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Tag der Deutschen Einheit : Migranten im eigenen Land

Wenn die Neubürger aus einem völlig anderen Gesellschaftssystem kommen, potenzieren sich die Probleme. Darüber täuscht die gemeinsame Sprache leicht hinweg. Das mussten schon die Franzosen mit den Algeriern erfahren, jetzt geht es den Westdeutschen mit den Brüdern und Schwestern aus dem Osten so. Die enttäuschten Einwanderer revanchieren sich gern, indem sie die Aufnahmegesellschaft mit dem Vorwurf des Kolonialismus unter moralischen Druck setzen.

Wie üblich entzündet sich der Konflikt dann an einer nachfolgenden Einwanderkohorte, in diesem Fall den Flüchtlingen des Jahres 2015. Typischerweise sehen Migranten, die zu einem früheren Zeitpunkt eingewandert sind, ihre Position durch nachfolgende Neuankömmlinge weit mehr bedroht als die Alteingesessenen. Das ist in der Konkurrenz um begrenzte Ressourcen auch nachvollziehbar. So fürchteten viele Deutschtürken 1990, in ihrer Stellung von den Ostdeutschen verdrängt zu werden.

In der ersten Generation ähneln sich die Erfahrungen vieler Migranten, in der zweiten differenziert sich das Bild. Es geht allen besser, aber in unterschiedlichem Ausmaß. Die mobilen, beweglichen steigen auf. Andere bleiben zurück. In der „Berliner Runde“ am Wahlabend waren neben vier West-Männern drei erfolgreiche Ost-Frauen zu sehen: die Linken-Chefin Katja Kipping, die Grünen-Kandidatin Katrin Göring-Eckardt, die mit der Bemerkung, auch Ossis seien Migranten, schon mal einen „Shitstorm“ auslöste – und Bundeskanzlerin Angela Merkel, die im Osten auch deshalb so viel Hass auf sich zieht, weil sie ihren Landsleuten den Spiegel vorhält: Seht her, wer sich anstrengt, der schafft es auch.

Lutz Schneider lebt in Dippoldiswalde, im Zentrum des östlichen Erzgebirges, nahe der Sächsischen Schweiz. Der Ökonom war zur Wendezeit 16 Jahre alt, er forschte viele Jahre am Institut für Wirtschaftsforschung in Halle und lehrt als Professor an der Hochschule Coburg. Er gehört zu dieser zweiten Generation, und er zählt zu den Erfolgreichen.

Von einer „relativen Deprivation“ spricht er, die den Grad der Unzufriedenheit präge: Die Altersgenossen schauen, wem es aus dem eigenen Jahrgang relativ gutgeht. Sie messen ihre materielle Lage nicht am früheren Lebensstandard in der DDR, sondern daran, was ihnen ihrer Meinung nach eigentlich zustehen müsste. Die Handwerker, die anders als im Westen ihren Betrieb ohne viel Kapital neu aufgebaut haben, fürchteten bei jeder Veränderung um die nackte Existenz.

So kommt es, dass die größte Unzufriedenheit gar nicht bei den objektiv Ärmsten herrscht, dass die AfD im Osten in Regionen mit relativ niedriger Arbeitslosigkeit mehr Zulauf hat als in Gegenden, denen es wirtschaftlich schlechter geht. Auch das ist eine Frage von Herkunft und kultureller Prägung. In den alten Industrielandschaften der südöstlichen DDR wurden Fabrikschließungen schmerzhafter empfunden als in den Agrarlandschaften des Nordens; fehlendes Westfernsehen und kulturelles Sonderbewusstsein förderten im Südosten zudem die Ausbildung einer Parallelgesellschaft.

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