Der Wettergott meint es gut mit dem Pyrenäenvorland. Auf der Anhöhe südlich der Départements-Hauptstadt Pau reifen die grünen Trauben des Jurançon-Weins. Einige Meter weiter, vor der Kulisse der in Wolken gehüllten Gipfel, grasen Pferde auf grünen Weiden. Das nächste, gemütlich wirkende Wohnhaus ist vielleicht 150 Meter entfernt. Inmitten dieser Idylle befindet sich ein umzäuntes, durch Videokameras überwachtes Areal. Es ist kaum größer als ein Fußballfeld. Zwei grüne Metallrohre tauchen aus dem Erdboden auf und führen am westlichen Ende in ein Gebäude. Von dort erstreckt sich eine weitere Leitung zu einem kleinen Pumpwerk und verliert sich schließlich im Erdreich.
So unspektakulär präsentiert sich ein Projekt des Mineralölkonzerns Total, das viele Umweltschützer erschaudern lässt, auf dem jedoch große Hoffnungen bei der Bekämpfung des Klimawandels ruhen. Es geht um die Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid, für das die englische Abkürzung CCS (Carbon Dioxide Capture and Storage) steht.
Stündlich pumpt der Energiekonzern seit Anfang vergangenen Jahres 4 Tonnen Kohlendioxid in ein 4500 Meter tiefer gelegenes ehemaliges Erdgasfeld. Während des zwei Jahre laufenden Demonstrationsvorhabens sollen 120.000 Tonnen CO2 in den Gesteinsschichten abgelagert werden. Das entspreche dem Ausstoß von 40 000 Autos in diesem Zeitraum, erläutert Guy Zahan. Er koordiniert für Total in Pau die CCS-Öffentlichkeitsarbeit.
Kein Wunder, dass der drahtige Südfranzose mit Verve für das Projekt wirbt. Es sei einmalig, da Total im großen Maßstab die gesamte CCS-Palette anbiete: von der Abscheidung des Kohlendioxids in einem noch ausgebeuteten Gasfeld im nahe gelegenen Lacq über den Transport vor die Tore Paus bis zur Verpressung und Lagerung des Klimagifts in der Tiefe.
Zahan verhehlt nicht, dass es um eine Brückentechnik gehe - solange erneuerbare Energien, Strom- und Kraftstoffeinsparungen sowie Atomkraft keine ausreichende Linderung des Treibhauseffekts bieten. Dann macht der Mittvierziger mit dem graumelierten Haarschopf eine Rechnung auf: Die CCS-Technik sei für gut 7000 große Industrieanlagen in aller Welt geeignet, auf die 20 bis 30 Prozent der Kohlendioxidemissionen entfielen. Zahans Fazit lautet: „Keine andere Technologie ermöglicht bei der Bekämpfung der Klimaerwärmung innerhalb kurzer Zeit solche Ergebnisse.“
Dass es besonders in Deutschland Zweifel an der CCS-Technik gibt, ist Zahan nicht entgangen. Es bestehen Befürchtungen, giftiges Kohlendioxid in hoher Konzentration könnte in die Atmosphäre entweichen; es gibt auch Sorgen, dass durch die Speicherung Salzwasser in für die Trinkwassergewinnung genutzte Schichten gelangen könnte. Zahans Arbeitskollege Jacques Monne sieht diese Gefahr für Pau nicht: „Es handelt sich um ein geschlossenes Reservoir ohne Verbindung zu Schichten, aus denen sich Trinkwasser gewinnen lässt“, erläutert Monne.
Zahan zeigt auf den Untergrund. Zwischen Erdoberfläche und Speicherstätte befinde sich eine 2000 Meter dicke, aber auch dichte Ton-Mergelschicht, die selbst der Auffaltung der Pyrenäen vor 35 Millionen Jahren standgehalten habe. Rings um Pau, wo Total rund 3000 Mitarbeiter beschäftigt, werde das CCS-Projekt meist wohlwollend gesehen. Kritik komme von Umweltverbänden wie Greenpeace; in Pau gebe es die Bürgerinitiative „Coquelipau“ - eine Verschmelzung der Bezeichnung für Klatschmohn (“Coquelicot“) mit dem Ortsnamen.
Wenige Kilometer südlich des mittelalterlichen Zentrums ist kein Argwohn zu spüren. Die rings um das Total-Gelände lebenden Menschen seien ausgesprochen gelassen, erzählt Zahan. Das sei schon Anfang der siebziger Jahre, zu Beginn der Erdgasförderung, so gewesen. „Damals hat man den Leuten Gasmasken in die Hand gedrückt - für alle Fälle. Schließlich ging es um ein explosives und viel giftigeres Gas als Kohlendioxid.“ Nun deutet Zahan auf die Stelle, an der das Treibhausgas in die Tiefe verschwindet, und sagt: „Bei massivem Gasaustritt hätten nur Menschen, die sich im Umkreis von zehn Metern aufhalten, nach einer halben Stunde nachhaltige gesundheitliche Schäden zu befürchten.“ Vorsorglich messen fest installierte Geräte sowie ein begleitender Feuerwehrmann unablässig die Gaskonzentration. Auch im schallisolierten Gebäude mit der Kompressoranlage zeigt sein Gerät keine erhöhten Werte an. Außerhalb übertönt Vogelgezwitscher den Kompressorenlärm.
