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Tag der Deutschen Einheit : Migranten im eigenen Land

Aus Ost und West mach eins: Doch wie gut ist die Integration der Ostdeutschen gelungen? Bild: dpa

17 Millionen Menschen kamen 1990 aus einem Land namens DDR in die Bundesrepublik. Das Wahlergebnis zeigt: Viele von ihnen haben sich bis heute nicht integriert.

          Sie sind schon lange im Land, aber noch immer unterscheiden sich die neu Hinzugekommenen deutlich von denen, die bereits länger dabei sind. Sie haben weniger Erfolg im Beruf und verdienen weniger Geld. Sie sind mit ihrer Lebenssituation im Schnitt weniger zufrieden und schimpfen über die Republik, die sie aufgenommen hat. Sie neigen politisch häufiger autoritären Ideen zu und pflegen oft auch kulturell die Gebräuche ihres Herkunftsstaates, teilweise in regelrechten Parallelgesellschaften. Erstaunlicherweise nehmen die Abschottungstendenzen der zweiten Generation zum Teil sogar zu. Das ist ein deutliches Zeichen dafür, dass im Integrationsprozess etwas schiefläuft.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Rede ist nicht von den Deutschtürken, die einst als Arbeitskräfte ins Land kamen. Auch nicht von den russlanddeutschen Einwanderern der neunziger Jahre oder von den syrischen Flüchtlingen des Jahres 2015. Es geht um die damals rund 17 Millionen Ostdeutschen, die am 3. Oktober 1990 der Bundesrepublik beitraten, alle an einem Tag. Es war eine der größten und plötzlichsten Einwanderungswellen der Geschichte. Die meisten wechselten zwar nicht den Ort; damit drohten sie nur auf Demonstrationen, um ihre schnelle Aufnahme zu erzwingen. Aber sie alle wechselten von einem Tag auf den anderen das politische und kulturelle, soziale und vor allem auch wirtschaftliche System – mit allen Schwierigkeiten, die das typischerweise mit sich bringt.

          Einiges spricht für die These, dass die Ostdeutschen so etwas sind wie Migranten im eigenen Land. Und dass die besonderen Schwierigkeiten ihrer Integration damit zu tun haben, dass sich das die Beteiligten zu wenig klargemacht haben. Daher zogen sie oft die falschen Schlüsse, mit fatalen Folgen.

          Die Erfolge der AfD als Integrationsbarometer?

          Die Misserfolge dieses Integrationsprozesses lassen sich an den Wahlerfolgen der AfD ablesen. In Ostdeutschland stimmten am vorigen Sonntag im Durchschnitt 21,9 Prozent der Wähler für die Partei, doppelt so viele wie im Westen. Gewiss gab es auch in Niederbayern oder im Ruhrgebiet überdurchschnittliche AfD-Anteile. Aber der Unterschied zwischen Ost und West bleibt auch beim Vergleich der Hochburgen miteinander bestehen: Im bayerischen Wahlkreis Deggendorf, wo die Partei mit 19 Prozent ihr bestes Ergebnis im Westen einfuhr, fand sie nur halb so viel Zustimmung wie in ihrer östlichen Hochburg, der sächsischen Schweiz. Dort kam sie auf fast 36 Prozent der Zweitstimmen.

          In der Debatte um die Integration der Ostdeutschen war der Tag der Bundestagswahl so etwas wie der Erdogan-Moment: Wie erstaunlich viele Deutschtürken beim türkischen Verfassungsreferendum vor einem halben Jahr für ein autoritäres Präsidialregime stimmten, so entschieden sich überraschend viele Ostdeutsche bei der Bundestagswahl gegen liberale Demokratie und offene Marktwirtschaft – gegen Werte und Institutionen, um derentwillen sie 1990 die Aufnahme in die Bundesrepublik begehrt hatten und die ihnen bislang einen beträchtlichen Wohlstandsgewinn gebracht haben.

