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Verstaatlichungen Verdammtes Öl

 ·  Mit Petrochina, Petrobras und Petroven haben staatliche Ölgiganten an Bedeutung gewonnen auf der Welt. Russlands Rosneft ist das aktuellste Beispiel dafür, dass viele Nationen ihre Ressourcen verstaatlichen. Was hat das zu bedeuten?

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Mit dem Propheten Moses hatte die israelische Premierministerin Golda Meir eine Rechnung offen: „Moses schleppte uns 40 Jahre durch die Wüste, um uns an den einzigen Ort im Nahen Osten zu bringen, an dem es kein Öl gibt“, sagte die legendäre Politikerin in gespieltem Ärger. Sie unterstrich damit einen alten Aphorismus: „Mut, Hingabe und harte Arbeit sind ja schön und gut, aber besser ist doch eine Ölquelle im eigenen Garten.“

Nicht, dass diese Erkenntnis den Politikern verborgen geblieben wäre. Kaum eine Branche darf sich der Aufmerksamkeit der Politik so sicher sein wie die Ölindustrie. Die Geschichte dieses Wirtschaftszweiges ist eine Geschichte von durchaus umstrittenen Privatisierungen und nicht weniger dubiosen Verstaatlichungen.

Wenn der Ölpreis hoch ist, gibt es viele Verstaatlichungen

Jede Ölquelle hat ihre eigene Geschichte. Doch eine Konstante schält sich heraus: Waren die Preise an den Weltmärkten hoch, stieg die Wahrscheinlichkeit von Verstaatlichungen. Seit dem Jahr 2001 bis heute steigt der Rohölpreis kontiniuierlich mit einer Ausnahme: dem Post-Lehman-Jahr 2009. In diese Zeitspanne fallen Nationalisierungen - einschließlich erzwungener Käufe durch staatlich kontrollierte Konzerne - in Venezuela, Argentinien, Bolivien und nicht zuletzt Russland.

Dort wächst gerade die staatliche Rosneft durch die Übernahme der privaten TNK-BP zum zweitgrößten Ölproduzenten der Welt heran. Vorher hatte Moskau schon Gasprom zurückerobert und damit Wladimir Putins 1999 formuliertes Ziel erreicht: Nationale Energiechampions.

Staatskonzerne kontrollieren den Weltmarkt

Langsam muss die populäre Vorstellung verblassen, private Ölkonzerne wie ExxonMobil und Chevron aus Amerika oder BP and Royal Dutch Shell aus Europa regierten den Weltölmarkt. Sie können es längst nicht mehr. Die wichtigsten Akteure sind Staatskonzerne.

Das saudi-arabische Unternehmen Saudi Aramco ganz an der Spitze darf auf ungefähr zwanzigmal so große Ölreserven zurückgreifen wie die vier genannten Privatkonzerne, auch die Staatskonzerne aus der Golfregion insgesamt verfügen über deutlich größere Schätze, die zumeist auch viel leichter zu heben sind. Neu ins Spitzenfeld der Ölgiganten sind in den vergangenen Jahren die Staatskonzerne Petrobras (Brasilien), Petrochina und Petroven (Venezuela) vorgestoßen.

Keine Sorge: Der Ölhahn wird nicht zugedreht

Die Importländer und ihre Tankstellenkunden kann Rohstoff-Nationalismus nicht ruhig lassen. Die naheliegende Sorge allerdings, Länder wie Russland, das rund ein Drittel zur Ölversorgung der EU beisteuert, könnten den Ölhahn zudrehen, um politische Zugeständnisse zu erpressen, darf vernachlässigt werden. Die Ölländer können sich Boykotts selten leisten, sie sind auf die Öleinnahmen angewiesen mangels alternativer Einnahmen.

Länder wie Brasilien und Norwegen sind leuchtende Ausnahmen: Doch in der Regel schaffen es die Ölländer nicht, prosperierende Wirtschaftszweige jenseits der Energiebranche aufzubauen, die den Leuten genügend Arbeit und den Staaten ausreichend Steuern bescheren. Umgekehrt scheint Ölreichtum die Eliten von produktiven Aktivitäten fernzuhalten. Sie suchen statt dessen Zugang zum schnell verdienten Geld. So brauchen die Staaten jeden Petrodollar, um ihre Bürger satt zu machen oder wenigstens ruhigzustellen.

Vernachlässigte Investitionen

Schwerer wiegt ein anderes Risiko. Staatskonzerne werden häufig von ihren Regierungen gezwungen, über Steuern und Dividenden mehr Geld auszuschütten, als ihrem Geschäft gut tut: Sie vernachlässigen im Vergleich zu den privaten Konkurrenten Investition, Innovation und Exploration. Davon aber hängt das Reserven-Niveau der Ölgiganten stärker ab als von der Geologie. Die unfreiwillige Drosselung verkleinert das globale Angebot. Das Problem ist jetzt schon gelegentlich spürbar, der Reserven-Gigant Venezuela schafft seine Produktionsziele selten. Im Moment steht allerdings die exzellent geführte Saudi Aramco dagegen, die Schwankungen ausgleicht.

Ziemlich neu ist eine andere Entwicklung: Staatskonzerne beschränken sich nicht mehr auf ihre nationalen Gefilde. Konzerne wie Petrochina und Petrobras jagen auf der ganzen Welt nach Lizenzen, Konzessionen und Geschäften, Rosneft hat erklärtermaßen dieselbe Ambition. So konkurrieren sie vor allem in Afrika mit den alten Bekannten aus Amerika und Europa wie BP oder Exxon und helfen damit im Zweifel, das Angebot zu erhöhen - wenn es gut läuft.

Wenn es weniger gut läuft, sichern sich die Staatskonzerne Ölquellen, die sie exklusiv für ihre Länder reservieren. Dann wird aus Rohstoff-Nationalismus Rohstoff-Imperialismus. Die Strategie von Petrochina verdient in dieser Hinsicht nähere Betrachtung.

Amerika könnte einer der größten Ölförderer der Welt werden

Gefährlich? All das wäre viel ungemütlicher für die westliche Welt, wäre das Ölgeschäft eine statische Angelegenheit. Vor zwei bis drei Jahren dachte man, 85 Prozent aller Ölreserven blieben für immer in der Hand nationalistischer Länder ohne Demokratie, Rechtsstaat und Gewaltenteilung.

Seit einiger Zeit aber beherrscht sogenanntes unkonventionelles Öl die Debatte. Kanada und die Vereinigten Staaten sitzen auf riesigen Schätzen, die zunehmend ausgebeutet werden von privaten Unternehmen. Amerika könnte zu einem der größten Ölförderer der Welt aufsteigen. Der Staatskapitalismus hat noch nicht gesiegt.

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Jahrgang 1963, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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