Keine Rücksicht auf geräuschempfindliche Lebewesen nimmt Total auf dem Industriegelände in Lacq. Hier begann 1957 das Kapitel der Erdgasförderung in Frankreich. Bis zu 30 Millionen Kubikmeter schwefelhaltiges Gas wurden täglich gefördert - heute ist es weniger als ein Drittel dieser Menge. Ein unangenehmer Geruch wabert stellenweise über dem Gelände, am Eingang findet sich freilich der beruhigende Hinweis, seit 287 Tagen habe es keinen „Zwischenfall“ gegeben.
Jede in die Tiefe gepumpte Tonne Kohlendioxid kostet Total 60 Euro
Teile der Anlage wurden abgerissen; dafür haben sich mehrere Chemieunternehmen angesiedelt. Einen der fünf zur Gewinnung von Wasserdampf genutzten Heizkessel hat Total umgerüstet. Daneben steht eine Anlage des Industriegasspezialisten Air Liquide, in der reiner Sauerstoff entsteht. Durch Verbrennung (“Oxy-Combustion“) entsteht ein Gemisch von Kohlendioxid und Wasserdampf, aus dem sich das Treibhausgas abscheiden, verdichten und weitertransportieren lässt. 36 Zentimeter Durchmesser hat die Karbonstahlleitung, die 27 Kilometer entfernt, oberhalb von Pau, wiederauftaucht, ehe das Gas endgültig in der Tiefe verschwindet. „Wo nun Kohlendioxid fließt, wurde früher in derselben Leitung in umgekehrter Richtung Erdgas nach Lacq transportiert“, erläutert Zahan.
Technisch scheint das CCS-Verfahren machbar zu sein. Wirtschaftlich ist es derzeit aber nicht. Jede in die Tiefe gepumpte Tonne Kohlendioxid kostet Total 60 Euro. Die Preise im europäischen Emissionshandelssystem bewegten sich zuletzt zwischen 13 und 17 Euro je Tonne. Zahan zeigt sich gelassen. „Wir erwarten, dass diese Preise steigen, während wir durch Energieeffizienz die Kosten drücken werden.“ Der leitende Ingenieur des Projekts, Jean-Pierre Quet, spricht von einem bevorstehenden „technologischen Sprung“ durch Anpassungen am Kreislauf der Anlage. Derzeit gehe mit dem Verfahren ein zusätzlicher Energieaufwand von 20 Prozent mit entsprechender Kohlendioxidbelastung einher. Die Anpassungen sollen den Mehraufwand halbieren.
Rund 60 Millionen Euro steckt Total in das Projekt; auf EU-Finanzhilfen, wie sie für mehrere CCS-Vorhaben bewilligt worden sind, verzichtet der Konzern. Quet gibt sich selbstbewusst. „Wenn die CCS-Technik als notwendig anerkannt sein wird, werden wir schon bewiesen haben, dass sie technisch möglich ist“, sagt der Projektleiter.
Es scheint, als spiele die Zeit für die CCS-Technik. Die EU, die sich zur Senkung der Treibhausgasemissionen um 20 Prozent im Zeitraum 1990 bis 2020 verpflichtet hat, strebt nun bis 2050 eine Reduktion um mindestens 80 Prozent an. Auf 930 Milliarden Tonnen Kohlendioxid schätzt die Internationale Energieagentur (IEA) die weltweite Speicherkapazität unter dem Festland und dem Meeresboden. In großem Maßstab kämen für die CCS-Technik zum Beispiel die Nordsee, Algerien und Nordamerika in Frage, sagt Zahan. Eines steht für ihn schon heute fest: „Die Chancen dieser Technologie nicht zu nützen liefe darauf hinaus, die Erde zu einer bedeutsamen Aufheizung der Atmosphäre zu verurteilen.“
@Vandale
Max Meyer (Tommasch)
- 11.08.2011, 10:48 Uhr
Hr. Trummler - Gaskraftwerke gibt es schon länger als Windparks
Helmut Wessner (NixFirUnguad)
- 11.08.2011, 01:29 Uhr
Herr Trummler,
Hartmut Jacques (GeoffBTate)
- 11.08.2011, 01:27 Uhr
CO2 ist Nahrung für Pflanzen im Meer und an Land
Steffen Maczewski (Steffen.Maczewski)
- 11.08.2011, 00:10 Uhr
Herr Wessner - Der Vergleich Wind mit Erdgasstromerzeugungskosten hinkt
Horst Trummler (Vandale6906)
- 10.08.2011, 14:31 Uhr