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Vermögensbildung in der Schuldenkrise : Gläubiger und Eigentümer

Es kann riskant sein kann, einem im Vergleich zur Wirtschaftskraft seines Heimatlandes überdimensionierten Bankensystem Geld anzuvertrauen Bild: dpa

Die Finanzkrise begleitet uns seit fast sechs Jahren, die Unsicherheit über die weitere wirtschaftliche Entwicklung bleibt hoch. Anleger sollten sich dennoch häufiger trauen, sich nicht nur auf die Rolle als Gläubiger zu fixieren, sondern sich auch als Eigentümer zu engagieren.

          Die Finanzkrise begleitet die Menschen seit nunmehr fast sechs Jahren. Sie nahm ihren Anfang mit einer Krise am amerikanischen Immobilienmarkt, erfasste Banken auf beiden Seiten des Atlantiks und hat in Europa zusätzlich den Charakter einer Staatsschuldenkrise angenommen. Im Jahr 2009 stürzte die deutsche Wirtschaft in eine Rezession, erholte sich dann sehr rasch und scheint derzeit an Schwung zu verlieren. Die gerade in Deutschland verbreiteten Ängste vor hohen Inflationsraten haben bisher getrogen, aber die Unsicherheit über die weitere wirtschaftliche Entwicklung bleibt hoch.

          Gerald Braunberger

          Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

          Trotz aller Turbulenzen haben sich die Grundprinzipien einer langfristigen Vermögensbildung nicht verändert. Langfristige Vermögensbildung beruht auf einer vernünftigen Streuung von Risiken, ohne die Aussicht auf ordentliche Renditen aufzugeben. Ein Anleger sollte sich als Gläubiger und als Eigentümer engagieren. In Deutschland sind viele Anleger zu einseitig auf die Rolle als Gläubiger fixiert.

          Anlagen der Deutschen sollen in erster Linie sicher sein

          Das ist ein Grund, warum in dem Vergleich der Deutschen Bundesbank über die Vermögensverhältnisse in Europa viele andere Länder besser abgeschnitten haben. Bankguthaben, Sparbriefe, Anleihen und Pfandbriefe sind typische Anlageformen der Deutschen, mit denen sie die Rolle eines Gläubigers übernehmen und mit denen sich üblicherweise der Anspruch auf eine Rückzahlung zum Nennwert zuzüglich einer Zinszahlung verbindet.

          Diese Anlagen sollen in erster Linie sicher sein und einen festen Ertrag abwerfen. Kaum etwas kennzeichnet den Anspruch auf Sicherheit besser als die mittlerweile etwas aus der Mode gekommene Bezeichnung „Bankbeamter“ für Mitarbeiter auch privater Kreditinstitute sowie die Bezeichnung „Witwen-und-Waisen-Papiere“ für Pfandbriefe. Letztlich entspringt auch die Ernüchterung über aktuell negative Renditen nach Inflation auf viele Zinsanlagen der Vorstellung, ein Anleger besitze eine Art gottgegebenen Anspruch auf eine positive Realverzinsung.

          Gläubigern stehen immer Schuldner gegenüber. Ein Bankguthaben ist aus der Sicht des Anlegers eine Forderung gegenüber der Bank, aus der Sicht der Bank eine Schuld gegenüber dem Anleger. Anleihen sind Forderungen, die von einem Schuldner verzinst und zurückgezahlt werden. Wird der Schuldner zahlungsunfähig, sind die Forderungen der Gläubiger gefährdet.

          Festverzinsliche Geldanlage hat immer dominiert

          Einlagensicherungssysteme sorgen dafür, dass Bankguthaben weitgehend sicher sind, aber schon vor Zypern hat vor wenigen Jahren der Fall Island gelehrt, dass es riskant sein kann, einem im Vergleich zur Wirtschaftskraft seines Heimatlandes überdimensionierten Bankensystem Geld anzuvertrauen.

          Solide Staaten und gut geführte Unternehmen tilgen ihre Anleihen, aber Besitzer griechischer oder argentinischer Staatsanleihen kennen ebenso wie Besitzer der einen oder anderen deutschen Mittelstandsanleihe die Folgen, wenn ein Anleiheemittent zahlungsunfähig wird. Gläubigerpapiere mit fester Verzinsung sind anfällig für eine langsame Entwertung durch Inflation. Die Vorstellung, ein Anleger habe Anspruch auf eine positive Realverzinsung, ist ein für Gläubiger typisches Denken. Ein Schuldner wird dies anders sehen, ein Eigentümer möglicherweise auch.

          Historisch hat die festverzinsliche Geldanlage in Deutschland immer dominiert. Aber die langfristige Bildung von Eigentum durch Erwerb von Sachkapital ist darüber vernachlässigt geblieben. Eigentum ist wenig beliebt, weil die Erträge gewöhnlich schwankend sind und kein Rückzahlungsanspruch besteht. Ein Eigentümer kann sogar einen Totalverlust erleiden.

          Viele Anleger schrecken vor Kursschwankungen zurück

          Andererseits bietet Eigentum an Sachkapital einen Schutz gegen Inflation. Sachkapital besteht aus Grundstücken und Immobilien, Unternehmen und Rohstoffen. Der typische Sachkapitalerwerb ist der Kauf selbst genutzten Wohneigentums, aber auch er ist in Deutschland weniger beliebt als in Frankreich, Italien oder Spanien. Mit der Aktie kann der Privatanleger Eigentum an Unternehmen erwerben; finanziell potenten Investoren steht der Erwerb von Beteiligungskapital (Private Equity) offen. Keine Anlageform war über die vergangenen Jahrzehnte so erfolgreich wie Beteiligungskapital.

          Dennoch wollen viele Anleger angesichts der sehr starken Kursschwankungen nichts von Aktien wissen. Eigentum an Sachkapital sollte jedoch nicht als kurzfristiges Spekulationsobjekt verstanden werden, sondern als eine langfristige Beteiligung am Produktivkapital der Wirtschaft. Die meisten großen Vermögen sind durch Eigentum an Sachkapital entstanden.

          Wirtschaftliche Lagen, in denen Zinsanlagen nach Abzug von Inflation und Steuern keine positiven Renditen bringen, hat es immer wieder gegeben. Als Beispiel mögen die Vereinigten Staaten in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg dienen. Viele Anleger haben damals den Aktienanteil in ihren Depots langfristig erhöht, und sie sind damit gut gefahren.

          Die augenblickliche Krise in Europa sollte nicht den Blick darauf verstellen, dass die Weltwirtschaft weiter wächst und viele Unternehmen von diesem Wachstum profitieren. Die Anleger müssen sich häufiger trauen, Eigentümer zu werden.

          Quelle: F.A.Z.

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