Home
http://www.faz.net/-gqe-77zvy
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
easyfolio

Vermögensbildung in der Schuldenkrise Gläubiger und Eigentümer

Die Finanzkrise begleitet uns seit fast sechs Jahren, die Unsicherheit über die weitere wirtschaftliche Entwicklung bleibt hoch. Anleger sollten sich dennoch häufiger trauen, sich nicht nur auf die Rolle als Gläubiger zu fixieren, sondern sich auch als Eigentümer zu engagieren.

© dpa Vergrößern Es kann riskant sein kann, einem im Vergleich zur Wirtschaftskraft seines Heimatlandes überdimensionierten Bankensystem Geld anzuvertrauen

Die Finanzkrise begleitet die Menschen seit nunmehr fast sechs Jahren. Sie nahm ihren Anfang mit einer Krise am amerikanischen Immobilienmarkt, erfasste Banken auf beiden Seiten des Atlantiks und hat in Europa zusätzlich den Charakter einer Staatsschuldenkrise angenommen. Im Jahr 2009 stürzte die deutsche Wirtschaft in eine Rezession, erholte sich dann sehr rasch und scheint derzeit an Schwung zu verlieren. Die gerade in Deutschland verbreiteten Ängste vor hohen Inflationsraten haben bisher getrogen, aber die Unsicherheit über die weitere wirtschaftliche Entwicklung bleibt hoch.

Gerald Braunberger Folgen:    

Trotz aller Turbulenzen haben sich die Grundprinzipien einer langfristigen Vermögensbildung nicht verändert. Langfristige Vermögensbildung beruht auf einer vernünftigen Streuung von Risiken, ohne die Aussicht auf ordentliche Renditen aufzugeben. Ein Anleger sollte sich als Gläubiger und als Eigentümer engagieren. In Deutschland sind viele Anleger zu einseitig auf die Rolle als Gläubiger fixiert.

Anlagen der Deutschen sollen in erster Linie sicher sein

Das ist ein Grund, warum in dem Vergleich der Deutschen Bundesbank über die Vermögensverhältnisse in Europa viele andere Länder besser abgeschnitten haben. Bankguthaben, Sparbriefe, Anleihen und Pfandbriefe sind typische Anlageformen der Deutschen, mit denen sie die Rolle eines Gläubigers übernehmen und mit denen sich üblicherweise der Anspruch auf eine Rückzahlung zum Nennwert zuzüglich einer Zinszahlung verbindet.

Diese Anlagen sollen in erster Linie sicher sein und einen festen Ertrag abwerfen. Kaum etwas kennzeichnet den Anspruch auf Sicherheit besser als die mittlerweile etwas aus der Mode gekommene Bezeichnung „Bankbeamter“ für Mitarbeiter auch privater Kreditinstitute sowie die Bezeichnung „Witwen-und-Waisen-Papiere“ für Pfandbriefe. Letztlich entspringt auch die Ernüchterung über aktuell negative Renditen nach Inflation auf viele Zinsanlagen der Vorstellung, ein Anleger besitze eine Art gottgegebenen Anspruch auf eine positive Realverzinsung.

Gläubigern stehen immer Schuldner gegenüber. Ein Bankguthaben ist aus der Sicht des Anlegers eine Forderung gegenüber der Bank, aus der Sicht der Bank eine Schuld gegenüber dem Anleger. Anleihen sind Forderungen, die von einem Schuldner verzinst und zurückgezahlt werden. Wird der Schuldner zahlungsunfähig, sind die Forderungen der Gläubiger gefährdet.

Festverzinsliche Geldanlage hat immer dominiert

Einlagensicherungssysteme sorgen dafür, dass Bankguthaben weitgehend sicher sind, aber schon vor Zypern hat vor wenigen Jahren der Fall Island gelehrt, dass es riskant sein kann, einem im Vergleich zur Wirtschaftskraft seines Heimatlandes überdimensionierten Bankensystem Geld anzuvertrauen.

