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Kartellvorwürfe an Autobranche : Totalschaden

Erst der Dieselskandal, nun Kartellvorwürfe an VW, BMW und Daimler: Wer soll das noch flicken? Bild: ddp Images

VW, BMW, Daimler waren der Stolz der Deutschen. Davon ist nicht mehr viel übrig. Dieselbetrug, Abgasmanipulation und jetzt noch ein Kartellskandal: Ruiniert sich die Autoindustrie selbst?

          Verspielt die deutsche Autoindustrie endgültig das Vertrauen der Kunden? Wie viel kriminelle Energie steckt in der Branche, die lange als vorbildlich galt und noch immer maßgeblich ist für den Wohlstand im Land? Es sind unangenehme Fragen, denen sich die Autokonzerne zu stellen haben, zwei Jahre nachdem die Diesel-Betrügereien von Volkswagen ans Licht kamen.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Manipulierte Motoren, hingebogene Abgaswerte und jetzt offenbar ein handfester Kartellskandal: Die Autobranche lässt nichts aus, sich selbst zu schaden. Hat die scheinheilige Bande Wettbewerb nur vorgespielt?, lautet der jüngste Verdacht. Hat die Industrie gekungelt, so lange, bis sich die Paragraphen des Wettbewerbsrechts biegen? VW, Audi, Porsche, BMW und Daimler haben sich laut „Spiegel“ über Jahre in geheimen Arbeitskreisen abgesprochen. Sie verständigten sich über technische Feinheiten (etwa im Zusammenhang mit der Größe von sogenannten AdBlue-Tanks), Kosten für Einzelteile und die Auswahl von Lieferanten.

          Seit den 90er Jahren haben sich demnach 200 Ingenieure und Manager regelmäßig im Verborgenen abgestimmt – und so die Regeln des Wettbewerbs ausgehebelt, während die jeweiligen Vorstandsvorsitzenden draußen die Kraft des Wettbewerbs gepriesen haben. Nur die harte Konkurrenz zwischen Audi, BMW, Mercedes treibe die deutsche Autoindustrie zu Höchstleistungen und damit an die Weltspitze, so ging für gewöhnlich die Rede der Manager.

          Im Lichte der Akten, mit denen VW selbst „kartellrechtswidriges Verhalten“ zugibt, liest sich das anders. Von 60 Arbeitskreisen und 1000 Treffen zeugen die Papiere, mit denen ausgerechnet VW, der Konzern mit der schmutzigsten Weste, sich als Kronzeuge bewirbt, um möglichst straffrei aus dem Schlamassel zu kommen, während die anderen bluten sollen. Auch Daimler hat offenbar eine Art Selbstanzeige abgegeben.

          Schweigendes Dreigestirn

          Alle betroffenen Konzerne weigern sich, die Vorwürfe zu kommentieren, behaupten aber auch nicht, dass die Akten gefälscht sind. Man werde zu den Spekulationen nichts sagen, heißt es unisono aus den Konzernzentralen. Gerade so, als wäre auch noch diese Reaktion abgesprochen.

          Nun ist es üblich, dass sich Unternehmen in ihren Verbänden zusammensetzen, gemeinsame Interessen und Vorhaben besprechen. Dafür existiert schließlich so etwas wie der VDA, der Verband der Automobilindustrie. In Ausschüssen dort tauscht man sich aus, regelt Fragen zu Normen, Sicherheit, Produktqualität der Automodelle. Dies ist weder anstößig, noch schadet es dem Kunden.

          Bild: F.A.Z.

          Rechtlich stellt sich die Lage wie folgt dar: Jede Absprache unter Produzenten ist im Grundsatz verboten, erläutert Wettbewerbsökonom Justus Haucap. „Es sei denn, sie dient dem technischen Fortschritt und auch den Verbrauchern. Absprachen, den Fortschritt aufzuhalten, sind illegal.“ Wenn also verschiedene Hersteller eine bestimmte ökonomisch günstige, aber technisch minderwertige Lösung für alle festlegen, bremsen sie damit den Ehrgeiz der jeweiligen Ingenieure aus – und verstoßen gegen geltendes Recht, da der Wettbewerb als Entdeckungsverfahren ausgeschaltet wird.

          Noch steht die Kartelluntersuchung am Anfang, ist nicht bewiesen, ob und wie genau die Autohersteller ihre Kunden getäuscht oder betrogen haben, geschweige denn ist jemand verurteilt. Für das Vertrauen in die Industrie kommt allein der Verdacht einem Totalschaden nahe. Was braucht es da noch Öko-Ideologen und Anhänger der ökonomischen Unvernunft, die gegen Autokonzerne agitieren, wenn selbst die Erzkapitalisten an der Börse vom Glauben abfallen? Genau dies geschieht momentan.

