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Veröffentlicht: 23.09.2015, 07:06 Uhr

Kommentar Volkswagen braucht bald jeden Cent

Niemand ist unersetzlich: Martin Winterkorn wird sich nicht halten können. Das sollte bei VW nicht nur ihm zu denken geben.

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© AFP VW-Chef Martin Winterkorn: Der fehlende Generationenwechsel wird dem Autobauer zum Verhängnis.

Volkswagen ist in freiem Fall. Das gilt nicht nur für den Aktienkurs. Wenn das Präsidium des Aufsichtsrats an diesem Mittwoch zu einer Sondersitzung zusammenkommt, treffen sich die Kontrolleure eines Konzerns, in dem alles, was bisher in Stein gemeißelt schien, in Frage gestellt worden ist – von einem Tag auf den anderen. Das Unternehmen mit dem größten Forschungs- und Entwicklungsetat auf der Welt hat es über Jahre hinweg nicht geschafft, einen Dieselmotor zu entwickeln, der in der Lage gewesen wäre, die bei den entsprechenden Tests erforderlichen Grenzwerte zu erreichen.

Carsten Knop Folgen:

Deutschlands höchstbezahlter Vorstandsvorsitzender war nicht dazu fähig, die Manipulationen zu erkennen und zu beenden. Dabei geht es immerhin um Veränderungen, die seine Techniker an der Steuerungssoftware des Motors vorgenommen haben, um Kunden und Zulassungsbehörden gleichermaßen zu betrügen. Martin Winterkorn hat nicht einmal bei Rückrufaktionen in Amerika aufgehorcht, die sich exakt um die Schwierigkeiten drehten, die nun das ganze Unternehmen in den Abgrund reißen. Das ist der Vorstandschef, dessen Öffentlichkeitsarbeiter allzu gerne das Märchen als Wahrheit im Raum stehen ließen, er kümmere sich bei jedem neuen Auto selbst um winzigste Details.

Die Politik, die Gewerkschaften und der Familienbetrieb

Der Aufsichtsrat hat auch deshalb an Winterkorn geglaubt. Und das schließt im Hause VW immer die Gewerkschaften und das Land Niedersachsen ein. Das Land ist vom Erfolg von Volkswagen abhängig. Dabei geht es nicht nur um die Dividenden, sondern auch um Abertausende Arbeitsplätze in verschiedensten Werken zwischen Emden und Wolfsburg. Die Gewerkschaft wiederum hängt aus historischen Gründen, die mit den Ursprüngen des Konzerns zu tun haben, enger an Volkswagen als an jedem anderen Unternehmen in Deutschland. Die Unternehmenskultur, die Corporate Governance, ist bei VW aber nicht nur deshalb etwas Besonderes: Abgesehen von den Befindlichkeiten von Gewerkschaften und Politik, ist Volkswagen obendrein ein Familienbetrieb. Diese Konstruktion ist der Transparenz nicht förderlich; im aktuellen Fall stellt sich sogar die Frage, ob die Börse rechtzeitig informiert worden ist.

© dpa, reuters Abgas-Skandal: VW-Chef Winterkorn will aufklären, aber nicht zurücktreten

„Wenn eine Firma gut läuft, managed man halt so dahin“, beschreibt der Vorstandsvorsitzende eines schwäbischen Unternehmens, das nicht zur Automobilbranche zählt, exakt die Gefahr, der Volkswagen in den vergangene Jahren offensichtlich erlegen ist. Die unbequemen Fragen werden nicht gestellt. Dinge, die eigentlich längst hätten angepackt werden müssen, werden auf die lange Bank geschoben. Mitarbeiter, die Fehler auch nur melden, werden dafür im Zweifel eher bestraft als belohnt – oder fürchten sich jedenfalls vor einem für sie negativen Ergebnis. Und wenn der Erfolg so groß ist, dass Menschen wie der ehemalige Vorstandsvorsitzende und spätere Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch sowie heute Martin Winterkorn ob ihrer tatsächlichen, zum Teil aber auch vermeintlichen Kompetenzen gottgleich in den Himmel gehoben werden, dann wird es richtig brenzlig.

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Beim Stahlhersteller Thyssen-Krupp konnte man in kleinerer Dimension beobachten, wozu Duckmäusertum, Kadavergehorsam und eine allzu hierarchische Unternehmenskultur führen: Dort regierten Stahlbarone, die unantastbar schienen – so lange, bis die Existenz des gesamten Unternehmens bedroht war. Nun soll niemand wegen seines Alters diskriminiert werden. Aber auch dort waren die betroffenen Herren erheblich in die Jahre gekommen, wollten jedoch so lange nicht in Rente gehen, bis sie vom Hof gejagt wurden. So wird es sehr bald auch mit Winterkorn sein. Wer nur redet den Betroffenen und ihren Aufsichtsräten ein, sie seien von einem bestimmten Zeitpunkt an unersetzlich? Das gilt übrigens im Fall VW nicht nur für Winterkorn, sondern auch für Piëch. Das Desaster, das von ausfallenden Boni bis hin zu bedrohten Arbeitsplätzen nun auch jeden einfachen Mitarbeiter von VW treffen wird, haben beide gemeinsam zu verantworten – genauso wie den steilen Aufstieg des Unternehmens in den Jahren zuvor.

Vom Ende her Führen

Vor Jahren schon hätte ein Generationswechsel eingeleitet werden müssen, der ausgetretene Berichtswege durch neue ersetzt hätte, der es Managern in mittleren Ebenen erlaubt hätte, Schwierigkeiten vielleicht doch etwas schneller „nach oben“ zu melden. Führen muss man vom Ende her, mit dem Blick darauf, auf welches Lebenswerk letztlich zurückgeschaut werden kann. Das ist wichtiger, als bis zum letzten Moment ein möglichst hohes Gehalt nach Hause zu tragen und um Macht und Einfluss zu pokern.

Wenn Martin Winterkorn so viel an Volkswagen liegt, wie er in den vergangenen Jahren den Eindruck erweckt hat, dann spendet er nun von seinem exorbitanten Gehalt eine ordentliche zweistellige Millionensumme für einen guten Zweck im Hause VW. Denn kassiert hat er das Geld für Gewinne, die sich rückwirkend soeben durch Unvermögen in Luft aufgelöst haben. Und in den kommenden Jahren wird angesichts von Belastungen rund um den Dieselskandal, deren endgültige Höhe noch gar nicht absehbar ist, in Wolfsburg plötzlich jeder Cent gebraucht werden.

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