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Schwerpunkt „Arbeit für alle“ Hunderttausende schwere Fälle von Langzeitarbeitslosigkeit

Auch in der Vollbeschäftigung werden geringqualifizierte und kranke Menschen nicht automatisch vom Arbeitsmarkt aufgesaugt. Mit staatlicher Hilfe und entgegenkommenden Arbeitgebern können sie die Arbeitslosigkeit überwinden.

© dapd Vergrößern Viele Langzeitarbeitslose müssen gleich mehrere Hemmnisse überwinden

Die Gespräche mit vielen tausend Arbeitslosen haben Burkhard Walter gestählt. Seit 15 Jahren versucht der Leiter des Arbeitgeberservice im Jobcenter der Stadt Kassel, Menschen in Arbeit zu bringen. Walter pfeift auf politische Korrektheiten und sagt, was er denkt. Eine seiner Wahrheiten lautet: „Wir haben ganz viele Menschen, die wir nie in Arbeit bringen werden.“ In einer Zeit, in welcher der deutsche Arbeitsmarkt auf die Vollbeschäftigung zusteuert, ist das ein bemerkenswerter Satz.

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Zum Leidwesen Walters gibt es in Kassel - anders als in vielen Regionen Bayerns oder Baden-Württembergs - noch keine Vollbeschäftigung, sehr wohl aber einen großen Mangel an qualifizierten Arbeitskräften. „Wir brauchen Altenpfleger und Erzieher“, zählt Walter auf. Auch Schlosser, Elektriker und Metaller würden händeringend gesucht. „Wir haben in der ganzen Grundsicherung aber keine Facharbeiter mehr.“ Die seien alle schon vermittelt. Inzwischen, sagt Walter, akzeptierten viele Unternehmen deshalb auch Angelernte und qualifizierten sie im Betrieb nach. „Die Firmen kommen zu mir und sagen: ,Gib mir einen, der wenigstens schon mal ein Kabel und eine Zange in der Hand hatte.“ Trotzdem habe er noch immer viele Menschen zu vermitteln, die er „nie irgendwo unterbringen werde“. Viele Jugendliche ohne Schulabschluss etwa, alleinerziehende Mütter mit Kleinkindern oder ältere Langzeitarbeitslose.

Infografik / Arbeitsmarkt / Wer schwer vermittelbar ist © F.A.Z. Vergrößern 70 Prozent der Grundsicherungsempfänger haben mehr als ein Hemmnis für eine Arbeitsaufnahme

Weite Definition von Erwerbsfähigkeit

Wissenschaftler sprechen in diesem Zusammenhang von „Hemmnissen“, die einen Menschen hindern, auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Mark Trappmann vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) benennt neun Hemmnisse: keinen Schulabschluss, keinen Ausbildungsabschluss, schwere gesundheitliche Einschränkungen, mangelnde Sprachkenntnisse, Langzeitarbeitslosigkeit, hohes Alter, Zuwanderung, Frauen mit kleinen Kindern und Menschen, die einen Angehörigen mehr als zehn Stunden in der Woche pflegen müssen. Ein „durchschnittlicher Hartz-IV-Empfänger“ finde, statistisch gesehen, mit einer Wahrscheinlichkeit von 17 Prozent nach 8 Monaten einen Arbeitsplatz, der ihn aus der Grundsicherung holt, sagt Trappmann. Hat der Empfänger keinen Ausbildungsabschluss, betrage die Wahrscheinlichkeit noch 11 Prozent. Gehe es um eine Frau mit Kleinkind, sinke die Chance auf weniger als 3 Prozent. Meist komme zu einem Problem mindestens ein weiteres hinzu. Nur jeder zwölfte Hartz-IV-Empfänger habe kein Arbeitsmarkthemmnis, sagt Trappmann. Ziemlich genau die Hälfte der Betroffenen habe zwei oder drei gleichzeitig. Für die Vermittler sei das „eine große Aufgabe“.

Die Erkenntnisse von Trappmann decken sich mit denen seines Kollegen Martin Dietz, der die Forschung am IAB koordiniert. „Nach eigenen Angaben sortieren zwei Drittel der Betriebe die Bewerbungen von Langzeitarbeitslosen sofort aus“, sagt Dietz. Er weist aber darauf hin, dass Deutschland im internationalen Vergleich eine sehr weite Definition von Erwerbsfähigkeit nutze. Seit den Hartz-Reformen gilt hierzulande als vermittelbar, wer „unter den üblichen Bedingungen des allgemeinen Arbeitsmarktes mindestens drei Stunden täglich erwerbsfähig“ sein könnte. „Die Bundesregierung hat dadurch viele Menschen zu Erwerbsfähigen erklärt, die in der Realität schwer zu vermitteln sind“, sagt Dietz.

Ein „Sockel an Nicht-Vermittelbaren“

Wie groß genau die Gruppe der Abgehängten ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. Viele Praktiker und Wissenschaftler sind sich aber einig, dass es sich um mehrere hunderttausend handelt. Werner Eichhorst vom Institut zur Zukunft der Arbeit schätzt deren Zahl auf 300.000 bis 500.000 Personen. Für eine weitere Million Arbeitslose werde es zwar schwierig, aber nicht unmöglich, eine Stelle am ersten Arbeitsmarkt zu erhalten. Sie müssten zunächst viel staatliche Hilfe erfahren, später müsste ihnen die Arbeitswelt außerdem entgegenkommen und etwa Teilzeitarbeitsplätze einrichten. „Das werden dann zwar immer noch keine Hochleistungsträger, sie könnten ihre Existenz aber alleine sichern“, glaubt Eichhorst. Insgesamt führe der demographische Wandel zwar dazu, dass sich der Kreis der Arbeitslosengeld-Empfänger stark von alleine reduziere. Vielen Hartz-IV-Empfängern hingegen müsse „noch gehörig geholfen werden“, der Aufsaugprozess werde sie „nicht von allein mitnehmen“.

Ein Sprecher der Bundesagentur für Arbeit weist darauf hin, dass die Behörde dieses Jahr 3,6 Milliarden Euro ausgeben dürfe, um Menschen zu qualifizieren und wieder in Arbeit zu bringen. Einen „gewissen Sockel an Nicht-Vermittelbaren“ werde es trotzdem immer geben. Laut Arbeitsagentur bezieht eine Million Menschen Hartz IV seit dessen Einführung 2005. Etwa 400.000 Fälle stufte die Arbeitsagentur als besonders schwer vermittelbar ein.

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Hinter vorgehaltener Hand erzählt ein Arbeitsvermittler indes, dass man diese Zahlen nicht als gottgegeben hinnehmen müsse. Vor ein paar Jahren habe er eine Gruppe von 90 Arbeitslosen, die als kaum vermittelbar galten, gemeinsam mit Psychologen „heftig beackert“. Nach einem halben Jahr mit etlichen Hilfsangeboten und intensiven Kontrollen hätten neun von ihnen eine Arbeit aufgenommen. Die 81 anderen hätten sich ohne Begründung vom Leistungsbezug abgemeldet.

Quelle: F.A.Z.

 
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