http://www.faz.net/-gqe-78qey
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 28.04.2013, 12:03 Uhr

Schwerpunkt „Arbeit für Alle“ Vollbeschäftigung? Unglaublich, aber wahr

Die Vollbeschäftigung kommt, auch wenn auf den ersten Blick vieles dagegen spricht. Wir widerlegen die zehn wichtigsten Einwände gegen die optimistische Prognose.

von
© Illustration: F.A.S.

1. Seit vierzig Jahren herrscht Arbeitslosigkeit. Wieso soll es jetzt plötzlich besser werden?

Die nächsten Jahre werden Deutschland verändern. Denn dann geht die Generation der „Babyboomer“ in Rente: die Menschen aus den geburtenstarken Jahrgängen nach dem Zweiten Weltkrieg. Dann werden viele Arbeitsplätze frei. Gleichzeitig rücken nur wenige junge Leute nach. Nach der Wiedervereinigung kamen in Ostdeutschland weniger Kinder auf die Welt, heute sind sie um die 20 Jahre alt. Sie finden ohne Probleme eine Lehrstelle. Die Jahrgänge nach ihnen werden sogar noch schwächer. Es gibt in vielen Regionen nicht mehr genügend junge Leute für die Arbeitsplätze. Das muss nicht bedeuten, dass die Arbeitslosigkeit auf null fällt. Denn es werden immer Menschen eine neue Stelle suchen. Schon bei einer Arbeitslosenquote von rund fünf Prozent fühlt sich eine Gesellschaft vollbeschäftigt, darum nehmen Ökonomen wie IWF-Chefvolkswirt Olivier Blanchard das als Grenze.

2. Warum soll es Deutschland besser gehen als anderen?

Patrick Bernau Folgen:

Schon wahr: In vielen anderen europäischen Ländern herrscht Massenarbeitslosigkeit vor allem unter Jugendlichen. In Frankreich sind so viele Menschen arbeitslos wie noch nie, in Spanien sind es jetzt sogar mehr als sechs Millionen. Deutschlands Wirtschaft aber ist dank Umorganisationen, Lohnzurückhaltung und Hartz-Reformen immer wettbewerbsfähiger geworden, so dass viele neue Arbeitsplätze entstanden sind. Wenn die Krise nicht noch einmal heftig eskaliert, verschwinden diese Arbeitsplätze nicht so einfach. Ein Risiko für die Arbeitsplätze sind allerdings höhere Löhne. Aber die höheren Löhne setzen Arbeitnehmer nur dann durch, wenn sie sowieso schon in der besseren Verhandlungsposition, sprich vollbeschäftigt sind.

3. Die Arbeitslosenzahlen sind doch sowieso geschönt.

Stimmt. Ein-Euro-Jobs, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, Qualifizierungen - das alles gilt statistisch nicht als Arbeitslosigkeit. Doch immer weniger Menschen stecken in diesem sogenannten zweiten Arbeitsmarkt fest. Inzwischen sind es noch rund eine Million Menschen in Deutschland, die keine richtige Arbeit haben, ohne als arbeitslos zu gelten. Addiert mit der Zahl der Arbeitslosen, kommt die Bundesagentur für Arbeit zum Resultat: Vier Millionen Menschen fehlt ein richtiger Arbeitsplatz. Aber es werden immer weniger. Gleichzeitig haben heute in Deutschland so viele Menschen Arbeit wie noch nie zuvor, und es werden immer mehr.

So geht es zur Vollbeschäftigung So geht es zur Vollbeschäftigung - Zahlen und Fakten interaktiv © F.A.Z. Interaktiv 