          Enorme Abstrafungen durch den Aktienmarkt

          Der mit dem Dieselskandal einsetzende Imageschaden der Autoindustrie lässt sich an Milliardenverlusten an der Börse ablesen: Der Aufschwung des Dax fiel für die Autoindustrie aus. Am Freitag, als die Kartellvorwürfe publik wurden, knickten die Kurse prompt nach unten. Die Investoren reagierten schockiert auf die Berichte über 20 Jahre fortgesetzte Gesetzesverstöße: „Die Nachrichten über das Fehlverhalten nehmen kein Ende“, ärgert sich Autoanalyst Jürgen Pieper von Bankhaus Metzler. „Die Situation für die Autoindustrie ist gefährlich“, bekräftigt Ingo Speich von der Union Investment. Der Kapitalmarkt sehe immense Risiken. „Die Börse straft die Unternehmen deshalb mit einem massiven Abschlag“, erklärt der Fondsmanager, der sich an die Lage der Investmentbanken in der Finanzkrise erinnert fühlt. „Ähnliches droht auch der Autoindustrie“, sagt Speich. „Und das Schlimmste ist: Ein Ende der Misere scheint für die Autoindustrie nicht in Sicht.“

          Droht ein Einschnitt wie bei den Investmentbanken?

          Im Fall der Banken war hinterher nichts mehr, wie es war: Der Staat nahm sie mit schärferer Regulierung an die Kandare, ein Kulturwandel wurde verordnet. Selbst Dinge, die vorher üblich waren, galten plötzlich als suspekt, jeder Stein wurde umgedreht. Tausende Stellen wurden gestrichen, reihenweise mussten die Vorstandschefs gehen, an den folgenden Klagen und Milliardenstrafen knabbern einzelne Häuser bis heute. Der Schaden fürs Image war nachhaltig und enorm.

          So viel lässt sich heute schon sagen: Auch für die Autos wird die Regulierung zunehmen, die Umweltvorschriften werden schärfer, all das kostet Geld, mindert also die Rendite. Allein die zu erwartenden Kartellstrafen können happig ausfallen, wie die jüngsten Rekorde in Brüssel, etwa im Google-Verfahren, beweisen: Die finanzielle Strafe richtet sich nicht nach der Schwere des Vergehens, sondern nach den Umsätzen der Übeltäter. Die sind im Fall der Autohersteller immens, ein paar Milliarden Euro Strafe kommen da schnell zusammen.

          Den Titel des Exportweltmeisters im Alleingang errungen

          Schließlich waren VW, Daimler, BMW bis vor kurzem der Stolz der Republik. Deutsche Ingenieure, deutsche Autos, deutscher Wohlstand: Dieser Dreiklang gehörte zusammen. Noch jeder Bundeskanzler, egal ob von CDU oder SPD, sah sich automatisch als Beschützer der heimischen Autoindustrie. Schließlich hat die Branche den Titel als Exportweltmeister für das Land quasi im Alleingang errungen. Die Löhne in den Fabriken sind besonders hoch, der Stolz der Mitarbeiter ist entsprechend groß. Hunderttausende Familien finden Glück und Auskommen in der Autoindustrie. Die Fabriken nähren ganze Landstriche, Bäcker, Friseure, Gasthäuser rundherum nicht minder: Soll das alles nun zu Ende gehen?

          Noch glänzt das Blech der Limousinen, noch gehen die Gewinne der Konzerne in die Milliarden. Nur frisst sich der Zweifel immer tiefer, die Selbstgewissheit der Branche ist dahin. Es ist mehr zerbrochen als der Glaube an die Reinheit des Verbrennungsmotors. Der Anfang vom Ende des Diesels scheint eingeläutet, das legen die Reaktionen der Kunden nahe, nicht weltweit, wohl aber in Deutschland und Europa. Hier sinken die Restwerte gebrauchter Fahrzeuge, der Absatz von neuen Diesel-Pkw geht zurück. Ob aus Zorn über die Dieselschummler oder aus Angst vor Fahrverboten – die Leute kaufen weniger Diesel, der Anteil an den Neuzulassungen sinkt rapide: Von 46 Prozent im Jahr 2016 auf 39 Prozent im Juni 2017. In Regionen, wo Fahrverbote drohen, ist der Rückgang besonders scharf.

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          Das alles trifft die Branche in einem heiklen Moment: Der historische Umbruch steht ihr erst bevor, wenn der Elektromotor den Verbrenner ablöst, wenn in naher Zukunft die Autos allein fahren und der Besitz des eigenen Wagens womöglich obsolet wird, weil die Leute nur noch Mobilitätsabos buchen, von Uber oder wem auch immer. Neue Kompetenzen sind gefragt, die Wertschöpfung verlagert sich, Gewerkschafter fürchten um Hunderttausende traditioneller Arbeitsplätze. Niemand kann garantieren, dass in dem neuen Spiel die alten Helden weiterhin den Ton vorgeben.

          Als Angreifer warten die Tech-Giganten aus Kalifornien. Tesla, der forsche Pionier aus dem Silicon Valley, trumpft heute schon auf. Und in China, dem wichtigsten Markt nicht nur für die S-Klasse, züchtet der Staat eigene Hersteller heran. Wenn er sich daranmacht, das Elektrozeitalter auszurufen, dann am liebsten mit chinesischen Elektromobilen. Würden die Luxuskarossen „made in germany“ ausgesperrt, wäre der Schaden enorm. Als die Bundeskanzlerin neulich diese Aussichten auf einem EU-Gipfel darlegte, geriet ihr das Bild ziemlich düster. Jeder wisse, dass die Autoindustrie in ihrer heutigen Form nicht überleben werde, erklärte Angela Merkel ihren Kollegen. Vom Kartellskandal war damals noch nichts zu sehen.

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          Quelle: F.A.S.

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