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Babyboomer : Wir sind viele

Alterspyramide 1965, 2000 und 2035. Bild: F.A.Z.

Sie wuchsen im Paradies der Vollbeschäftigung auf - aber daraus wurden sie vertrieben, als sie erwachsen wurden. Jetzt stehen sie wieder vor dem Grundproblem ihrer Generation: der Vielzahl.

          Eigentlich waren sie grundanständige, tiefmoralische Menschen. Im Geiste christlicher Werte und des entschlossenen Wiederaufbaus nach dem Krieg erzogen, zeigten sie sich hoffnungsfroh und zukunftsgläubig - nicht nur als metaphysische Träumer, sondern als Generation, der es von Kindesbeinen an materiell unvergleichlich viel besser ging als den Eltern und Großeltern.

          Rainer Hank

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Sie, die „Babyboomer“, die ihr Chronist, der Publizist Reinhard Mohr, auf diese Weise als Wohlstandsgeneration charakterisiert, sind bis heute die dominante Kohorte der deutschen Nachkriegszeit. Nicht, dass sie besonders Bedeutendes geleistet hätten: Es ist ihre schiere Zahl, die sie auszeichnet. „Wir waren ja immer die vielen“, sagt der Volkswirt Reiner Braun, Erforscher und selbst Angehöriger der Kohorte: Auf dem Spielplatz, in der Klasse, im Hörsaal, auf dem Arbeitsmarkt - und demnächst auch in der Rente. Die anderen sind immer in der Minderheit. Bei den vielen zu sein stärkt das Selbstbewusstsein aber auch die Ellenbogen. Denn die Plätze, um die die Babyboomer sich rangeln, waren stets knapp.

          Zwischen 1955 und 1965 waren die Deutschen besonders fruchtbar

          Auf die Welt gekommen sind die „geburtenstarken Jahrgänge“ in den goldenen Jahren Konrad Adenauers, von dem der Spruch stammt: „Kinder kriegen die Leute immer.“ Besonders fruchtbar waren die Deutschen in der Dekade zwischen 1955 und 1965: Den schlechten Jahren der Nachkriegszeit folgte das Wirtschaftswunder und damit einher die Zuversicht, dass es von nun an nur noch aufwärtsgeht. „Geh’n Sie mit der Konjunktur“ spielte das Hazy Osterwald-Sextett 1961. Und weil die Konjunktur gut ging, gab es auch viele Kinder.

          Der „Peak“ wurde im Jahr 1964 erreicht, als die Geburtenzahlen mit 1,3 Millionen Lebendgeborenen, wie die Statistiker sagen, ihren absoluten Höhepunkt erreichten. Schon im Jahr darauf lässt die Antibabypille die Aufwärtslinie einknicken; sexuelle Lust und Fertilität sind von nun an entkoppelt: Familie wird planbar und die Deutschen planen, fürderhin immer weniger Kinder zu kriegen.

          Ölkrise und ihre schiere Zahl rissen sie aus dem Paradies der Vollbeschäftigung

          Als die Generation der vielen Mitte der siebziger Jahre ihr Abitur macht - es war auch die Zeit des großen Bildungsaufstiegs -, hatten Eltern und Lehrer ihr in Gelassenheit vermittelt: Einen Beruf kriegt ihr immer. Das ließ die Studienwahl zur Neigungsentscheidung werden. Nur die geistig Minderbemittelten oder habituell Ängstlichen wählten Jura oder BWL, um sich auf jeden Fall einen auskömmlichen Platz in der Arbeitswelt zu sichern. Die anderen machten es wie der junge Michael Diekmann (Jahrgang 1954) und studierten erst einmal Philosophie. Getreu dem Motto: „Allianz-Chef kannst du hinterher immer noch werden.“

          Dass dann doch nicht alle von ihnen Allianz-, Daimler- (Jürgen Zetsche, Jahrgang 1953) oder Telekom-Chef (René Obermann, Jahrgang 1963) geworden sind, liegt nicht nur abermals an ihrer großen Zahl (es gibt schlicht nicht für jeden Babyboomer einen Dax-Konzern), sondern an ein paar unvorhergesehenen Ereignissen, zu denen vor allem der sogenannte Ölpreisschock zählt. Ende 1973 stieg der Preis von rund drei auf fünf Dollar je Fass Öl, weil die Opec das so wollte. Die Deutschen verhängten sich ein Sonntagsfahrverbot auf den Autobahnen, und die ganze Welt schlitterte in eine Stagflation: wirtschaftlicher Stillstand bei gleichzeitiger Inflation, eine ziemlich ungemütliche Gemengelage.

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