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Macht der Globalisierung : Deutschland, Land der Ahnungslosen

Faktenorientiert: Globalisierung birgt auch zahlreiche Vorteile für Entwicklungsländer. Bild: Rüchel, Dieter

Nie war es einfacher sich zu bilden: Das Internet bietet eine ungeahnte Fülle an frei zugänglicher Information. Dennoch ignorieren viele Deutsche bewusst Fakten.

          Zu welcher Bevölkerungsgruppe, lieber Leser, gehören Sie? Glauben auch Sie daran, dass es mit der Armut weltweit immer schlimmer wird, dass sie auf gleich dramatischem Niveau verharrt oder allenfalls in kaum nennenswertem Maße abnimmt?

          Glückwunsch, dann zählen Sie zur breiten Mehrheit in diesem Land. 99 Prozent der Deutschen unterschätzen, welche riesigen Fortschritte der Kampf gegen die globale Ungleichheit in den zurückliegenden Jahren gemacht hat. Die Zahl stammt aus einer unverdächtigen Quelle: Die Entwicklungshelfer von Oxfam haben sie ermitteln lassen – weil sie glauben, dass dieser schlecht informierte Fatalismus dem Kampf gegen die Armut nicht hilft, sondern schadet.

          Man könnte das als ein typisches Element unserer „postfaktischen“ Gesellschaft abtun: Unbewiesene Behauptungen werden ungeprüft übernommen, gerne unter Gleichgesinnten auf Facebook, wenn sie den eigenen Vorurteilen entsprechen. So machen es die Flüchtlingshasser von der AfD oder die TTIP-Gegner auf der politischen Linken – was nicht heißt, dass man über Migrations- oder Handelspolitik nicht auch fundiert streiten könnte. Darum geht es in diesen Foren freilich nur am Rande.

          Abschirmen gegen Informationen

          Aber es gibt eben doch Erklärungen dafür, warum sich Menschen gegen bestimmte Informationen abschirmen. Sie wehren unliebsame Veränderungen ab, wahren eigene Interessen und möchten ihre Denkmuster beibehalten. So verhält es sich auch mit unserem Blick auf die wirtschaftliche Aufholjagd der Länder jenseits der westlichen Industrienationen.

          Denn während die Ungleichheit im globalen Maßstab zurückgeht, nimmt sie zumindest innerhalb der alten Industrienationen eher zu. Natürlich profitieren auch Beschäftigte hierzulande von der Globalisierung, etwa wenn deutsche Auto- oder Maschinenbauer glänzende Geschäfte in China machen, ohne die es viele Jobs in Deutschland gar nicht mehr geben würde. Aber viele einfache Tätigkeiten sind komplett abgewandert, etwa die Produktion von Elektronik nach China oder die Herstellung von T-Shirts nach Bangladesch. Umgekehrt sorgt die Migration dafür, dass Einheimische auch um einfache Dienstleistungsjobs mit Einwanderern konkurrieren.

          So hatten sich viele die Entwicklungshilfe nicht vorgestellt: dass die Armen die Sache auf einmal selbst in die Hand nehmen und dem alten Westen auf den globalen Märkten Konkurrenz machen. So war die Metaphorik des Abgebens und Teilens nicht gemeint, die jahrzehntelang in den wohlhabenden Nationen gepflegt wurde. „Hilfe zur Selbsthilfe“ bedeutete Unterstützung beim Brunnenbauen, nicht die Errichtung von Computerfabriken. Abgeschafft werden sollte der Hunger, aber nicht die pittoreske Rückständigkeit. Sonst hätte es für Kirchen oder manche Entwicklungshelfer ja gar kein Objekt mehr gegeben, um ihre Barmherzigkeit daran zu üben.

          Gefährliche Ignoranz

          Hinzu kommt: Durch die wirtschaftliche Verflechtung rücken die ärmeren Länder und damit die – abnehmenden – Ungleichheiten überhaupt erst ins westliche Blickfeld. Die alten Fernsehbilder von hungernden Kindern in Afrika waren für die meisten Menschen sehr weit weg. Wenn zwangsrekrutierte Studenten in China unsere Elektronik zusammensetzen oder Fabriken in Bangladesch einstürzen, dann geht es um unsere eigene Welt. Und in dieser sind Unterschiede bei Wohlstand und Arbeitsbedingungen sehr viel schwerer zu ertragen als zwischen Gesellschaften, die im Alltag kaum Berührungspunkte haben.

          Das alles ist allzu verständlich. Trotzdem dürfen wir uns nicht von der Erkenntnis abschirmen, welche Fortschritte die Globalisierung vielen Menschen auf der Welt gebracht hat. Das wäre nicht nur unmoralisch all jenen gegenüber, denen dieser Prozess den Aufstieg aus bitterer Armut ermöglicht hat. Es wäre auch gefährlich für unseren eigenen Wohlstand, würden wir aus lauter Nostalgie die neue Konkurrenz verkennen.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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