Bhutan schüttelte den Kopf. Es komme, sagte er, nicht auf das BIP, sondern auf das Bruttonational-Glück an. Seit einigen Jahren errechnet Bhutan einen Glücks-Index. Dazu befragt der Staat die Untertanen, ob sie zufrieden und gesund sind, ob sie genug Geld fürs Leben haben (es ist nicht viel), ob sie täglich beten und meditieren. Die Wirtschaft ist einem strikten Umweltschutz untergeordnet.

Endliche Ressourcen

Auch im Westen zweifeln immer mehr, ob BIP-Wachstum erstrebenswert ist. Es gibt vielerlei Bedenken. Vor vierzig Jahren, Anfang 1972, mobilisierte der Bericht des Club of Rome über „Die Grenzen des Wachstums“ die ökologische Bewegung. Seitdem haben sich zwar die Öl-, Gas- und Metallvorkommen als viel größer herausgestellt, als der Club of Rome und sein Hauptautor, der Ökonom Dennis Meadows, annahmen. Doch ist unbestritten, dass die Ressourcen endlich sind und die Welt damit sparsam und effizient umgehen muss. Nachhaltiges Wirtschaften heißt auch, nicht durch übermäßige Kredite kurzfristig die Konjunktur anzukurbeln und kommenden Generationen Schuldenberge zu vererben.

Die Wachstumsskepsis speist sich auch aus einem Wertewandel. Während die Schwellenländer Wirtschaftswachstum forcieren und sich dort Hunderte Millionen gerade erst aus der Armut befreien, betonen in den reichen Staaten immer mehr Menschen nicht-materielle Werte, wie der World Value Survey zeigt. In Deutschland wird dabei der materielle Sicherheitsaspekt etwas höher gewichtet als in anderen westlichen Staaten. Gerade in den gutsituierten, abgesicherten Kreisen behaupten aber viele, es komme ihnen auf Materielles nicht an.

„BIP-Fetischismus“

Vor diesem Hintergrund sind die Beratungen der Enquetekommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ des Bundestages zu sehen. Die CDU hat den Wachstumsskeptiker Meinhard Miegel als Sachverständigen berufen. Vor drei Jahren hat schon eine von Frankreichs Staatspräsident Sarkozy eingesetzte Gruppe um die Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und Amartya Sen einen Bericht über die Messung ökonomischer Leistung und sozialen Fortschritts erarbeitet. Stiglitz sprach verächtlich über „BIP-Fetischismus“. Neben dem materiellen Lebensstandard müsse man mehr die Verteilung, die Gesundheit, die Bildung und die Verwirklichungschancen berücksichtigen.

Die Schwächen des BIP

Es wäre indes völlig unrealistisch, auf das BIP zu verzichten. Sicher, die Konzeption des Bruttoinlandsprodukts hat Schwächen: Es berücksichtigt nur die Produktion von Waren und Dienstleistungen, die am Markt gehandelt werden, sowie den Staat. Unentgeltlich erbrachte Leistungen - Hausarbeit, Nachbarschaftshilfe, Ehrenamt - werden nicht mitgerechnet. Da Marktpreise fehlen, gäbe es große Bewertungs- und Manipulationsspielräume. Versuche, den unentgeltlichen Sektor in die Statistik zu integrieren, führen zu aufgeblähten und unsicheren Schätzungen. Problematisch ist auch die Bewertung des Sektors Staat. Ein wichtiger Einwand ist, dass beim BIP Ressourcenabbau und Umweltschäden ignoriert werden. Eine Nettorechnung, die Minderungen des (natürlichen) Kapitalstocks berücksichtigt, fiele für öl- und gasexportierende Länder ernüchternd aus.

Einige Forscher haben Alternativ-Indizes zum BIP vorgelegt, die einen Vergleich der Nationen ermöglichen sollen. Der Human Development Index der Vereinten Nationen basiert auf Sens Arbeiten. Ziemlich kuriose Ergebnisse bringt der Happy Planet Index der New Economics Foundation, der den „ökologischen Fußabdruck“ stark hervorhebt. Demnach stehen Costa Rica, Mexiko und auch Kuba besser da als die Vereinigten Staaten (deren Ressourcenverbrauch zu hoch ist), nordafrikanische Staaten liegen vor Frankreich und Deutschland.

Zwangsbeglückung als Zukunftsmodell?

Manche radikalen Wachstumskritiker würden, wenn sie könnten, ein öko-diktatorisches System für die ganze Welt einrichten, um Emissionen zu senken und das Klima - welche Hybris - zu steuern. Übereifrige Glücksforscher, die den Menschen in einer hedonistischen Tretmühle aus zu viel Arbeit und Statuskonsum sehen, plädieren als Gegenmittel für höhere Steuern und Staatsquoten. Verhaltensökonomen werben für einen „sanften Paternalismus“, der die Menschen zu einem gesünderen, besseren Leben erzieht - Bhutan lässt grüßen, dort ist Rauchen komplett verboten, im Fernsehen geht es vor allem um Gesundheit und die Königsfamilie. Zwangsbeglückung als Zukunftsmodell?

Die deutschen Wachstumskritiker können beruhigt sein. In den kommenden Jahrzehnten werden die Wachstumsraten tendenziell geringer. In den fünfziger Jahren waren es durchschnittlich über 8 Prozent, in den neunziger Jahren 1,6 Prozent. Bald werden sie unter ein Prozent sinken. Eine alternde und schrumpfende Bevölkerung schafft nur noch geringes Wachstum. Das ist unvermeidlich. Jeder muss selbst entscheiden, ob er das Glück in der Arbeit, in der Familie oder im Gebet findet. Gegen die Anmaßung staatlicher Glücksgouvernanten sollte sich eine freiheitliche Gesellschaft aber verwahren.

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07.04.2012, 17:56 Uhr

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