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Veröffentlicht: 05.01.2016, 18:48 Uhr

Nach Abgas-Skandal Für VW schlägt die Stunde der Wahrheit

Die Klage des Justizministeriums in Amerika trifft Vorstandschef Matthias Müller kurz vor seiner Reise zur Autoschau in Detroit. In den Verhandlungen wird der Wolfsburger Konzern einen schweren Stand haben.

von , Hamburg und , Washington
© AP Härtetest in Amerika: VW fährt gegen die Wand

Für Volkswagen entscheidet sich in der kommenden Woche, wie groß die Belastungen aus dem Skandal um manipulierte Abgaswerte von Dieselautos in den Vereinigten Staaten sein werden. Zum ersten Mal seit Beginn des Skandals im September des vergangenen Jahres reisen der Vorstandsvorsitzende Matthias Müller und VW-Markenvorstand Herbert Diess nach Amerika, um mit den Umweltbehörden und verantwortlichen Politikern zu sprechen. Müller steht dabei unter erheblichem Druck. Am Montagabend hatte das amerikanische Justizministerium Volkswagen verklagt, auch um den Druck auf den Besucher aus Deutschland zu erhöhen. Eine Sprecherin der amerikanischen Umweltbehörde EPA kritisierte zudem, dass Volkswagen bis heute keinen akzeptablen Weg aufgezeigt habe, wie das Unternehmen die zu hohen Abgaswerte auf die zulässigen Zahlen senken und wie es die amerikanischen Kunden entschädigen will.

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Der VW-Experte beim Londoner Analystenhaus Evercore ISI, Arndt Ellinghorst, bezeichnete den Besuch Müllers in den Vereinigten Staaten als überfällig. Volkswagen sei seine Probleme in Amerika lange Zeit viel zu überheblich angegangen. „Müller sollte sich entschuldigen, die Probleme offen ansprechen und bestenfalls eine Lösung im Koffer haben“, sagte er dieser Zeitung. Er wies darauf hin, dass die Umweltbehörde Volkswagen schon Anfang 2014 auf die Manipulationen hingewiesen habe und immer wieder in der Wolfsburger Konzernzentrale abgeprallt sei. In der Klageschrift heißt es sogar: „Die Bemühungen der Vereinigten Staaten, die Wahrheit über die Emissionsüberschreitungen und andere Ungereimtheiten zu erfahren, wurden behindert und gehemmt durch das Vorenthalten von Material und irreführende Informationen, die VW zur Verfügung gestellt hat.“

Das Justizministerium verzichtete trotz der Klage zunächst auf Strafanzeige gegen einzelne Manager in der Betrugsaffäre. Das hatte in der Konzernzentrale in Wolfsburg erkennbar für Erleichterung gesorgt. Damit ist ein Hindernis für Müllers Reise in die Vereinigten Staaten aus dem Weg geräumt. Noch im September vergangenen Jahres hatte das Justizministerium angedroht, in Zukunft die verantwortlichen Führungskräfte für das Fehlverhalten ihres Unternehmens auch persönlich in Haftung zu nehmen. Spätere Maßnahmen gegen einzelne Manager schließt das Justizministerium deswegen auch weiterhin nicht aus.

Je mehr VW investiert, desto niedriger werden die Strafzahlungen

Die Klageschrift zeigt deutlich, welch schweren Stand das Unternehmen in den rechtlichen Auseinandersetzungen haben wird. Sie enthält nicht nur den Vorwurf, VW habe die Emissionsgrenzen für Stickoxid (im schlimmsten Test um das 40-Fache) überschritten. Neben dem Versuch, die Umweltbehörde auszutricksen und die Aufklärung zu behindern, wirft das Ministerium dem Konzern auch vor, dass nach dem Einräumen des Betruges bei Zwei-Liter-Autos im September 2015 versäumt wurde, auch die illegale Software in Drei-Liter-Autos des Konzerns zu beichten. Vielmehr habe Volkswagen in einer ersten Reaktion diese Enthüllung durch die Umweltbehörden als falsch zurückgewiesen. Neben VW sind auch die Tochtergesellschaften Audi und Porsche von diesen Manipulationen betroffen. Müller war Porsche-Chef, bevor er im September an die Spitze des Konzerns rückte.

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Von VW gab es am Dienstag keine Hinweise, mit welchen Angeboten Müller am Wochenende nach Amerika reisen wird. Dem Unternehmen ist aber bewusst, dass in Washington jetzt vor allem Angebote an die Kunden erwartet werden, die sich von VW betrogen fühlen. Anders als in Europa lassen sich die – deutlich schärferen – amerikanischen Umweltvorschriften nicht durch kleinere technische Eingriffe oder durch Aufspielen einer neuen Software einhalten. Analyst Ellinghorst rät Müller daher, den amerikanischen Kunden großzügige Angebote für einen Rückkauf der Dieselfahrzeuge zu machen. „Je mehr VW jetzt investiert, um seine Probleme in den Vereinigten Staaten zu lösen, desto niedriger werden am Ende die Strafzahlungen sein“, sagte er.

Addiert man die in der Klageschrift des amerikanischen Justizministeriums genannten Summen – die Rede ist von 37500 Dollar je Auto –, ergibt sich bei 600.000 betroffenen Fahrzeugen die stolze Strafsumme von knapp 90 Milliarden Dollar. Analysten erwarten allerdings nicht, dass dieser Fall am Ende eintreten wird. Dennoch stachen die Vorzugsaktien des Konzerns am Dienstag mit einem Minus von 4 Prozent im Umfeld der übrigen Dax-Werte klar hervor. „Keiner hat ein Interesse daran, VW in den Abgrund zu stürzen“, sagte Ellinghorst. Er erwartet, dass sich Volkswagen auf einen umfangreichen Vergleich einigen und die Konsumenten großzügig entschädigen wird. Volkswagen-Markenchef Herbert Diess wird schon an diesem Mittwoch auf der Verbraucherelektronikmesse CES in Las Vegas sprechen. Es sei bedeutsam, dass die Unternehmensführung jetzt den richtigen Ton treffe, sagte der Analyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler in Frankfurt. Die Vereinigten Staaten spielten im Abgasskandal eine Schlüsselrolle. „Dem Konzern drohen dort die höchsten Strafen, während in anderen Absatzregionen die Risiken entscheidend abgenommen haben“, sagte er.

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