Solide Staaten und gut geführte Unternehmen tilgen ihre Anleihen, aber Besitzer griechischer oder argentinischer Staatsanleihen kennen ebenso wie Besitzer der einen oder anderen deutschen Mittelstandsanleihe die Folgen, wenn ein Anleiheemittent zahlungsunfähig wird. Gläubigerpapiere mit fester Verzinsung sind anfällig für eine langsame Entwertung durch Inflation. Die Vorstellung, ein Anleger habe Anspruch auf eine positive Realverzinsung, ist ein für Gläubiger typisches Denken. Ein Schuldner wird dies anders sehen, ein Eigentümer möglicherweise auch.

Historisch hat die festverzinsliche Geldanlage in Deutschland immer dominiert. Aber die langfristige Bildung von Eigentum durch Erwerb von Sachkapital ist darüber vernachlässigt geblieben. Eigentum ist wenig beliebt, weil die Erträge gewöhnlich schwankend sind und kein Rückzahlungsanspruch besteht. Ein Eigentümer kann sogar einen Totalverlust erleiden.

Viele Anleger schrecken vor Kursschwankungen zurück

Andererseits bietet Eigentum an Sachkapital einen Schutz gegen Inflation. Sachkapital besteht aus Grundstücken und Immobilien, Unternehmen und Rohstoffen. Der typische Sachkapitalerwerb ist der Kauf selbst genutzten Wohneigentums, aber auch er ist in Deutschland weniger beliebt als in Frankreich, Italien oder Spanien. Mit der Aktie kann der Privatanleger Eigentum an Unternehmen erwerben; finanziell potenten Investoren steht der Erwerb von Beteiligungskapital (Private Equity) offen. Keine Anlageform war über die vergangenen Jahrzehnte so erfolgreich wie Beteiligungskapital.

Dennoch wollen viele Anleger angesichts der sehr starken Kursschwankungen nichts von Aktien wissen. Eigentum an Sachkapital sollte jedoch nicht als kurzfristiges Spekulationsobjekt verstanden werden, sondern als eine langfristige Beteiligung am Produktivkapital der Wirtschaft. Die meisten großen Vermögen sind durch Eigentum an Sachkapital entstanden.

Mehr zum Thema

Wirtschaftliche Lagen, in denen Zinsanlagen nach Abzug von Inflation und Steuern keine positiven Renditen bringen, hat es immer wieder gegeben. Als Beispiel mögen die Vereinigten Staaten in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg dienen. Viele Anleger haben damals den Aktienanteil in ihren Depots langfristig erhöht, und sie sind damit gut gefahren.

Die augenblickliche Krise in Europa sollte nicht den Blick darauf verstellen, dass die Weltwirtschaft weiter wächst und viele Unternehmen von diesem Wachstum profitieren. Die Anleger müssen sich häufiger trauen, Eigentümer zu werden.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Ein Einführungskurs Anleihen für Dummies

Viele Anleger schrecken vor Anleihen zurück. Einst hoch verzinste Bundespapiere bringen mittlerweile wenig, und Zinspapiere von Unternehmen gelten als unsicher. Doch was sind Anleihen überhaupt? Warum sind sie riskant und welche Anleihe ist die richtige? Mehr Von Martin Hock

14.11.2014, 12:23 Uhr | Finanzen
Mittelstandsanleihen-Ticker Rickmers-Rating fällt auf CCC

Alno siegt vor Gericht: Das Unternehmen durfte seinen Vorstandschef feuern. Ferratum will an die Börse und German Pellets begibt eine neue Anleihe. Mehr

19.11.2014, 13:57 Uhr | Finanzen
Anleihen Anlegen mit Zinsinstrumenten

Immer wenn es kriselt, kommen Zinsinstrumente groß in Mode. Sind aber Anleihen wirklich so sicher, wie immer gesagt wird? Mehr Von Christof Leisinger

12.11.2014, 14:14 Uhr | Finanzen
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 29.03.2013, 11:39 Uhr

Der Altmeister

Von Holger Steltzner

Die EZB will möglichst rasch Staatsanleihen von Euro-Krisenländern kaufen. Dass das etwas bringt, glauben weder Finanzexperten noch altgediente Notenbankpräsidenten. Mehr 31 66


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Grafik des Tages Wer in Europa am meisten forscht

Nicht nur in staatlichen Einrichtungen und Hochschulen wird geforscht. In vielen EU-Ländern macht der Unternehmenssektor den größten Anteil an den Ausgaben aus. Doch es gibt auch Ausnahmen. Mehr 2

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden