30.08.2010 · Kinder aus sozial schwachen Familien sollen auf Staatskosten gefördert werden - und zwar so früh wie möglich. Das fordert der Nobelpreisträger James Heckman. Eine Bildungschipkarte hält er allerdings für reine Verschwendung.
Von Lisa BeckerWie kann man die Bildung von Menschen aus sozial schwachen Familien verbessern? Mit dieser Frage beschäftigt sich der amerikanische Wirtschaftsnobelpreisträger James Heckman schon sein halbes Forscherleben. Auch Arbeitsministerin Ursula von der Leyen sagt, dass ihr dies ein großes Anliegen sei.
Deshalb schlägt sie vor, der Staat solle Kindern, deren Eltern von Arbeitslosengeld II (Hartz IV) leben, eine Bildungschipkarte finanzieren. Mit dieser Karte könnten sie dann Bildungsangebote - im engeren und weiteren Sinne - bezahlen: vom Schwimmbad über Musikkurse bis hin zur Nachhilfe. Leyen stellt die Karte als großen bildungspolitischen Wurf dar. Heckman hingegen bezeichnete die Idee, eine solche Karte einzuführen, im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als „foolish“, als töricht.
Eltern müssten ihre Kinder stärker unterstützen
Hinter der Karte stecke die falsche Annahme, dass Kinder und Jugendliche aus sozial schwachen Familien vor allem deshalb zu wenig gebildet seien, weil ihnen zu wenig Geld zur Verfügung stehe. Der wirkliche Grund für ihren Bildungsrückstand sei aber ein ganz anderer: ein Mangel an elterlicher Unterstützung. Daran ändere die Karte nichts. Es sei deshalb sehr wahrscheinlich, dass die über die Karte zur Verfügung gestellten Mittel verschwendet würden, sagt Heckman. Das heißt, es würden mit ihr vor allem Maßnahmen bezahlt, die für die Bildung von Hartz-IV-Kindern wenig bringen.
Heckmans Überlegungen zeigen, dass Volkswirte bildungspolitische Maßnahmen nach viel strengeren Kriterien beurteilen als Politiker. In der Politik reicht es häufig, dass eine Maßnahme für sich betrachtet positiv wirkt. So wird die Chipkarte alleine deshalb empfohlen, weil sie ihren Nutzern einen gewissen Nutzen brächte. Bevor ein Ökonom eine Maßnahme befürwortet, unterzieht er sie mehreren Prüfungen. Zunächst schaut er, ob der Nutzen, den sie bringt, höher ist als die Kosten. Im Hinterkopf behält er außerdem die „Opportunitätskosten“: das Geld, das die Maßnahme kostet, könnte ja auch für andere Zwecke ausgegeben werden, die womöglich einen höheren gesellschaftlichen Nutzen bringen.
Je früher die Förderung, umso besser für die Zukunft
Anhand solcher Kriterien hat Heckman, der seit 1973 als Professor an der Universität von Chicago lehrt, verschiedene bildungspolitische Maßnahmen auf Kosten und Nutzen geprüft. Dabei fragt er, wann es sich am meisten lohnt, in die Bildung von Menschen zu investieren. Immer wieder hat er dieselbe Antwort gefunden: Nichts lohnt sich mehr, als Kinder aus sozial schwachen, bildungsfernen Familien früh zu fördern - je früher, desto besser, möglichst schon im Kindergarten- und Krippenalter. Dann sind Menschen besonders aufnahmefähig.
Zudem führt jeder Bildungsfortschritt dazu, dass die nächste Bildungsmaßnahme auf fruchtbareren Boden fällt. Je früher man also investiert, desto steiler steigt die Bildungsrendite. „Fähigkeiten erzeugen Fähigkeiten“, sagt Heckmann. Dies gilt auch für Kinder aus der Mittel- und Oberschicht. Dennoch ist Heckman dagegen, dass der Staat auch diesen Kindern den Krippen- und Kindergartenbesuch finanziert. Das hält er für eine Verschwendung knapper öffentlicher Mittel, weil sie auch zu Hause gut gefördert werden.
