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Verkehr : Die fabelhafte Siegesfahrt des Fahrrads

Wer bekommt am meisten Platz? Fahrradkolonnen und Autos auf Berlins Straßen Bild: Gyarmaty, Jens

In Deutschland werden heute mehr Fahrräder als Autos verkauft. Wie hat der alte Drahtesel das geschafft? Und wie behauptet er sich im alltäglichen Verteilungskampf mit Autos und anderen Verkehrsteilnehmern?

          Es wird eng auf Deutschlands Straßen. Und aggressiv. Das kann jeder bestätigen, der in Köln schon mal versucht hat, mit dem Fahrrad die Ringe zu überqueren, in Berlin mit seinem Auto am Kreuzberger Moritzplatz rechts abbiegen wollte oder in Frankfurt die Konrad-Adenauer-Straße entlangspaziert ist. Der Raum ist knapp. Denn eine Gruppe Verkehrsteilnehmer wird stärker: die Radfahrer.

          Jonas Jansen

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für die „Netzwirtschaft“.

          40 Prozent beträgt ihr Anteil am Verkehr im gutbürgerlichen Berliner Stadtviertel Prenzlauer Berg - kein Wunder, dass die Radfahrer angesichts ihrer zahlenmäßigen Macht Platz fordern. Jahrelang stritten sich Bürgerinitiativen und das Bezirksamt um den Umbau der Kastanienstraße im Viertel: die Bürgersteige sollen schmaler werden, die Radfahrer mehr Platz bekommen. Und die Straße soll breiter werden - eine Herausforderung für Stadtplaner. Denn der Verteilungskampf auf Deutschlands Straßen birgt viel Aggressionspotential.

          Jeder Fünfte nutzt täglich das Fahrrad

          70 Millionen Fahrräder rollen heute durch die Republik, im Jahr 2000 waren es noch 60 Millionen. Mit vier Millionen werden jedes Jahr mehr Räder verkauft als Autos. Jeder Fünfte nutzt das Fahrrad täglich. Es sind längst nicht bloß die Studentenstädte wie Freiburg oder Münster, die zu Fahrradstädten mutieren, auch die größten deutschen Metropolen wie Köln, München oder Frankfurt verzeichnen steigende Zahlen. Rund vier Millionen Fahrräder wurden im vergangenen Jahr verkauft, die Branche jubelt über Umsatzrekorde, geben die Deutschen doch immer mehr Geld fürs Fahrrad aus.

          Berlin wird auch zur Fahrradhauptstadt der Nation. Seit 2008 hat sich die Zahl der Fahrradfahrer in Berlin verdoppelt, ergibt eine noch nicht veröffentlichte Studie des Innovationszentrums für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ), das unter anderem von der Deutschen Bahn finanziert wird. In den Sommermonaten wird ein Fünftel aller Wege in Berlin mit dem Rad zurückgelegt.

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          Die Hauptstadt soll zum bundesweiten Vorbild werden: Der von Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer kürzlich vorgelegte „Nationale Radverkehrsplan 2020“ sieht vor, dass in acht Jahren in ganz Deutschland jeder fünfte Weg mit dem Fahrrad gefahren werden soll. Momentan liegt der Anteil der Radfahrer am Verkehr bei 13 Prozent, Tendenz steigend.

          „Das Auto als Statussymbol hat in den Innenstädten ausgedient“

          Von den ehrgeizigen Zielen, den Radverkehr stark zu fördern, sind aber längst nicht alle überzeugt: Die Grünen kritisieren, dass der Bund zuletzt die Ausgaben für neue Radwege gekürzt habe, es zwischen den Plänen Ramsauers und der Ausführung also durchaus Verbesserungsbedarf gebe. Trotzdem gilt: Das Fahrrad ist auf dem Siegeszug. „Das Auto als Statussymbol hat in den Innenstädten ausgedient“, sagt der Mobilitätsforscher Andreas Knie vom InnoZ.

          Knie unterteilt die Fahrradfahrer in drei Gruppen: die neue, stark wachsende Gruppe sind die Umsteiger, die früher bloß Auto fuhren und nun für die kurzen Wege in der Stadt das Rad entdecken. Diese Gruppe will sich bewegen, sich fit halten und nebenbei auch etwas für die Umwelt tun. Auch Rentner gehören dazu, die mit E-Bikes durch die Stadt schnurren, und Gutsituierte, die das Fahrrad als Lifestyleobjekt ansehen.

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