Home
http://www.faz.net/-gqe-a2j
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Viele gehen lieber zum Schlichter als zum Richter

17.11.2010 ·  Allensbach-Studie über Mediation: Bürger trauen Psychologen eher als Rechtsanwälten

Artikel Lesermeinungen (0)

jja. BERLIN, 17. November. Fast jeder zweite Bundesbürger sieht in einer Streitschlichtung eine Alternative zu einem Gerichtsprozess. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag des Rechtsschutzversicherers Roland. Allensbach-Geschäftsführerin Renate Köcher sagte am Mittwoch in Berlin, die Deutschen seien kein Volk von "Prozesshanseln". Von jenen Befragten, die zuvor schon von der Möglichkeit einer außergerichtlichen Einigung gehört hätten, versprächen sich 58 Prozent viel davon.

Hintergrund der Untersuchung ist das Bestreben der Versicherungswirtschaft, ihren Kunden diese mitunter kostengünstigere Variante schmackhaft zu machen. Viele Anbieter haben ihren Leistungskatalog bereits dahin gehend ausgeweitet. Hinzu kommt, dass Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) kürzlich einen Entwurf für ein Mediationsgesetz vorgelegt hat. Deutschland ist aufgrund einer EU-Richtlinie zum Erlass entsprechender Vorschriften verpflichtet und will bei der Förderung der Streitschlichtung noch deutlich über die Brüsseler Vorgaben hinausgehen. Zudem hat die Bundesregierung kürzlich ein Gesetz auf den Weg gebracht, um Gerichtsverfahren zu beschleunigen. Dazu wurde sie durch eine Serie von Verurteilungen durch den Europäischen Menschenrechtsgerichtshof gezwungen.

Die Bevölkerung hält der Untersuchung zufolge vor allem Familien- und Nachbarschaftsstreitigkeiten für die Mediation für geeignet, weniger gut hingegen Fälle aus dem Wirtschaftsrecht. Jeder Achte, der schon einmal einen Gerichtsprozess durchgefochten hat, hätte im Nachhinein lieber eine Schlichtung gesucht. Die Bürger trauen Psychologen eine erfolgreiche Vermittlung etwas eher zu als Rechtsanwälten; wichtig ist ihnen aber vor allem eine Ausbildung zum Mediator. Der Konflikt um den Umbau des Stuttgarter Hauptbahnhofs habe sich erst nach Durchführung der Umfrage zugespitzt, merkte Köcher an: "Seither ist das Wort Mediation in aller Munde", sagte sie mit Blick auf den dort eingeschalteten Vermittler Heiner Geißler.

Der Vorstandsvorsitzende der Roland Rechtsschutzversicherung, Gerhard Horrion, kritisierte die lange Dauer von Gerichtsprozessen. Der Gesetzentwurf der Regierung zur Förderung der Mediation bleibe hinter den Erwartungen der Versicherungswirtschaft zurück. Qualitätsstandards für die Sachkunde der Vermittler müssten genauer festgelegt werden, sagte Horrion. Richtig sei hingegen die Öffnung dieses Berufsfelds: "Das ist kein natürliches Monopol der Anwaltschaft." Horrion bedauerte, dass der Staat - anders als bei Gerichtsprozessen - nicht die Kosten von Bedürftigen übernehme.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jeder rette seine Bank

Von Christian Siedenbiedel

Die EU-Staaten sollen Banken gemeinsam retten? Keine gute Idee. Das wäre Hilfe ohne Kontrolle. Mehr 22 26

01.06.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.050,29 −3,42%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.319,85 −3,26%
Dow Jones 12.118,60 −2,22%
EUR/USD 1,2433 +0,58%
Rohöl Brent Crude 98,82 $ −2,76%
Gold 1.606,00 $ +3,08%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.