20.05.2008 · Am Mittwoch ist Hauptversammlung bei der Allianz. Einerseits hat der Konzern allen Grund, stolz zu sein: Kein anderes deutsches Unternehmen hat vergangenes Jahr mehr Geld verdient. Andererseits bedrohen die Versäumnisse der Allianz bei der Dresdner Bank den Konzern insgesamt.
Von Marcus TheurerDie Aktionäre der Allianz, die am Mittwoch zur Hauptversammlung zusammenkommen, werden mit höchst gemischten Gefühlen auf ihr Unternehmen blicken. Der größte deutsche Finanzkonzern lebt in einem schmerzhaften Zwiespalt. Einerseits hat die Allianz allen Grund, stolz zu sein: Kein anderes deutsches Unternehmen hat vergangenes Jahr mehr Geld verdient. Das ist beachtlich angesichts der internationalen Finanzkrise, die anderen Versicherern wie etwa dem amerikanischen Weltmarktführer AIG oder der Swiss Re zusetzt.
Doch die Erfolge der Allianz verblassen vor dem Hintergrund des Debakels, das sich bei ihrer Tochtergesellschaft Dresdner Bank abspielt. Seit letzten Sommer hat die Finanzmarktkrise die Bank und damit die Allianz fast 2,5 Milliarden Euro an Abschreibungen gekostet. Das Milliardenloch gefährdet mittlerweile das von Vorstandschef Michael Diekmann ausgegebene Gewinnziel der Allianz. Die Kapitalvernichtung in Frankfurt schmälert Diekmanns Erfolgsbilanz erheblich. Er hätte im Kapitalmarktgeschäft der Dresdner Bank schon lange reinen Tisch machen und den in guten Börsenjahren ertragsschwachen und in schwierigen Zeiten hochdefizitären Bereich abstoßen müssen. Jahrelang wies die Allianz unter Diekmann diese Forderung zurück. Eine Chance, die es vergangenes Jahr offensichtlich gab, wurde – ob aus Trägheit oder wegen überzogener Preisvorstellungen – verpasst. Das ist Diekmanns bisher größter Fehler.
Durchgerungen
Es ist gut, dass sich die Allianz endlich dazu durchgerungen hat, das Problem Dresdner Bank anzugehen. Die im März angekündigte Aufspaltung der Bank gab das Signal dafür. Im Kapitalmarktgeschäft stehen die Zeichen nun auf Trennung – alles andere würde die von der Allianz mit der Aufspaltung geweckten Erwartungen der Börse enttäuschen und wäre damit kontraproduktiv. Diekmann wirkt mit seiner späten Kehrtwende wie ein Getriebener. Der Schlussstrich wird für die Allianz voraussichtlich teuer. Zurzeit ist das Kapitalmarktgeschäft – wenn überhaupt – wohl nur für einen symbolischen Preis zu verkaufen.
Doch die Notoperation im Investmentbanking kann nur ein Anfang sein. Viel wichtiger ist, was die Allianz mit dem Privatkundengeschäft der Dresdner Bank anfängt. Seit die Allianz das Kreditinstitut vor sieben Jahren für mehr als 24 Milliarden Euro ganz übernommen hat, ist der Versicherer den Beweis schuldig, dass er erfolgreich eine Bank führen kann. Erinnerungen werden wach an die fatale Chrysler-Übernahme von Daimler-Benz und das gescheiterte Rover-Abenteuer von BMW in den neunziger Jahren. Natürlich haben die Filialen der Dresdner Bank der Allianz einen zusätzlichen Vertriebskanal eröffnet. Doch die Verkaufserfolge sind nicht überwältigend. Das mag daran liegen, dass die Allianz das Vertriebspotential der Bank nicht recht zu erschließen versteht, oder schlicht daran, dass die Dresdner zu klein ist.
Verschiedene Fusions- und Übernahmepläne
Die Allianz hat womöglich schon bald eine gute Chance, ihr Bankgeschäft neu aufzustellen. Seit Monaten spielen die privaten Großbanken in Deutschland verschiedene Fusions- und Übernahmepläne durch. Zurzeit ist kaum abzuschätzen, wer am Ende mit wem zusammengeht. Zum Kandidatenkreis gehören Dresdner Bank, Deutsche Bank, Commerzbank und Postbank. Auch die deutsche Sparte der amerikanischen Citigroup ist zu haben. Ideal wäre für die Allianz am Ende eine Konstellation, in der sie an einer deutschen Privatkundenbank, die wesentlich größer ist als die heutige Dresdner Bank, eine Sperrminorität hielte. Die wäre nötig, um den Vertriebskanal abzusichern. Ein Komplettverkauf der Dresdner Bank würde zwar von der Börse kurzfristig vermutlich ebenfalls belohnt, drohte aber den Versicherungsvertrieb zu schwächen.
Große Schwierigkeiten hätte die Allianz dagegen, ihren Aktionären eine Mehrheitsbeteiligung an einer neuen Großbank zu vermitteln. Zu schlecht ist ihre Erfolgsbilanz bei der Dresdner Bank, zu stark würden sich damit die Gewichte in Richtung Bankgeschäft verlagern. Als letzte denkbare Variante bliebe, dass sich gar nichts ändert; weil die erwartete Bankenkonsolidierung ausbleibt oder – noch schlechter – andere Bündnisse ohne die Dresdner Bank geschmiedet werden. Dann würde die Allianz mit ihrer Bank in der strategischen Sackgasse feststecken.
Der Druck auf die Allianz ist groß. Ihre Versäumnisse bei der Dresdner Bank sind mehr als ein teurer Schnitzer. Sie sind eine Bedrohung für den Konzern insgesamt. Weitere Untätigkeit könnte die Allianz zum Übernahmeziel machen. Sie hat ihren Jahresüberschuss in den vergangenen vier Jahren verdreifacht, doch der Aktienkurs stieg seit Anfang 2004 nur um rund ein Viertel. Eine solche klare Unterbewertung des neben der Deutschen Bank wichtigsten deutschen Finanzkonzerns ist gefährlich. Sie wirkt wie ein Magnet auf Firmenjäger. Kurzfristig mag die Finanzkrise Schutz bieten, mittelfristig nicht. Die Allianz muss deshalb dringend ihren Aktienkurs in Schwung bringen, und dafür muss sie die Lösung des Problems Dresdner Bank entschlossen angehen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2481 | −0,06% |
| Rohöl Brent Crude | 106,36 $ | −0,46% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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