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Veröffentlicht: 16.05.2013, 13:05 Uhr

Schwerpunkt „Arbeit für alle“ Die Generation Y fordert die Personalchefs heraus

Für viele junge Leute stehen Freizeit und Selbstverwirklichung an erster Stelle. In den Führungsetagen wird deshalb an neuen Karrierewegen gebastelt.

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© dpa Freizeit und Selbstverwirklichung haben für viele Bewerber einen hohen Stellenwert

In der Prinzessinnenstraße 19 in Berlin-Kreuzberg gibt es keine Stechuhren, keine Hierarchien und auch keine Dienstwagen. Stattdessen gibt es im „Betahaus“ jede Menge Schreibtische in loftartigen Großraumbüros, die sich tage-, wochen- oder monatsweise mieten lassen. „Coworking“ nennt sich dieses Konzept, das es längst auch in anderen Städten und unter anderen Namen gibt: flexible Büros für die flexible Arbeitswelt. 12 Euro kostet es, sich im Betahaus für einen Tag einen Schreibtisch samt Internetzugang zu mieten. Wer sich dauerhaft niederlassen will, zahlt 230 Euro im Monat. Die Latte-Macchiato-Flatrate für unbegrenzten Kaffeenachschub gibt es für 25 Euro dazu.

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Gebäude wie das Betahaus mit seinen aktuell 200 „Coworkern“, darunter viele Designer, Programmierer, Übersetzer und Journalisten, sind zum Sinnbild der modernen Arbeitswelt geworden. Sie werden bevölkert von jungen, oft hochqualifizierten Menschen, die sich bewusst gegen eine Konzernkarriere entschieden haben. Ihr Arbeitsalltag gleicht einer persönlichen Mischkalkulation aus Projekten, die vor allem dazu dienen, das Bankkonto aufzufüllen, und anderen, die weniger gut bezahlt sind, dafür aber umso mehr Spaß bereiten.

Zwar drängt es längst nicht jeden Hochschulabsolventen dazu, nach seinem Studium Teil der Freiberufler-Boheme zu werden. Doch auch diejenigen, die eine feste Anstellung bevorzugen, stellen an ihr Arbeitsleben andere Ansprüche als frühere Generationen. Für viele Berufseinsteiger ist es nicht mehr das Ziel, möglichst schnell die Karriereleiter zu erklimmen. Für die „Generation Y“, wie Soziologen und Arbeitsmarktforscher die zwischen 1980 und 2000 Geborenen nennen, steht an erster Stelle eine ausgeglichene Work-Life-Balance, gefolgt von dem Wunsch einer inhaltlich getriebenen Selbstverwirklichung, resümiert die Personalberatung Odgers Berndtson nach einer Befragung von 1000 Führungskräften. Diese Prioritäten unterscheiden die „Millennials“, wie die Generation Y auch genannt wird, von der vor ihnen geborenen Generation X und erst recht von ihren Eltern, den Babyboomern.

Noch ist der Wandel eher gefühlt

„Meine Generation ist lange nach dem Karotten-Prinzip vorgegangen: klein anfangen, fleißig arbeiten und dann die Belohnung bekommen“, sagt Marius Möller, Personalvorstand der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PWC. „Das ist für die Millennials nicht attraktiv.“ Abgesichert durch finanzkräftige Eltern und die Gewissheit, in Zeiten des demographischen Wandels Verhandlungsmacht zu besitzen, stellen sie frühzeitig Forderungen. Immer wieder berichten Personalverantwortliche in letzter Zeit von Bewerbern, die schon im Vorstellungsgespräch danach fragen, wann sie ihr erstes Sabbatical nehmen können; wie das ist mit der Elternzeit und der Kinderbetreuung. Und ob sich die Dienstreisen nicht auch durch Videokonferenzen ersetzen ließen, schließlich ist dienstagsabends Hockeytraining. Schon lockt die Unternehmensberatung McKinsey den Nachwuchs mit der Aussicht, jedes Jahr auf Wunsch drei Monate unbezahlten Urlaub nehmen zu können.

Noch ist der Wandel der Arbeitswelt durch die Generation Y vor allem ein gefühlter. In Zahlen spiegelt sich die Veränderung nur begrenzt wider. Zwar hat sich die Zahl der Selbständigen nach einer Analyse des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) seit dem Jahr 2005 von 4,4 auf 4,5 Millionen Menschen erhöht. Doppelt so stark ist aber die Zahl der vollzeitbeschäftigten Arbeitnehmer gestiegen, von damals 23,3 auf zuletzt 24,3 Millionen Menschen. Von einem Trend hin zu mehr Selbständigen und weniger Angestellten kann nach Einschätzung der Arbeitsmarktforscher daher keine Rede sein. Im Detail zeigt sich allerdings doch eine Veränderung, und zwar in der Zahl der Solo-Selbständigen. Mittlerweile sind die Hälfte aller Selbständigen Ein-Mann- oder Eine-Frau-Unternehmen. Diese Entwicklung könne man zumindest teilweise der Generation Y zurechnen, heißt es beim IAB.

Kürzere Arbeitsverhältnisse

Eine Veränderung gibt es auch, was die durchschnittliche Beschäftigungsdauer angeht. Dauerten die Beschäftigungsverhältnisse von Unter-Dreißigjährigen früher im Schnitt 800 Tage, schrumpfte dieser Wert bereits für den Jahrgang 1977 auf 600 Tage und dürfte für die danach Geborenen noch niedriger liegen. Nicht in jedem Fall ist das gleichwohl ein Ausdruck der persönlichen Selbstverwirklichung: Dass die Arbeitsverhältnisse tendenziell kürzer ausfallen, hat auch damit zu tun, dass die Arbeitgeber mittlerweile viele feste Verträge von vornherein befristen.

Schon zweifeln erste Forscher, ob es die Generation Y mit all den ihr zugeschriebenen Charakteristika tatsächlich gibt. Werner Eichhorst vom Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) zum Beispiel. „Die Werte-Einstellungen der verschiedenen Kohorten sind gar nicht so unterschiedlich“, sagt er. Die Jungen seien freizeitorientierter als die Älteren - das ist seiner Meinung nach aber auch der einzige wissenschaftlich haltbare Unterschied. Dass sie weniger Wert auf ihre Karriere legen, hält Eichhorst dagegen für eine Mär. Die „Inflation guter Lebensläufe“ voller Praktika und Auslandsstationen deute eher auf einen gestiegenen Ehrgeiz hin. Und dass so manches Unternehmen beginnt, seine hierarchisch geprägten Strukturen zu entkrusten, treffe sich zwar gut mit den Interessen der Generation Y. Das sei aber keine Reaktion auf deren Forderung nach mehr Freiheit, sondern diene vor allem dazu, die Produktivität zu erhöhen.

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