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Grenzen des Marktes : Vorsicht, Gemeinwohl!

Im Kindergarten kann Geld fehl am Platz sein. Bild: dpa

Märkte sind kein Selbstzweck – und haben ihre Grenzen. Passt man nicht auf, können sie sogar Tugend und Moral zerstören. Doch: Weniger Kapitalismus ist auch keine Lösung. Ein Essay.

          Paul Christian, Chef der Feuerwehr von Boston, war es leid: „Kann es Zufall sein, dass meine Leute immer gerade am Montag und am Freitag krank werden?“, fragte sich der Mann und beschloss, andere Saiten aufzuziehen: Von nun an sollte, wer mehr als fünfzehn Tage im Jahr krank war, einen Abschlag vom Lohn in Kauf nehmen müssen.

          Rainer Hank

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Sache ging nach hinten los, endete anders, als der Feuerwehr-Kommandant sich das vorgestellt hatte. Die Zahl jener Feuerwehrleute, die sich am darauffolgenden Weihnachten und Neujahr krankmeldeten, hatte sich verzehnfacht. Anstatt zu einem Rückgang des Krankenstandes führte das neu eingeführte Strafgeld zu einer unerwarteten Vermehrung kranker Feuerwehrmänner. Daraufhin kürzte Paul Christian seinen Leuten auch noch das Urlaubs- und Weihnachtsgeld; doch auch dies ließ sie unbeeindruckt: Im Folgejahr addierten sich die Krankentage der Feuerwehrmänner auf 13.500 Tage; im Vorjahr waren es lediglich 6400 Tage.

          Kleine Geschichte der wundersam kranken Feuerwehrleute

          Die kleine Weihnachtsgeschichte der wundersam kranken Feuerwehrleute, nachzulesen im „Boston Globe“ vom 18. Januar 2002, muss all jenen zu denken geben, die an die Macht des ökonomischen Gesetzes glauben. Dessen erster Hauptsatz lautet: Anreize (Incentives) wirken, einerlei, ob sie positiv oder negativ gesetzt werden. Warum die neuen Regeln des Feuerwehrchefs zwar auch wirkten, aber ganz anders als intendiert, haben die Betroffenen freimütig offengelegt: Feuerwehrleute, das weiß man nicht erst seit dem 11. September 2001, sind überall auf der Welt stolze Männer, denen die Pflicht über alles geht. Genau in diesem ihrem Stolz und Pflichtbewusstsein fühlten sie sich verletzt – wohlgemerkt nicht durch den Verdacht gezielten Krankfeierns, sondern durch die Unterstellung, einzig die Furcht vor Lohnkürzung treibe sie zur Arbeit. Das brachten sie trotzig zum Ausdruck, indem sie finanzielle Einbußen in Kauf zu nehmen bereit waren, um ihren Stolz zu verteidigen.

          Der Markt hat seine Grenzen, so lautet die Botschaft der Weihnachtsgeschichte aus Boston. Preise – ein Abschlag vom Lohn als Strafe für Fehlzeiten – können das Arbeitsethos zerstören. Extrinsische (Negativ-)Anreize demolieren die positive intrinsische Motivation. Was gut gemeint und von vielfältiger psychologischer Erfahrung auch gedeckt ist, kann sein Gegenteil bewirken. Am Ende wurde alles noch schlimmer.

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          Über die „Grenzen des Marktes“ gibt es seit geraumer Zeit eine unter Ökonomen anschwellende Debatte. Es sind nicht die Antikapitalisten, es sind nicht die üblichen linken Verdächtigen, die sich zu Wort melden. Es sind Leute wie Paul de Grauwe, ein anerkannter Forscher der „London School of Economics“, der offen bekennt, dass er früher der Ansicht gewesen sei, der Markt biete für die meisten ökonomischen Probleme eine Lösung, eine Position, die er heute nicht mehr teile: „Ich glaube, heute bin ich weniger ideologisch und viel mehr pragmatisch“, sagt de Grauwe.

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