4. Viele Stellen sind so schlecht, dass sie gar keiner haben will.

Bemerkenswert ist, dass Deutschland seit einigen Jahren nicht mehr über Arbeitslosigkeit diskutiert. Sondern fast nur noch darüber, ob die Stellen angenehm sind und genug Geld bringen. Klar ist: Niedrige Löhne, befristete Stellen und Leiharbeit sind nicht angenehm. Allerdings gibt es solche Phänomene kaum in Berufen, in denen Arbeitnehmer knapp und begehrt sind. Und diese Berufe werden immer mehr. Dann diktieren die Bewerber die Bedingungen. Sie können hohe Gehälter heraushandeln, Sabbaticals und längere Urlaube. Die schlechten Jobs, die es noch gibt, bekommen Arbeitgeber nicht mehr ohne weiteres gefüllt. Im Januar machte eine Fernsehdokumentation Furore, die von schlechten Zuständen in einem Auslieferungslager von Amazon berichtete. Diese Stellen waren zwar gar nicht schlecht bezahlt, nämlich mit neun Euro je Stunde und damit über der Niedriglohngrenze und allen Mindestlohnforderungen. Trotzdem hatte Amazon für diese Stellen kaum Mitarbeiter in der Nähe seines Lagers gefunden. Stattdessen musste die Firma Studenten und andere Leute aus ganz Europa nach Hessen holen und dort beherbergen.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Soziale Ungleichheit In der Abstiegsgesellschaft

Aus der Gesellschaft des sozialen Aufstiegs ist eine Gesellschaft des Abstiegs, der Prekarität und Polarisierung geworden. Wie konnte das passieren? Mehr Von Oliver Nachtwey

15.06.2016, 21:22 Uhr | Wirtschaft
Tschechische Oligarchen Investition in Braunkohle als Chance für Ostdeutschland?

Obwohl Braunkohle als Energieträger in Deutschland als Auslaufmodell gilt, wollen tschechische Oligarchen in den Lausitzer Braunkohletagebau in Ostdeutschland investieren. Der neue tschechische Eigentümer, die Firma EPH, soll sogar den Erhalt aller Arbeitsplätze bis 2020 garantieren. Lokalpolitiker sind entzückt, Umweltschützer über den Deal entsetzt. Mehr

01.06.2016, 02:00 Uhr | Wirtschaft
Vor der Abstimmung über die EU Britische Arbeitslosigkeit fällt auf 5 Prozent

Die britische Wirtschaft hat sich ordentlich erholt von der Finanzkrise. Das zeigt auch der robuste Arbeitsmarkt. Umso mehr erstaunt der Zulauf zu Populisten gerade auf der Insel. Mehr

15.06.2016, 11:43 Uhr | Wirtschaft
Grottenolm in Postojna Seltene Eier locken Touristen in Höhle

Mehr als 500.000 Menschen besuchen jedes Jahr die Tropfsteinhöhlen im slowenischen Postojna. Doch im Moment lockt das Städtchen besonders viele Menschen an – schließlich können dort die Eier des seltenen Grottenolms bewundert werden. Der Schwanzlurch kann über hundert Jahre alt werden, über seine Fortpflanzung ist so gut wie nichts bekannt. Mehr

02.06.2016, 14:56 Uhr | Wissen
Bedingungsloses Grundeinkommen Die Angst vor der Vierzig-Stunden-Pause

Wagniskapitalgeber aus dem Silicon Valley plädieren überraschend deutlich für das bedingungslose Grundeinkommen. Das ist mehr Kalkül als Zufall. Mehr Von Adrian Lobe

18.06.2016, 10:17 Uhr | Feuilleton

Ein Urteil über die EU

Von Holger Steltzner

Manche werden den Briten mit ihren Sonderwünschen keine Träne nachweinen. Aber klar ist: Die EU kann nicht weitermachen wie immer. Sie hat berechtigte Reformwünsche zu lange ignoriert. Der Brexit ist die Quittung. Mehr 182 575


Märkte nach dem „Brexit“
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  FTSE 100 --  --
  Dow Jones --  --
  Gold --  --

„World Wealth Report“ So viele Millionäre leben in Deutschland

Weltweit hat das Vermögen der Millionäre im vorigen Jahr um vier Prozent auf 58,7 Billionen Dollar zugelegt. Deutschland ist dabei unter den vier Ländern mit den meisten Millionären – und hatte überdurchschnittliche Zuwächse. Mehr Von Christian Siedenbiedel 80 50

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --