Die Hauptversammlungen von VW folgen immer dem gleichen Ablauf. Vor Beginn des Aktionärstreffens, das traditionell im Hamburger Kongresszentrum stattfindet, streift der Konzernpatriarch Ferdinand Piëch in Begleitung seiner Frau Ursula durch den zur Schau gestellten Wagenpark. Auch am Donnerstag blieb das österreichische Ehepaar diesem Ritual treu. Nur stand beim Spaziergang durch die Autohalle weniger der knorrige Piëch im Vordergrund als vielmehr seine Ehefrau. Denn die 55 Jahre alte Kindergärtnerin sollte in den Aufsichtsrat von Europas größtem Automobilkonzern gewählt werden.
Durchaus selbstbewusst
Ursula Piëch wollte sich vor dem offiziellen Beginn des Aktionärstreffens lieber nicht zu ihrem umstrittenen Aufstieg in das Kontrollgremium äußern. Aber ihr gutgelaunter Mann ließ sich einen kurzen Kommentar zu ihrer neuen Rolle entlocken: „Sie macht das bestimmt besser als ich.“ Als Piëch seine Frau dann zu Beginn der Veranstaltung aufforderte, sich den 3000 Aktionären im Saal vorzustellen, musste er kurz schmunzeln. Ursula Piëch gab sich durchaus selbstbewusst.
Mit fester Stimme und österreichischem Zungenschlag versprach sie, auch die Interessen der Kleinaktionäre und Mitarbeiter im Blick zu haben. „Ich möchte dazu beitragen, den Erfolg des Unternehmens zu stärken und Ihre Interessen zu vertreten - immer unter der Berücksichtigung der sozialen Verantwortung“, sagte sie und fügte hinzu: „Gemeinsam mit meinem Ehemann kümmere ich mich um unsere unternehmerischen Beteiligungen. Von daher ist mir die Sichtweise der Groß- und Kleinaktionäre sehr wohl vertraut.“
„Danke, Ursula“
An der Seite ihres Mannes, der den VW-Vorstand bis 2002 geführt hat und seither an der Spitze des Aufsichtsrats steht, habe sie auch ein Gefühl für schwierigere Zeiten entwickelt. „Ich habe die Jahre 1993/94 hautnah miterlebt, ebenso wie den dann folgenden Aufstieg unseres Unternehmens.“ Als Ferdinand Piëch 1993 den VW-Vorstandsvorsitz übernahm, steckte der Konzern in einer tiefen Krise. Ursula Piëch schloss mit den Worten: „Ich bitte um Ihr Vertrauen.“ Die Aktionäre applaudierten. Auch dem Chefaufseher schien der Auftritt seiner Frau gefallen zu haben: „Danke, Ursula“, sagte er. Am Abend wurde Ursula Piëch wie erwartet in den Aufsichtsrat gewählt. Die Zustimmungsquote betrug knapp 98,5 Prozent.
In den Wochen vor dem Aktionärstreffen hatten sich etliche Investoren und Fachleute für Unternehmensführung allerdings kritisch zur Berufung Ursula Piëchs in den Aufsichtsrat geäußert. Der Betriebswirtschaftsprofessor Manuel Theisen zweifelte deren fachliche Eignung an. Fondsmanager monierten den schwindenden unabhängigen Geist im Kontrollgremium.
In diese Kerbe schlug am Donnerstag auch Hans-Georg Martius von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger. Der Aktionärsschützer kündigte an, gegen die Wahl Ursula Piëchs zu stimmen. Denn fortan besetzten die Großaktionäre Porsche, Niedersachsen und Qatar neun der zehn Aufsichtsratsplätze auf der Anteilseignerbank. Der Mangel an unabhängigen Vertretern sei ungewöhnlich und widerspreche dem Corporate-Governance-Kodex. Das auf der Titelseite des VW-Geschäftsberichts abgedruckte VW-Motto „Vielfalt erfahren“ gelte offenbar nicht für den Aufsichtsrat. „Frau Piëch sollte sich lieber um die Kindergärten des VW-Konzerns kümmern, da wäre sie besser aufgehoben“, sagte ein Aktionär. Ulrich Hocker von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz hieß die Wahl Ursula Piëchs hingegen gut: Als designierte Verwalterin des Vermögens (und der VW-Anteile) ihres Mannes sei sie für den Aufsichtsrat geeignet.
Streit um Winterkorns Salär
Kritisch äußerte sich Hocker zu den Bezügen von VW-Vorstandschef Martin Winterkorn, der für 2011 mit mehr als 17 Millionen Euro entlohnt wurde. Ein solches Gehalt gefährde den sozialen Frieden in Deutschland. Ein Kleinaktionär sagte, die Außenwirkung dieses Rekordgehalts sei verheerend für VW und ethisch nicht zu rechtfertigen. Er forderte den Aufsichtsrat auf, das Vergütungssystem zu ändern und die Gehälter zu deckeln. Piëch verteidigte das Salär. Die Vorstände großer amerikanische Autokonzerne verdienten das zwei- bis dreifache von Winterkorn, obwohl deren Unternehmen weniger Gewinn gemacht hätten als VW.
Nach dem Kauf des Motorradherstellers Ducati hat Piëch eine weitere italienische Ikone im Visier: Alfa Romeo. Auf die Frage, wann er denn dieses Unternehmen zu kaufen gedenke, sagte Piëch am Rande der Hauptversammlung achselzuckend: „Denen geht’s noch zu gut.“
Volkswagen will den Zugriff auf MAN weiter erhöhen. VW hatte im vergangenen Jahr 56 Prozent des Münchner Lastwagenherstellers übernommen. Seither hat VW über die Börse weiter zugekauft und hält aktuell 74 Prozent der stimmberechtigten Stammaktien. Doch das reicht den Wolfsburgern immer noch nicht: Um eine schlagkräftige Nutzfahrzeugallianz zwischen MAN, Scania und VW zu schaffen, halte man sich alle Optionen offen. „Das könnte zukünftig auch die Möglichkeit einschließen, den Abschluss eines Gewinn- und Beherrschungsvertrag bei der MAN SE anzustreben“, sagte der zuständige VW-Vorstand Jochem Heizmann auf der Hauptversammlung in Hamburg. Damit ist es wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis VW auf eine qualifizierte Mehrheit von 75 Prozent aufstockt. Am eigenständigen Markenauftritt von MAN und Scania soll sich aber nichts ändern.
ungelernte Staats - und Konzernlenker
Caspar Mendrzyk (Buergersicht)
- 22.04.2012, 08:15 Uhr
Ferdinand Piëch: „Sie macht das bestimmt besser als ich“
Philipp Maaß (difool46)
- 20.04.2012, 19:33 Uhr
Unglaublich. - In den USA nicht denkbar!
Gerhard Grell (EchtGrell)
- 20.04.2012, 08:21 Uhr
Das Verständnis der Freiheit des Geldverdienens in USA ist ein
anderes als in Deutschland.
günther reichert (g.reichert)
- 19.04.2012, 21:24 Uhr