17.02.2009 · Eigentlich bin ich das Musterbeispiel der Integration. Ich habe mein Jurastudium erfolgreich abgeschlossen, bin Rechtsanwältin und habe in Sinsheim meine eigene Kanzlei. Türkischstämmige Eltern nennen mich ihren Kindern als Vorbild. Trotzdem: Wir Türken sind immer wieder Vorurteilen ausgesetzt.
Von Günay TalayAls ich mit meiner Familie die Türkei verließ und nach Deutschland auswanderte war ich erst zwei Jahre alt. Mein Vater sah in seinem Beruf als Maschinenschlosser in Deutschland, einem Industrieland, eine bessere Zukunft. Ich bin in einer kleinen Stadt im Rhein-Neckar-Kreis aufgewachsen und habe auch hier die Schule besucht. Für meine Familie war es immer sehr wichtig, dass wir Kinder studieren und auf eigenen Beinen stehen können.
Wir sollten die Chance nutzen in einem europäischen Land eine exzellente Bildung zu genießen. Unser Vorteil gegenüber den deutschen Schülern war, dass wir zweisprachig aufwuchsen und sowohl deutsch als auch türkisch fließend sprachen. Deshalb fiel es mir auch nicht schwer in der Schule dazu noch englisch und französisch zu lernen. Mein Bruder und ich waren die einzigen Schüler türkischer Abstammung auf dem Gymnasium.
Von beiden Kulturen das Beste
Nach dem Abitur habe ich an der Universität Heidelberg Rechtswissenschaften studiert. Während meines Studiums war ich durch die Ermunterung des damaligen Direktors des Amtsgerichts auch als Dolmetscherin für die türkische Sprache am Amtsgericht meines Wohnortes tätig.
Während des Referendariats haben mich meine Kollegen immer wieder bewundert, dass ich die Chance hatte zweisprachig aufzuwachsen und von beiden Kulturen das Beste für mich aussuchen konnte.
Heute bin ich in Sinsheim in meiner eigenen Kanzlei als Rechtsanwältin tätig. Ich bin überwiegend zivilrechtlich tätig. Ich berate sowohl Privatpersonen als auch Unternehmen. Schon während meiner Referendarzeit hatte ich Wirtschaftsrecht als Wahlfach und habe in Wirtschaftskanzleien deutsch-türkische Unternehmen beraten oder musste mich auch mal in das türkische Wirtschaftsrecht einarbeiten und Vergleiche zu deutschem Recht ziehen bzw. überprüfen welches Recht im Einzelfall anwendbar ist. Für eine eigene Kanzlei habe ich mich aus privaten Gründen entschieden. Ich habe in Sinsheim die einzige Kanzlei in der auch türkisch gesprochen wird.
Auch einmal über den Tellerrand hinaus schauen
Rechtsanwälte türkischer Abstammung in Deutschland bilden nicht nur in deutsch-türkischen Geschäftsbeziehungen für Unternehmen eine Brücke, sondern sie können auch etwas zur Integration der Türken in Deutschland beitragen. In der türkischen Bevölkerung werden die deutsch-türkischen Rechtsanwälte hoch anerkannt und respektiert.
Ich bin in der Lokalen Agenda 21 Internationale Begegnung in Sinsheim aktiv. Hier versuchen wir die verschiedenen Kulturen in unserer Stadt miteinander bekannt zu machen und Vorurteilen den Weg zu räumen, um ein gemeinsames und friedliches Zusammenleben zu ermöglichen.
Wir haben auch einen Stammtisch der deutsch-türkischen Akademiker in Sinsheim gegründet. Wir sind der Auffassung, dass gebildete Menschen sich besser integrieren und auch toleranter gegenüber anderen Kulturen sind. Wir möchten damit unseren Beitrag zur Integration leisten. Jeder von uns hat seine eigene Erfahrung mit dem Leben als Deutsch-Türke in Deutschland gemacht. In erster Linie wollen wir, dass die Menschen sich mehr bilden und auch einmal über den Tellerrand hinaus schauen können.