Die Schere geht immer weiter auseinander
Weil sich die Gesellschaft, wie Heckman scharf kritisiert, viel zu selten der frühen Förderung armer Kinder annimmt, öffnet sich die Schere zwischen Kindern aus prekären Verhältnissen und solchen aus der Mittel- und Oberschicht immer stärker. Das Ergebnis ist bekannt: Wenn aus den Kindern junge Erwachsene geworden sind, drängen überwiegend die Sprösslinge aus bildungsnahen Elternhäusern, die sich das Studium leisten können, an die Universitäten. Sie finanziell zu unterstützen, hält Heckman für einen Irrweg. Dieses Geld sei besser in die frühe Bildung von armen Kindern investiert, wo jeder staatliche Dollar eine satte Rendite bringe.
Ein Projekt zur frühen Förderung, das Heckman gründlich evaluiert hat, ist das Perry-Vorschulprogramm, durchgeführt von der Bildungsorganisation High-Scope. Seit es Anfang der sechziger Jahre in Michigan lief, wurde immer wieder analysiert, wie sich die gut 120 afroamerikanischen Teilnehmer bis heute entwickelt haben. Die Ergebnisse: Sie verdienen mehr Geld, sind seltener krank, begehen weniger Straftaten und hängen seltener von staatlichen Sozialleistungen ab als eine Vergleichsgruppe. Rund 20 Prozentpunkte betragen die Unterschiede. Diese Vorteile haben auch die Kinder der Teilnehmer.
Ein Vorschulprogramm hilft
Dabei richtete sich das Perry-Vorschulprogramm nur an Drei- bis Vierjährige, nicht an die ganz Kleinen. Es ging nur über zwei Jahre und die Vorschule dauerte jeden Tag nur zweieinhalb Stunden. Die Kinder genossen jedoch eine hochwertige Bildung, die ihnen von gut ausgebildeten Pädagogen vermittelt wurde. Außerdem wurden die Eltern mit einbezogen - dem misst Heckman große Bedeutung bei. Einmal in der Woche besuchten Pädagogen 90 Minuten lang die Eltern, um mit ihnen über Bildung und Erziehung zu sprechen. Die Rendite des Geldes, das für das Programm aufgewendet wurde, wird auf rund 16 Prozent geschätzt - 4 Prozent für die Teilnehmer und 12 Prozent für die Gesellschaft.
Obwohl sich solche Programme so sehr lohnen, lehnt Heckman es ab, schon sehr kleine Kinder zur außerhäuslichen Bildung zu verpflichten. Man könne aber materielle Anreize zur Teilnahme setzen, indem man zum Beispiel eine kostenlose Kleinkindnahrung anbiete. Außerdem könnten, wie das Perry-Projekt zeige, schon Halbtagesprogramme sehr erfolgreich sein.
Nichtkognitive Fähigkeiten werden geschult
Die Frühförderprogramme stärkten vor allem die nichtkognitiven Fähigkeiten der Kinder: Fähigkeiten wie Motivation, Selbstbewusstsein und Ausdauer. Diese beeinflussten aber den beruflichen Erfolg ebenso wie die kognitiven Fähigkeiten, also analytisches Denken, Erinnerungsvermögen und Kreativität.
Investitionen in die frühkindliche Bildung verringern nach Heckmans Analysen die gesellschaftliche Ungleichheit. Versuche man in späteren Lebensphasen, den Bildungsstand von Menschen aus prekären Verhältnissen zu heben, sei zu befürchten, dass die Kosten höher sind als der Nutzen. Besonders wenig hält Heckman von öffentlich finanzierten Trainingsprogrammen für Ungelernte und Arbeitslose. Wenn sie überhaupt etwas bringen sollten, müsse man viel Steuergeld ausgeben. Doch auch dann erzielten sie kaum eine bis gar keine Rendite.
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