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Deutsch in Berlin : Barista wanted

„Barista wanted!! We are hiring – please send application.“

Jeder, der sich in der Berliner Innenstadt bewegt, weiß von solchen Geschichten zu berichten. Aus dem „Kanaan“ zum Beispiel, dem israelisch-palästinensischen Hotspot mit vegetarischer und veganer Küche in Prenzlauer Berg. (Schon auf Deutsch nicht einfach: Heißt es „im“ Prenzlauer Berg? Oder gar Prenzelberg?) Auf der Facebook-Seite des Lokals gibt’s neben viel Englisch immerhin eine kurze Zusammenfassung auf Deutsch. Das Personal gibt sich aber Mühe, die Speisekarte zu erläutern. „It’s Reibekuchen“, heißt es dann zum Beispiel. Das würde wohl sogar im Münsterland verstanden.

Beim Filterkaffee hört die Mühe um die deutsche Sprache dann aber ganz auf. Der Hype um das Retro-Gebräu hat offenkundig noch nicht so viele deutsche Muttersprachler erfasst, hierzulande ist es vielleicht einfach zu negativ belastet. („Draußen nur Kännchen.“) Das merkt man bei „The Barn“ an der Schönhauser Allee in Mitte, dem Epizentrum der neuen alten Kaffeekultur. Auf der Homepage kann man zwar einen Button für „Deutsch“ anklicken, die Texte bleiben trotzdem englisch. „We accept Sofortüberweisung“, erfährt man dort beispielsweise.

Bei der Personalauswahl spielen deutsche Sprachkenntnisse kaum noch eine Rolle. Vor fünf Jahren eröffnete an der südlichen Friedrichstraße mit viel Tamtam das „Westberlin“. Es wird zwar von einem Einheimischen betrieben, der aus der untergegangenen Stadt gleichen Namens stammt. Aber auf der Facebook-Seite sucht man deutsche Vokabeln vergeblich. Dafür finden sich einsprachige Stellenanzeigen: „Barista wanted!! We are hiring – please send application.“

Auch Missverständnisse kommen vor. Bisweilen verteilt das Personal englische Speisekarten, obwohl es auch deutsche gibt (was im Ganzen immer noch die Regel ist, sogar in Berlin). In Zweifelsfällen ist es oft schmeichelhafter, zu viel Weltläufigkeit zu unterstellen als zu wenig. Oft fällt es den Gästen erst mal nicht auf, bis sie über die „stuffed Swabian pasta“ stolpern und dann doch nach der Maultaschenkarte verlangen. Und die Kellnerin, die für den Kaffee „three Euro fifty“ verlangt, wechselt nach dem „vier, bitte“ umstandslos die Sprache, überflüssigerweise sogar mit leichten Anzeichen peinlicher Verlegenheit.

Denn eines hat die Recherche nicht bestätigt: dass auch deutsche Muttersprachler, wenn sie unter sich sind, vor lauter Hipness Englisch sprechen. Es bleibt unklar, in welchen Kreisen der FinTech-Staatssekretär das erlebt haben will. Die Leute, die sich im Berliner Alltag dem Deutschen verweigern, können es in aller Regel wirklich nicht. Weshalb es auch ein bisschen sinnlos ist, auf der Landessprache zu bestehen.

Sämtliche Beschriftungen einsprachig auf Deutsch

Eine Ungerechtigkeit bleibt: Die einheimischen Türken hielt man einst für Integrationsverweigerer, wenn sie im Deutschen nicht auch noch den Konjunktiv Plusquamperfekt beherrschten. Den jungen Neuberlinern sieht man es nach, wenn sie nicht mal wissen, wie man „Guten Tag“ ausspricht. Man findet es sogar cool. Und lernt etwas dabei: Wenn wieder mal die U-Bahn ausfällt, klingt „replacement bus service“ viel freundlicher als der schnöde „Ersatzverkehr“.

Nirgends mischen sich die Welten so sehr wie bei „Mustafas Gemüse-Kebap“ am Mehringdamm in Kreuzberg. An der Imbissbude kreuzen sich seit Jahren die Wege der Weltenbummler, der Hype nährt sich selbst. An lauen Sommerabenden reicht die Warteschlange hundert Meter weit bis zur nächsten Straßenkreuzung, eine Stunde und länger stehen die Leute an. Man hört Italienisch, Französisch und gelegentlich ein bisschen Schwäbisch. Die umliegenden Spätkauf-Läden leben gut davon, die Wartenden mit Augustiner-Bier zu versorgen.

Das Personal hat sich darauf eingestellt, Bestellungen auf Englisch sind kein Problem, allein mit Deutsch kommt in Berlin auch kein Türke mehr zurecht. „Chicken Döner“ ist sowieso international verständlich – und trotz Veggie-Hype der Verkaufsschlager. In einem aber bleiben die Betreiber kompromisslos: Sämtliche Beschriftungen an ihrem Stand sind einsprachig auf Deutsch gehalten, englische Hinweise sucht man vergebens. Hier hätte Spahn seine Freude.

Und nicht alle polyglotten Neuberliner reisen ohne deutsche Sprachkenntnisse wieder ab. Neulich schrieb eine Redakteurin des britischen BBC-Fernsehens an die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, weil sie Auskünfte über den deutschen Wahlkampf wünschte. Die Kollegin hatte länger in Berlin gelebt, auf Englisch für den „Exberliner“ geschrieben, eigentlich das Hausblatt der Deutschverweigerer. Für den Sender wünschte sie zwar ein Interview auf Englisch. Aber die E-Mail schickte sie in fast fehlerfreiem Deutsch.

Quelle: F.A.S.

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