Türkischstämmige Eltern nennen mich als Vorbild
Ich habe eigentlich die positive Erfahrung gemacht, dass türkischstämmige Eltern mich ihren Kindern immer als Vorbild gezeigt haben. Ich erteile bei jeder Gelegenheit den türkischstämmigen Kindern den guten Rat, dass sie auf jeden Fall einen Schulabschluss haben sollten und wenigstens auch wenn sie nicht gleich studieren möchten eine Berufsausbildung absolvieren sollten. Die Beherrschung der Sprache des Landes in dem man lebt ist sowieso ein muss.
Mein Bruder dagegen hat an der Universität Heidelberg Molekularbiologie studiert. Er war der beste seines Abschlussjahrgangs. Nach dem Abschluss seines Studiums hat er an der MIT in Massachussetts, USA promoviert und ist heute noch an der MIT in den USA als Post Doc in der Krebsforschung tätig.
Wenn man ihn heute fragt, ob er nach Deutschland zurückkehren möchte, dann sagt er, er wisse nicht wohin ihn sein Berufsleben in der Welt verschlagen würde, aber in Deutschland wurde er nie so warmherzig aufgenommen wie in den USA, obwohl er in Deutschland aufgewachsen ist und nie Integrationsprobleme hatte.
Meines Erachtens bedarf die Integration der Gegenseitigkeit. Es darf nicht nur von einer Seite abhängen. Insbesondere in ländlichen Gebieten ist man als Deutsch-Türke vielen Vorurteilen ausgesetzt. Dies kann ich aus eigener Erfahrung sagen. Es ist nicht immer einfach in der deutschen Bevölkerung Akzeptanz zu finden, wenn man eine südländische Ausstrahlung hat.
Die Probleme beginnen schon bei der Wohnungssuche
Beispielsweise weiß ich aus eigener Erfahrung und habe auch von vielen deutsch-türkischen Studenten gehört, dass sie bei der Suche nach einer Studentenwohnung telefonisch eine Zusage erhalten haben, weil sie ein akzentfreies Deutsch sprechen und für einen Deutschen gehalten werden. Aber als sie sich dann persönlich beim Vermieter vorgestellt haben, sagte man ihnen dann: „Oh, sie sind aber kein gebürtiger Deutscher oder? Wir können ihnen leider die Wohnung nicht vermieten“. Ich verstehe nicht, warum die deutschen Vermieter denken, dass ein gebürtiger deutscher Mieter ein besserer Mieter ist, als ein ausländischer, wenn alle Mieter einen Studentenstatus haben. Ich vermute, dass diese Vermieter gegenüber einem Ausländer, auch wenn es ein Jurastudent, Medizinstudent oder Biologiestudent ist, weniger Vertrauen haben. Eine fremde Kultur erschreckt sie.
Man muss vielleicht in der Bevölkerung eine Vertrauensbasis und gegenseitige Akzeptanz schaffen. Im Grunde sind alle Menschen gleich, es gibt nur gute und schlechte Menschen.
Man muss in der Integrationspolitik beide Seiten der Medaille betrachten und sowohl den Deutschen als auch den Deutsch-Türken bzw. Türken beibringen, miteinander ohne irgendwelche Vorurteile umgehen zu können.
Während einer USA-Reise habe ich gemerkt, dass dort trotz der Rassenprobleme, die immer wieder in den Medien zu sehen sind, die Menschen sich alle integriert fühlen und auch integriert sein wollen.
Ein Ausländer der ein Jahr lang in den USA lebt, fühlt sich schon als Amerikaner.
Dieses Gefühl und den Zusammenhalt in der Bevölkerung müssen wir auch in Deutschland schaffen. Sowohl mein Bruder als auch ich sind in Deutschland ohne Frage integriert. Aber solange in Deutschland jemand mit südländischer Ausstrahlung nicht als Deutscher angesehen werden kann, werden wir immer Vorurteilen ausgesetzt sein.
Weiter zur Geschichte von Katarzyna Zielonka: „Es gab Momente da wollte ich alles hinschmeißen“
Vollstaendige Integration in Deutschland sehr schwierig.
Anony Mous (otalay)
- 19.02.2009, 22:51 Uhr
Sehr schöner Artikel!
Rene Meyer (matrix1329)
- 26.02.2009, 13:31 Uhr
Gutes Beispiel- zur Nachahmung empfohlen
Franz Becker (FBXL9)
- 26.02.2009, 13:45 Uhr
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