Europas größter Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr hat ein sehr schlechtes Quartal hinter sich und wird wohl schon bald nicht mehr von seinem bisherigen Vorstandsvorsitzenden Bernd Buchholz geführt werden. Einen ersten Schritt in diese Richtung hat Buchholz getan: Wie der Mutterkonzern Bertelsmann am Mittwoch mitteilte, gibt er mit sofortiger Wirkung seinen Posten als Vorstandsmitglied von Bertelsmann auf. Sein Abschied als Chef von Gruner + Jahr (mit Titeln wie „Stern“, „Brigitte“ und „Geo“) scheint nun nur noch an der Höhe der Abfindung zu hängen. „Das ist nur noch eine Frage der Zeit“, heißt es in unternehmensnahen Kreisen.
Wie zu hören ist, hat die Medienkrise die Gruner + Jahr AG & Co. KG hart getroffen. Wenn der Mutterkonzern Bertelsmann AG am Freitag seine Halbjahreszahlen bekanntgibt, wird für die Hamburger Tochtergesellschaft nach Informationen dieser Zeitung ein deutlicher Ergebnisrückgang zu Buche stehen. Buchholz’ Rücktritt vom Amt des Bertelsmann-Vorstandsmitglieds ist aber nicht allein auf die schlechte Geschäftsentwicklung zurückzuführen.
Aus Unternehmenskreisen verlautete auch, Buchholz sei unzufrieden, weil Bertelsmann einige seiner Ideen für die weitere Entwicklung des Verlagshauses nicht mittragen wollte. Als Buchholz das britische Marktforschungsunternehmen Yougov kaufen wollte, stoppte der neue Vorstandsvorsitzende von Bertelsmann, Thomas Rabe, den Vorstoß in letzter Minute. Das war im März dieses Jahres - und scheint in einer Art Eklat geendet zu haben. Buchholz soll den Vertrag für die 100 Millionen Euro teure Übernahmen schon unterschriftsreif gehabt haben und fühlte sich offenbar bloßgestellt. Sein Rücktritt wird in informierten Kreisen deshalb auch auf dieses Ereignis zurückgeführt. Zu hören ist zudem, dass das operative Ergebnis von Yougov so niedrig sei, dass es Gruner + Jahr ohnehin nicht hätte beflügeln können, die Ablehnung des Geschäfts aus diesem Grund naheliegend gewesen sei.
Das Verhältnis von Buchholz zu Rabe gilt darüber hinaus als schwierig, weil der Bertelsmann-Chef die Führung in dem Gütersloher Medienimperium straffen und stärker zentralisieren will. Der Konzern ist auf vier großen Feldern unterwegs: im Fernsehen (RTL), im Buchgeschäft (Random House), im Zeitschriftengeschäft (Gruner + Jahr) und im Dienstleistungsgeschäft (Arvato). Bisher agieren diese verschiedenen Einheiten relativ unabhängig voneinander. Vor allem bei Gruner+Jahr wünscht sich Rabe jedoch einen stärkeren Durchgriff.
Entscheidend in diesem Zusammenhang ist, dass der Konzern gerade mit der Hamburger Verlegerfamilie Jahr über die Lage und weitere Ausrichtung des Zeitschriftenkonzerns verhandelt. Die Familie hält 25,1 Prozent der Anteile an Gruner+Jahr. Die übrigen Anteile besitzt Bertelsmann. Schon die Ankündigung der Verkaufsbereitschaft der Jahrs dürfte die Position von Buchholz unterminiert haben. „Die Jahrs wollen raus“, heißt es in Unternehmenskreisen: Eine neue Familiengeneration sehe, dass der Wert von Gruner+Jahr stetig sinke und sei an einer Diversifikation ihrer Anteile interessiert. Dem Vernehmen nach geht es in den Gesprächen auch um einen möglichen Anteilstausch. Offen sind demnach derzeit vor allem Bewertungsfragen. Die Jahr-Seite hält eine Beteiligung von 5 Prozent an Bertelsmann im Tausch gegen die Gruner+Jahr-Anteile mit einem geschätzten Wert von rund 550 Millionen Euro für realistisch. In Gütersloh wird diese Ansicht so offenbar noch nicht geteilt.
Kommt es aber zu einer Einigung, könnte Bertelsmann bei Gruner+Jahr freier agieren und den Verlag wieder auf die Spur setzen - das aber in jedem Fall ohne Buchholz, dem zu allem Überfluss auch noch erhebliche strategische Versäumnisse rund um den Aufbau eines zukunftsweisenden Digitalgeschäfts vorgeworfen werden.
Buchholz hat seinen Rücktritt gegenüber dem Aufsichtsrat von Bertelsmann erklärt, der in dieser Woche in Berlin tagt. Das Kontrollgremium bedauere diese Entscheidung und danke Buchholz für die langjährige Zusammenarbeit, hieß es pflichtschuldig in einer Mitteilung des Konzerns. In Wahrheit dürfte man in Gütersloh aber sehr erleichtert sein, dass sich die Dinge rund um Gruner+Jahr nun zu klären beginnen. Offen scheint derzeit sogar, ob es überhaupt einen direkten Nachfolger für Buchholz in der Funktion des Vorstandsvorsitzenden von Gruner geben wird. Das hänge entscheidend von der angestrebten Neuordnung des Verlags ab, hieß es. Andere wiederum halten es für möglich, dass die Gruner+Jahr-Verlagsmanagerin Julia Jäkel Chancen auf die Buchholz-Nachfolge hat.