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Tag der Deutschen Einheit : Migranten im eigenen Land

Nur eine Minderheit der Migranten tut sich mit der Integration so schwer. Auch in den östlichen Ländern haben 78 Prozent der Wähler nicht für die AfD gestimmt. (Die 17,8 Prozent für die ostdeutsche Regionalpartei Die Linke muss man freilich noch zu den Proteststimmen dazuzählen.) Die Lebenszufriedenheit ist über die Jahre gestiegen. Städte wie Leipzig oder Jena, Rostock oder in Teilen selbst Dresden haben sich zu weltoffenen, wohlhabenden und liberalen Zentren entwickelt, in denen sich die Milieus mischen, auch wenn kulturelle Besonderheiten erhalten bleiben. Dort ist die Integration im Ganzen geglückt, ohne dass daraus unbedingt Assimilation gefolgt wäre.

Mehr als zwei Millionen Ostdeutsche sind darüber hinaus seit 1990 nach Westdeutschland umgezogen, weil sie dort Jobs fanden und aufsteigen konnten. Zwischen Ost- und Westdeutschen sind Mischehen nicht selten, auch dies ein Indikator für gelungene Integration.

Die Integration der Ostdeutschen als politische Aufgabe

Die sächsische Integrationsministerin Petra Köpping (SPD) entdeckte das Thema im vorigen Herbst. In einer der vielen Diskussionsrunden über die Integration der Flüchtlinge fragte ein ostdeutscher Zuhörer ganz direkt: „Warum integriert ihr nicht erst einmal uns?“ Seither hat Köpping ihre Stellenbeschreibung neu definiert. Sie kümmert sich jetzt nicht nur um die Eingliederung von Zuwanderern aus anderen Ländern, um die Belange von Behinderten oder um die Gleichstellung von Frauen. Sondern auch um die Integration der Ostdeutschen.

An einem sonnigen Herbsttag in der vorigen Woche empfing sie im Dresdener Landtagsrestaurant drei frühere Bergleute, die um ihre Rentenansprüche kämpfen. Draußen glänzte die Dresdener Barockkulisse, es wirkte fast ein wenig unwirklich, wie die Männer im Sakko mit ihr am Tisch saßen und von ihrer früheren Arbeit erst bei der Herstellung von Braunkohle-Briketts, dann bei der Abwicklung des Betriebs in der Lausitz berichteten. Zu DDR-Zeiten waren diese Arbeiten den Jobs unter Tage gleichgestellt, mit entsprechend höheren Rentenansprüchen. Die Regel wurde 1996 ersatzlos gestrichen. Im neuen Land war auf die alten Regeln kein Verlass mehr.

Köpping machte das, was sie immer tut. Sie hörte sich das Anliegen geduldig an, ließ die drei Männer erzählen, will sich für sie einsetzen. Fragt man, was die Bundesrepublik generell zur besseren Integration der Ostdeutschen unternehmen müsse, weicht sie ins Allgemeine aus. Ihr geht es zunächst um die Diagnose an sich, um öffentliche Anerkennung für die Biographien von Leuten, die bis 1990 als Ingenieure in der Forschungsabteilung eines Betriebs arbeiteten und in der neuen Heimat Bundesrepublik als Versicherungsvertreter durchs Land zogen.

Missverständnisse zwischen Ost und West

Nüchtern betrachtet, sind das die üblichen Begleiterscheinungen vieler Migrationsprozesse. Die erste Generation von Einwanderern muss oft Jobs annehmen, die unter ihrem ursprünglichen Qualifikationsniveau liegen. Diese Erfahrung machten die Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg genauso wie später die Russlanddeutschen. Das hat viele Gründe. Die völlig verschiedene Wirtschaftsstruktur von Herkunfts- und Aufnahmeland zählt dazu, andere Ausbildungsgänge, fehlende Netzwerke in der neuen Gesellschaft, geringere materielle Absicherung. Es geht auch um Habitus und kulturelle Missverständnisse: Was der Ostdeutsche vielleicht als bescheiden empfindet, gilt dem westdeutschen Chef womöglich als Mangel an Initiative.

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