          Nur eine Minderheit der Migranten tut sich mit der Integration so schwer. Auch in den östlichen Ländern haben 78 Prozent der Wähler nicht für die AfD gestimmt. (Die 17,8 Prozent für die ostdeutsche Regionalpartei Die Linke muss man freilich noch zu den Proteststimmen dazuzählen.) Die Lebenszufriedenheit ist über die Jahre gestiegen. Städte wie Leipzig oder Jena, Rostock oder in Teilen selbst Dresden haben sich zu weltoffenen, wohlhabenden und liberalen Zentren entwickelt, in denen sich die Milieus mischen, auch wenn kulturelle Besonderheiten erhalten bleiben. Dort ist die Integration im Ganzen geglückt, ohne dass daraus unbedingt Assimilation gefolgt wäre.

          Mehr als zwei Millionen Ostdeutsche sind darüber hinaus seit 1990 nach Westdeutschland umgezogen, weil sie dort Jobs fanden und aufsteigen konnten. Zwischen Ost- und Westdeutschen sind Mischehen nicht selten, auch dies ein Indikator für gelungene Integration.

          Die Integration der Ostdeutschen als politische Aufgabe

          Die sächsische Integrationsministerin Petra Köpping (SPD) entdeckte das Thema im vorigen Herbst. In einer der vielen Diskussionsrunden über die Integration der Flüchtlinge fragte ein ostdeutscher Zuhörer ganz direkt: „Warum integriert ihr nicht erst einmal uns?“ Seither hat Köpping ihre Stellenbeschreibung neu definiert. Sie kümmert sich jetzt nicht nur um die Eingliederung von Zuwanderern aus anderen Ländern, um die Belange von Behinderten oder um die Gleichstellung von Frauen. Sondern auch um die Integration der Ostdeutschen.

          An einem sonnigen Herbsttag in der vorigen Woche empfing sie im Dresdener Landtagsrestaurant drei frühere Bergleute, die um ihre Rentenansprüche kämpfen. Draußen glänzte die Dresdener Barockkulisse, es wirkte fast ein wenig unwirklich, wie die Männer im Sakko mit ihr am Tisch saßen und von ihrer früheren Arbeit erst bei der Herstellung von Braunkohle-Briketts, dann bei der Abwicklung des Betriebs in der Lausitz berichteten. Zu DDR-Zeiten waren diese Arbeiten den Jobs unter Tage gleichgestellt, mit entsprechend höheren Rentenansprüchen. Die Regel wurde 1996 ersatzlos gestrichen. Im neuen Land war auf die alten Regeln kein Verlass mehr.

          Köpping machte das, was sie immer tut. Sie hörte sich das Anliegen geduldig an, ließ die drei Männer erzählen, will sich für sie einsetzen. Fragt man, was die Bundesrepublik generell zur besseren Integration der Ostdeutschen unternehmen müsse, weicht sie ins Allgemeine aus. Ihr geht es zunächst um die Diagnose an sich, um öffentliche Anerkennung für die Biographien von Leuten, die bis 1990 als Ingenieure in der Forschungsabteilung eines Betriebs arbeiteten und in der neuen Heimat Bundesrepublik als Versicherungsvertreter durchs Land zogen.

          Missverständnisse zwischen Ost und West

          Nüchtern betrachtet, sind das die üblichen Begleiterscheinungen vieler Migrationsprozesse. Die erste Generation von Einwanderern muss oft Jobs annehmen, die unter ihrem ursprünglichen Qualifikationsniveau liegen. Diese Erfahrung machten die Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg genauso wie später die Russlanddeutschen. Das hat viele Gründe. Die völlig verschiedene Wirtschaftsstruktur von Herkunfts- und Aufnahmeland zählt dazu, andere Ausbildungsgänge, fehlende Netzwerke in der neuen Gesellschaft, geringere materielle Absicherung. Es geht auch um Habitus und kulturelle Missverständnisse: Was der Ostdeutsche vielleicht als bescheiden empfindet, gilt dem westdeutschen Chef womöglich als Mangel an Initiative.

          Wenn die Neubürger aus einem völlig anderen Gesellschaftssystem kommen, potenzieren sich die Probleme. Darüber täuscht die gemeinsame Sprache leicht hinweg. Das mussten schon die Franzosen mit den Algeriern erfahren, jetzt geht es den Westdeutschen mit den Brüdern und Schwestern aus dem Osten so. Die enttäuschten Einwanderer revanchieren sich gern, indem sie die Aufnahmegesellschaft mit dem Vorwurf des Kolonialismus unter moralischen Druck setzen.

          Wie üblich entzündet sich der Konflikt dann an einer nachfolgenden Einwanderkohorte, in diesem Fall den Flüchtlingen des Jahres 2015. Typischerweise sehen Migranten, die zu einem früheren Zeitpunkt eingewandert sind, ihre Position durch nachfolgende Neuankömmlinge weit mehr bedroht als die Alteingesessenen. Das ist in der Konkurrenz um begrenzte Ressourcen auch nachvollziehbar. So fürchteten viele Deutschtürken 1990, in ihrer Stellung von den Ostdeutschen verdrängt zu werden.

          In der ersten Generation ähneln sich die Erfahrungen vieler Migranten, in der zweiten differenziert sich das Bild. Es geht allen besser, aber in unterschiedlichem Ausmaß. Die mobilen, beweglichen steigen auf. Andere bleiben zurück. In der „Berliner Runde“ am Wahlabend waren neben vier West-Männern drei erfolgreiche Ost-Frauen zu sehen: die Linken-Chefin Katja Kipping, die Grünen-Kandidatin Katrin Göring-Eckardt, die mit der Bemerkung, auch Ossis seien Migranten, schon mal einen „Shitstorm“ auslöste – und Bundeskanzlerin Angela Merkel, die im Osten auch deshalb so viel Hass auf sich zieht, weil sie ihren Landsleuten den Spiegel vorhält: Seht her, wer sich anstrengt, der schafft es auch.

          Lutz Schneider lebt in Dippoldiswalde, im Zentrum des östlichen Erzgebirges, nahe der Sächsischen Schweiz. Der Ökonom war zur Wendezeit 16 Jahre alt, er forschte viele Jahre am Institut für Wirtschaftsforschung in Halle und lehrt als Professor an der Hochschule Coburg. Er gehört zu dieser zweiten Generation, und er zählt zu den Erfolgreichen.

          Von einer „relativen Deprivation“ spricht er, die den Grad der Unzufriedenheit präge: Die Altersgenossen schauen, wem es aus dem eigenen Jahrgang relativ gutgeht. Sie messen ihre materielle Lage nicht am früheren Lebensstandard in der DDR, sondern daran, was ihnen ihrer Meinung nach eigentlich zustehen müsste. Die Handwerker, die anders als im Westen ihren Betrieb ohne viel Kapital neu aufgebaut haben, fürchteten bei jeder Veränderung um die nackte Existenz.

          So kommt es, dass die größte Unzufriedenheit gar nicht bei den objektiv Ärmsten herrscht, dass die AfD im Osten in Regionen mit relativ niedriger Arbeitslosigkeit mehr Zulauf hat als in Gegenden, denen es wirtschaftlich schlechter geht. Auch das ist eine Frage von Herkunft und kultureller Prägung. In den alten Industrielandschaften der südöstlichen DDR wurden Fabrikschließungen schmerzhafter empfunden als in den Agrarlandschaften des Nordens; fehlendes Westfernsehen und kulturelles Sonderbewusstsein förderten im Südosten zudem die Ausbildung einer Parallelgesellschaft.

          Ein gutes Beispiel ist Bad Schandau, das Tourismuszentrum der Sächsischen Schweiz. Mehr als 350000 Übernachtungen im Jahr zählt die Stadt an der Elbe mit ihren rund 4000 Einwohnern, es kommen Kurgäste, Wander- und Kletterfreaks. Die Branche boomt. Nach mehreren Hochwassern sind die Häuser perfekt renoviert. Weil in der Saison die Arbeitskräfte fehlen, kellnern in vielen Gasthöfen längst Pendler aus dem benachbarten Tschechien. Auch die Infrastruktur lässt kaum Wünsche offen. Trotzdem hat die AfD hier eines ihrer höchsten Ergebnisse bekommen, 37,5 Prozent der Zweitstimmen. Für die Direktkandidatin Frauke Petry, die mittlerweile aus der Partei ausgetreten ist, votierten sogar 39,9 Prozent der Wähler in Bad Schandau. Warum?

          Der parteilose Bürgermeister Thomas Kunack redet lieber über die Erfolge im Tourismus als über die AfD. Er hat die Zusammenarbeit mit dem benachbarten Tschechien ausgebaut, sich für mehrsprachige Beschriftungen eingesetzt, ein Besucherzentrum samt Globetrotter-Filiale eröffnet. Er bedauert die Abwahl des langjährigen CDU-Bundestagsabgeordneten, der im Tourismusausschuss saß und viele Türen öffnete.

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          Anders als in vielen Orten des Umlands redet hier niemand gern über das Thema. Dass 40 Prozent AfD nicht gut für den Tourismus sind, haben die meisten verstanden, selbst wenn sie die Partei gewählt haben. Gern zeigt man hinauf ins benachbarte Rathmannsdorf, wo die AfD sogar auf fast 44 Prozent kam. Eine Ladenbesitzerin redet dann doch. Sie habe die Partei selbst nicht gewählt, könne die Gründe aber nachvollziehen, warum gerade viele kleine Selbständige für die Partei votiert haben. Für die gleiche Arbeit, sagt sie, gebe es hier weniger Geld als im Westen, und die Frage sei jeden Monat, ob am Ende das Geld für die Ladenmiete noch reicht.

          Gerade unter Selbständigen ist der Anspruch weit verbreitet, dass der Staat sie schützen soll. „Die Erwartungshaltung ist zu groß“, sagt der Dresdener Politologe Hans Vorländer. „Der Staat muss sich kümmern, die Parteien sollen sich kümmern, sie sollen die Menschen in den Arm nehmen, ihnen den Weg weisen.“

          Seit 27 Jahren finanzieren wechselnde Bundesregierungen für die Ostdeutschen eines der teuersten Integrationsprogramme aller Zeiten. Die Berechnungen unterscheiden sich. Rund eine Billion D-Mark werden es mindestens gewesen sein, die schon in den neunziger Jahren von West nach Ost flossen. Die Westdeutschen waren aus historischer Verantwortung bereit, Geld zu zahlen. An ihrer bundesdeutschen Leitkultur hielten sie fest.

          Größere Wahlerfolge in Osteuropa

          Dieses intensive Förderprogramm unterscheidet die Ostdeutschen von den übrigen Osteuropäern, mit denen sie politisch und kulturell sonst viel verbindet. Setzt man die Wahlerfolge von Rechtspopulisten in ganz Westeuropa mit jenen in Osteuropa in Beziehung, ergeben sich ähnliche Verhältniszahlen wie innerhalb Deutschlands: Geert Wilders in den Niederlanden oder Marine Le Pen in Frankreich erzielten zwar beträchtliche Erfolge, blieben aber von der Regierungsmehrheit weit entfernt. In Polen ist dagegen die Kaczynski-Partei an der Macht, ebenso Viktor Orbán in Ungarn.

          Laut Umfragen wählten 70 Prozent der AfD-Anhänger die Partei aus reinem Protest. Im Nachhinein können sie sich bestätigt fühlen: Das Wahlergebnis hat dazu geführt, dass sich die bundesdeutsche Mehrheitsgesellschaft auf einmal sorgenvoll über die Eingliederungsprobleme eines Teils der vor 27 Jahren Hinzugekommenen beugt. Dabei war die Integrationsdebatte eigentlich längst schon weiter: Dass man Leuten, die demokratische Prinzipien in Frage stellen, nicht auch noch mit mehr Geld entgegenkommt, gilt gemeinhin als Konsens.

          Quelle: F.A.S.

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